Das Moskau-Berlin-Protokoll (ALL-MB)

In allen medizinischen Fachrichtungen Russlands fehlen bis heute mit einer hier beschriebenen Ausnahme kontrollierte multizentrische Studien und kooperierende Gruppen von Wissenschaftlern und Ärzten. Dies galt bis in die 90er Jahre auch für das Gebiet der Kinderonkologie, deshalb fehlten Pflegestandards während der Chemotherapie. Mangelnde Infrastruktur, ein unzureichendes Hygieneniveau in den russischen Abteilungen für Kinderhämatologie, Mangel an qualifiziertem Personal und an Erfahrungen in der Durchführung moderner intensiver Protokolle der Chemotherapie – all dies bewirkte bei Kinderleukämie eine Sterberate von etwa 90 Prozent.

In dieser schwierigen Lage erschien als Ausweg die Anwendung der im Westen etablierten Therapieprogramme. Seit 1991 wurde ein Protokoll der deutschen BFM-Studiengruppe, das ALL-BFM 90, in Moskau angewandt. Es wurde dann in Russland de facto zum Standard der Behandlung von ALL-Patienten. Dennoch meinten die behandelnden Ärzte sowie ihre Partner an der Charité (Berlin), dass BFM für Patienten in Russland zu hohe Risiken birgt: BFM ist ein Therapieschema, das auf dem Boden eines hoch entwickelten Medizinwesens in einem reichen Land gestaltet wurde. Russland dagegen war nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion auf das Niveau eines Entwicklungslandes zurück gefallen. Diese hoch dosierte Chemotherapie ist ein intensives und kompliziertes Therapieprogramm mit hohen Dosen an toxischen Zytostatika sowie mit kranialer Bestrahlung (Schädel-Bestrahlung) der meisten Kinder. Wegen der schweren Nebenwirkungen sind hochqualitative und teure, unterstützende Maßnahmen nötig. Therapiebedingte Todesfälle waren in allen russischen Kinderkliniken die Folge.

Prof. Dr. Alexander I. Karatschunsky (Moskau) und Prof. Dr. Günter Henze (Berlin) entwarfen für Russland ein neues Therapieprotokoll, das ebenso effektiv ist wie das deutsche BFM-Protokoll, aber weniger aggressiv und kostengünstiger, einfacher in der Anwendung. Die Heilung der Patienten erfolgte nun im wesentlichen unter ambulanten Bedingungen. Der Bedarf an teuren Antibiotika und an Bluttransfusionen konnte gemindert werden. Auf kraniale Bestrahlung mit ihren gefährlichen Nebenwirkungen konnte weitgehend verzichtet werden. Dieses „Moskau-Berlin-Protokoll“ wurde zunächst in der Studie „ALL-MB 91“ am Republiks-Kinderkrankenhaus klinisch erprobt und mit ALL-BFM 90 im Rahmen einer randomisierten Studie verglichen.

Bis zum Jahre 1995 ergaben die wiederholten statistischen Datenanalysen die absolute Identität der Behandlungsergebnisse beider Protokolle, mit geringerer Toxizität bei den Patienten nach dem Protokoll ALL-MB 91.

Eine sehr wichtige Bedingung für die Durchsetzung des neuen Protokolls war die Wiederholbarkeit der Behandlungsergebnisse in anderen Kliniken Russlands. Dies war nur möglich im Rahmen einer kontrollierten multizentrischen Studie. Erstmals in der russischen Medizingeschichte wurde durch eine kooperative Studiengruppe eine multizentrische Studie durchgeführt. In deren Rahmen qualifizierten sich die teilnehmenden Ärzte und Krankenschwestern. Sie emanzipierten sich mit einem eigenen Therapieprogramm, anstatt fremde Protokolle zu kopieren. Es wurden die Prinzipien der internationalen onkologischen Statistik angewandt und die Behandlungsergebnisse sowohl insgesamt als auch für jede Klinik einzeln analysiert. Mit der Zeit schlossen sich immer mehr Kliniken an und schließlich umfasste die Studie ALL-MB 91/ALL-BFM 90 mehr als 700 Patienten aus 11 Zentren für Onkologie/Hämatologie in Russland. Im Mai 2002 war die Rekrutierung der Patienten im Rahmen dieser Studie abgeschlossen. Die Analyse der Behandlung der ALL nach beiden Protokollen bestätigte absolut die Identität der Ergebnisse sowohl für die gesamte Patientengruppe als auch für die einzelnen Risikogruppen. Der Beweis war erbracht, dass trotz Fehlens der intensiven hoch dosierten Chemotherapie das „Moskau-Berlin-Protokoll“ ebenso effektiv ist wie das deutsche BFM-Protokoll. Zu den Vorteilen gegenüber BFM zählt der geringere Bedarf an Bluttransfusionen und damit eine verringerte Infektionsgefahr; die Notwendigkeit der stationären Behandlung ist deutlich geringer. Das bedeutet nicht nur eine psychische Entlastung der Patienten, sondern auch eine verringerte Infektionsgefahr in Kliniken, wo Hygienemaßnahmen aufgrund baulicher und technischer Mängel für Kinder mit geschwächtem Immunsystem nur unzureichend realisierbar sind.

Die Darstellung des Moskau-Berlin-Protokolls wurde als Höhepunkt des Internationalen Kongresses der Kinderonkologen in Vancouver/Kanada im Sept. 2005 bezeichnet und mit einem ersten Preis ausgezeichnet.

Die Bedeutung der multizentrischen Studie „Moskau-Berlin“ für die Entwicklung der Medizin in Russland

Es gibt folgende Argumente zur Fortführung der multizentrischen Studie in Russland:

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