Projekt “New views on history”

Geschichtslehrkräfte aus Russland, Belarus, der Ukraine und Deutschland erarbeiten Unterrichtsentwürfe zum NS-Vernichtungskrieg

Laufzeit: 01.10.2019 bis 30.04.2021

Die Motivation für das Projekt

Geschichtsunterricht und -lehrbücher sind für die Vermittlung von gesellschaftlichen und politischen Werten von zentraler Bedeutung. Der Zweite Weltkrieg ist dabei bis heute eines der schmerzlichsten und konfliktreichsten Kapitel in der Erinnerung europäischer Gesellschaften. In den letzten Jahren haben sich NGOs und Lehrkräfte aus Deutschland, Russland, Belarus und Ukraine mehrfach an den Verein KONTAKTE-KOHTAKTbI gewandt. Sie sind auf der Suche nach geeigneten Quellen, um ihren Schüler*innen das Leben der Bevölkerung unter der NS-Besatzung von 1941 bis 1944 aus einer alltagsgeschichtlichen Perspektive zu vermitteln.

Vor dem Hintergrund des aktuell zunehmenden Rechtsextremismus, Populismus und Nationalismus in der Bundesrepublik Deutschland und Europa gewinnt die Auseinandersetzung mit dem Thema Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg im Geschichtsunterricht und der politischen Bildung wieder verstärkt an Bedeutung. Zudem weisen Geschichtslehrkräfte in Deutschland immer wieder darauf hin, dass der NS-Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion in Lehrplänen und Schulbüchern mehr Raum einnehmen sollte. Eine weitere Motivation für unser Projekt ist, dass wir gegenüber den „vergessenen“ NS-Opfern aus dem östlichen Europa, die uns ihre Erinnerungen an die Gräuel der NS-Herrschaft in Form von Briefen anvertrauten und anvertrauen, um damit über in der Bundesrepublik Deutschland wenig bekannte Seiten der NS-Herrschaft und des Zweiten Weltkriegs aufzuklären, unser Versprechen gegenüber einlösen wollen. Der ehemalige sowjetische Kriegsgefangene Wassilij Dawidowitsch L. aus dem Gebiet Rostow, Russland schrieb uns im Jahr 2009 beispielsweise:

Ich danke Ihrem Verein, dass er diese Arbeit macht, die vor allem für die jungen Menschen wichtig ist, damit sie alles über die Gräuel der Kriegsgefangenschaft erfahren, die wir damals durchlebt haben, als wir jung waren. Wir brauchen keinen Krieg. Möge auf dem ganzen Planeten mit dem Namen Erde immer Frieden herrschen.

Durch die Erarbeitung von Unterrichtsentwürfen zum NS-Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion aus der Perspektive von „vergessenen“ NS-Opfern möchten wir der Aufforderung der Opfer nachkommen und einen kleinen Beitrag zur Veränderung der oben beschriebenen Situation leisten.

Das Projekt

Die im Projekt „New views on history“ teilnehmenden 20 Geschichtslehrkräfte aus Russland, Belarus, der Ukraine und Deutschland erarbeiteten vier Unterrichtsentwürfe, die sich auf Erinnerungen von sowjetischen Kriegsgefangenen, Überlebenden der verbrannten Dörfer aus Belarus und jüdischen Überlebenden des Holocausts in der Ukraine basieren. Unterstützt wurden sie dabei von dem Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst, den NGOs „STAN“ aus Iwano-Frankiwsk (Ukraine), „Interra“ aus Krasnojarsk (Russland) und „Verständigung“ aus Minsk (Belarus) sowie KONTAKTE-KOHTAKTbI.

Die Lebenserinnerungen der NS-Opfer bieten den Schüler*innen die Möglichkeit, sich über einen biografischen Zugang mit den NS-Verbrechen im Zweiten Weltkrieg auseinanderzusetzen und etwas aus der Sicht eines gewöhnlichen Menschen über den Krieg auf dem besetzten Gebiet der damaligen Sowjetunion zu erfahren. Anhand des „Unternehmens ‚Barbarossa‘” lässt sich die NS-Ideologie und die auf ihr fußenden vielfältigen Verbrechen sowie ihre erschreckende Grausamkeit, Dichte und Verschränkung besonders anschaulich behandeln. Neben den Briefen der NS-Opfer, die aus dem Archiv von KONTAKT-KOHTAKTbI sowie dem Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst stammen, wurden auch Exponate aus der Dauerausstellung des Museums, der Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain und Bildquellen aus dem Belarussischen Staatlichen Archiv in die Unterrichtsentwürfe aufgenommen.

Geschichtswerkstatt 1, Gruppenarbeit
Geschichtswerkstatt I, Berlin, 2020

Unterrichtsentwürfe

Mit Unterstützung von Dolmetscher*innen und Übersetzer*innen wurden drei Unterrichtsentwürfe von internationalen Teams konzipiert. Ein Unterrichtsentwurf wurde durch eine ausschließlich belarussische Autor*innengruppe verfasst. Auch dieser wurde von den Kolleg*innen aus den anderen Ländern begutachtet, sodass er adäquat in diesen verwendet werden kann.

Die Unterrichtsentwürfe bieten wir interessierten Geschichtslehrer*innen zum Einsatz im Unterricht an. Diese können als PDF-Dateien heruntergeladen werden. Die Unterrichtsentwürfe wurden für die Verwendung im regulären Geschichtsunterricht konzipiert und für den Ausdruck gelayoutet. Die Aufgabenstellungen und Quellen können direkt im Unterricht eingesetzt werden. Mögliche Lösungen der Aufgabenstellungen wurden für die Lehrkräfte formuliert. Der Verlaufsplan gibt eine Orientierung für den Aufbau und die Strukturierung der Unterrichtsstunde.

Das animierte Video stellt die vier Unterrichtsentwürfe vor. Es wurde von den Projektteilnehmenden aus Brandenburg gemeinsam mit der Agentur CoAnimate erstellt.

Einführung zu den Unterrichtsentwürfen

Hier finden Sie detaillierte Informationen zu den vergessenen NS-Opfern, Quellen, didaktischen Überlegungen und angestrebten Kompetenzerweiterungen.

Ehemalige sowjetische Kriegsgefangene. Gestern, heute, morgen

In dem vorliegenden Unterrichtsentwurf geht es um das Schicksal der Millionen in Kriegsgefangenschaft geratenen sowjetischen Militärangehörigen. Ausgehend von der Vermittlung exakter historischer Fakten, können die SuS anhand der ihnen vorliegenden Briefe erkennen, dass das nationalsozialistische Deutschland sich nicht an geltende internationale Vereinbarungen hielt. Da in den Briefen nicht nur das Schicksal der ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen während des Krieges, der Gefangenschaft und der unmittelbaren Nachkriegszeit geschildert wird, sondern auch die Zeit der UdSSR und teilweise sogar die postsowjetische Ära, bieten sich im Unterricht Möglichkeiten einer sehr differenzierten Untersuchung und Urteilsfindung, einschließlich einer multiperspektivische Betrachtung.

Der Zweite Weltkrieg in der Sowjetunion – Die Opfer der verbrannten Dörfer

Dieser Unterrichtsentwurf besteht aus acht Modulen, die sich in die Sequenz des Zweiten Weltkriegs einfügen. Betrachtet werden soll die Thematik der Taktik der ‚verbrannten Erde’ während des Rückzugs der Wehrmacht aus den Gebieten der Belorussischen SSR und der Ukrainischen SSR.

Briefe der Überlebenden der verbrannten Dörfer

Dieser Unterrichtsentwurf hat zum Ziel, dass sich die SuS mit dem NS-Verbrechenskomplex der verbrannten Dörfer in der Belorussischen SSR während der Zeit der Besatzung auseinandersetzen. Dies soll hauptsächlich aus der Perspektive der Überlebenden der verbrannten Dörfer geschehen (Briefe). Die SuS arbeiten auch mit dem zentralen Dokument, dem Kriegsgerichtsbarkeitserlass, der Wehrmachtssoldaten dazu anhielt, (als Racheakte für die Überfälle durch Partisanen) mit brutalen Strafmaßnahmen gegen die Einwohnerschaft ganzer Orte vorzugehen und ihnen gleichzeitig Straffreiheit garantierte, obwohl es sich um Kriegsverbrechen handelte. Die SuS sollen dabei anhand des Quellenmaterials untersuchen, inwiefern dieser Erlass in die Realität umgesetzt wurde.

Das Schicksal der Juden während des Nationalsozialismus in Westeuropa und in den besetzten Gebieten der Sowjetunion

Durch diesen Unterrichtsentwurf lernen die SuS Spezifika des Holocausts in Deutschland bzw. Westeuropa sowie in den besetzten Gebieten der Sowjetunion kennen. Neben der Auseinandersetzung mit den immer tiefer greifenden Einschränkungen für jüdische Bürger*innen in Deutschland und der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung (Text- und Bildquellen sowie Sachtexte) lernen die SuS durch Ego-Dokumente, Auszügen aus Anne Franks Tagebuch und Inge Deutschkrons Autobiografie sowie den Briefen jüdischer Überlebender aus der Ukraine, den Alltag von Juden während des Holocausts in Westeuropa und der Sowjetunion kennen.

Förderer

Das Projekt wurde im Rahmen des Programms zum Ausbau der Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft in den Ländern der Östlichen Partnerschaft und Russland aus Mitteln des Auswärtigen Amts finanziert. Ferner förderte das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg und das Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg das Projekt in ideeller Form.

Das Auswärtigen Amt Logo
Logo Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst
Logo NGP Verständigung
Logo NGO STAN
NGO Interra

Stationen des Projektverlaufs