Makar Iwanowitsch Mazkewitsch – Neuer Freitagsbrief Nr. 96

Anlässlich des 80. Jahrestags des Überfalls Deutschlands auf Pole, haben wir einen Freitagsbrief aus dem Jahr  2005 ausgewählt. Der Briefschreiber geriet als Soldat der polnischen Armee 1939 in deutsche Kriegsgefangenschaft, da er aus einem Gebiet stammte, das 1922 nach dem polnisch-sowjetischen Krieg durch den Vertrag von Riga polnisch wurde. Die polnischen Kriegsgefangenen  wurden völkerrechtswidrig behandelt und „zivil geschrieben“ und verloren so den Schutz des Völkerrechts für Kriegsgefangene.

Belarus Gebiet Brest
Makar Iwanowitsch Mazkewitsch

Sehr geehrte Frau Hilde Schramm und Herr Eberhard Radczuweit,

mit tiefer Dankbarkeit schreibt Ihnen Mazkewitsch Makar Iwanowitsch, ein Teilnehmer des Zweiten Weltkrieges und  Kriegsinvalide der 1. Gruppe. Vielen Dank für Ihre Sorge für mich, für einen einfachen Soldaten, für den Bürger eines anderen Landes. Heute bin ich sehr alt. Ich bedanke mich bei Ihnen für das große Geld, das Sie als Geschenk zum 60. Jahrestag des Sieges über den Faschismus überwiesen haben. Hauptsächlich bin ich für Ihre Worte dankbar.

In den letzten Jahren habe ich als ehemaliger Kriegsgefangener und später ein „Ostarbeiter“ bereits eine ausreichende Entschädigung von der heutigen unschuldigen Generation der Deutschen erhalten.

Ich habe den Krieg und den Faschismus bereits im September 1939 kennen gelernt. Ich diente an der polnisch-tschechischen Grenze in der Nähe vom Städtchen Rabkov-Sbruj [?]. Dort wurde ich gefangen genommen und war in einigen KZs. Für das ganze Leben habe ich die Quälerei der KZs im Gedächtnis behalten. Wir haben eine unsinnige und unerträglich schwere Arbeit geleistet. Wir wurden mit erfrorenen Steckrüben ernährt. Die Nacht haben wir in den unbeheizten Baracken verbracht und haben direkt auf den Holzbrettern geschlafen. Jeden Morgen wurden aus der Baracke ein paar Leichen weggeschleppt. Das kann man nicht vergessen. Das Leben bei den Bauern sah hingegen nicht wie eine Zuchthausstrafe [Originalausdruck d.Übers.] aus. Die Bauern haben uns, Soldaten einer feindlichen Armee, menschlich behandelt. Für das ganze Leben habe ich einen Namen im Kopf behalten: Emil Skrublin. Sein Sohn hatte an der Ostfront gedient und fiel etwa im Jahre 1941 oder 1942. Trotzdem war unser Arbeitgeber nicht böse. Wir waren doch einfache gefangene Soldaten. Er hat verstanden, wer an diesem blutigen Krieg schuldig ist. Als sein Sohn noch am Leben war und sich unweit vom Wohnort meiner Familie befand, besuchte er meine Eltern in einem Dorf bei Baranowitschi und berichtete über meinen Aufenthaltsort. Später beschrieb er das Leben meiner Eltern in seinem Brief an seinen Vater. Während unserer Arbeit bei den Bauern wurde uns erlaubt, orthodoxe Feste zu feiern. Wir wurden gut ernährt. Das hat uns eine Überlebenschance gegeben. Natürlich haben nicht alle dieses Glück gehabt.

Zum zweiten Mal bin ich dem Krieg begegnet, als ich nach der Befreiung der Stadt Klajpeda durch die Sowjettruppen in die Rote Armee einberufen worden bin. In den Reihen der 1. Baltischen Front habe ich bei Königsberg gekämpft. Es ist schwer, mit Worten zu übermitteln, was ein Mensch fühlt, der ohne Übertreibung über Leichen rennen soll [russ. feste Reedewendung, d.Übers.]. Die Geschosse explodierten ununterbrochen. Es gab kein Versteck. Die Verletzten konnten nicht in Sicherheit gebracht werden. Im Februar 1945 bin ich auch verletzt worden. Dann habe ich zahlreiche Krankenhausaufenthalte gehabt. Den Tag des Sieges habe ich in einem Spital im Gebiet Tula gefeiert. Der Krieg war zu Ende. Die Menschen haben noch viele Jahre gelitten. Manche Familien leiden auch heute, weil über Schicksale ihrer Verwandten nichts wissen.

Zum dritten Mal habe ich erfahren, was der Krieg und der Faschismus bedeuten, als ich nach Hause, nach Weißrussland in den Bezirk Baranowitschi, zurückkehrte. Alle wissen aus der Geschichte, dass während des Großen Vaterländischen Krieges 1941-1944 jeder vierter Einwohner Weißrusslands ums Leben kam. Das ist aber nur Statistik. Als ich nach Weißrussland zurückkam, habe ich zahlreiche zerstörte Städte, niedergebrannte verwüstete Dörfer gesehen. Viele Dörfer und Ortschaften standen einfach leer, weil viele Juden umgebracht wurden. Vor dem Krieg gab es bei uns viele Juden. Wer konnte eine solche Idee entwickeln, das ganze Volk nur nach dem Prinzip der ethnischen Zugehörigkeit zu vernichten! Die Weißrussen, die Juden und die Polen haben sich gegenseitig geehrt, haben im Frieden gelebt. Niemand hat etwas Schlechtes getan. Die Massenvernichtung der jüdischen Bevölkerung ist eine schreckliche Tragödie des Krieges. Rund um Baranowitschi waren unzählige Massengräber mit zivilen Opfer zu sehen. Dort wurden auch einige verschleppte und erschossene Tschechen bestattet.

Was kann ich noch sagen? Krieg ist Krieg. Ich meine, die zivilisierten Menschen dürfen keine Kriege führen. Das hat die Zeit bewiesen. Die Sowjetarmee und die Alliierten haben die faschistische Armee besiegt. Die Deutschen haben mit eigener Kraft auf den Ruinen des Dritten Reiches einen wohlhabenden Staat gebaut. Die Deutschen haben die Ideologie des Krieges endgültig besiegt. Nicht zufällig sammeln heute die guten Menschen in Deutschland das Geld für die Kriegsveteranen aus der ehemaligen Sowjetunion. Nicht zufällig schämen sie sich. Sie müssen auf ihre Erfolge stolz sein. Zugleich ist der Zweite Weltkrieg nicht zu vergessen. Jedes Zeichen des Wiederbelebens der neofaschistischen Bewegungen in Europa und in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion muss bekämpft werden. Der Preis für die falsche Ideologie des Faschismus war zu hoch, um eine Wiederholung des Geschehens zuzulassen.

Wie lebte ich nach dem Krieg? Man kann sagen, gut. Ich, Jahrgang 1909, ehemaliger polnischer Soldat, Kriegsgefangener, Ostarbeiter, Rotarmist, der auch eine Verletzung und lange Behandlung überlebte, habe heute ein hohes Alter. Jetzt bin ich 96 Jahre alt. Nach dem Krieg habe ich eine Familie gegründet und lebte mit meiner Ehefrau 57 Jahre zusammen. Heute lebt sie nicht mehr. Mein Sohn ist mit einer Behinderung geboren. Ich habe auch eine Tochter, die als Ärztin arbeitet. Mein Stiefsohn ist auch ein Arzt. Ich habe zwei Enkel. Der jüngste Enkel studiert Medizin. Ich habe ein gutes Haus und eine gute Rente. Ich kann also weiterleben.

Ich möchte noch einmal meine Dankbarkeit für Ihre Worte und für Ihr Geldgeschenk aussprechen. Ich wünsche Ihnen alles Gutes und ein gutes Gelingen.

Beste Wünsche für die Deutschen von einem ehemaligen Soldat Mazkewitsch Makar Iwanowitsch.

Baranowitschi, im Mai 2005

(Unterschrift)