B. Svetlana Aleksandrowna – Neuer Freitagsbrief Nr. 86

8Diesen Brief erhielten wir im Original mit deutscher Übersetzung im Januar zusammen mit dem 71. Neuen Freitagsbrief, und auch  in diesem Fall können wir nicht absehen, ob und wann die Schreiberin unsere Spende erhalten wird. Allerdings sind wir seit zwei Jahren dabei, im Gebiet Mogiljow Geld und Briefe zu versenden, aber noch sind wir nicht zum Bezirk Krichev gelangt. Das im Bericht erwähnte Foto  wurde uns leider nicht geschickt.

Guten Tag!

Schon seit langem wollte ich über mich schreiben. Ich bin ein Kriegskind eines der schlimmsten Kriege der Menschheit, den Nazi-Deutschland am 22. Juni 1941 mit einem Angriff auf die Sowjetunion begann. Dies ist der Tag meiner Geburt. Auf meiner Geburtsurkunde ist der 27. Juni als mein Geburtstag angegeben, das ist ein Fehler. An diesem Tag wurde meine Geburt registriert. Ich wurde im Dorf Mikheevichi, Kreis Krichev im Gebiet Mogilev, Belarus, geboren. Dieses Gebiet war von den deutschen Eindringlingen in den ersten Monaten des Krieges besetzt worden und diese Besatzung dauerte länger als drei Jahre. Viele Quellen beschreiben und stellen die Schrecken dieser Zeit dar. Ich werde das trotzdem wiederholen. Man kann nicht vergessen, was damals passierte. Natürlich habe ich das in dem Alter nicht verstanden, aber meine Mutter, Boyko Nadezhda Petrovna, und meine Großmutter, Marfa Stanislavovna, haben mir alles bis zum letzten Komma und bis zur letzten Minute ihres Lebens erzählt, aber sie haben diese Welt schon lange verlassen. Offensichtlich konnten das Herz meiner Mutter und meiner Großmutter alles nicht ertragen. Ich sage gleich, dass der Krieg mich meines Vaters beraubt hat. Ich habe ihn nicht gesehen und meine Mutter und ich warteten auf ihn.

Die Lebensbedingungen für ein Neugeborenes — unmöglich sie mit Worten zu beschreiben. Nur die nackte Existenz und ständige Lebensbedrohung waren alltäglich. Während Kampfhandlungen saßen sie oft im Keller, aber es gab nicht genug Luft zum Atmen, und ich wurde nach oben in die Nähe der Kellerluke gelegt. Nach jeder Explosion hob meine Mutter den Deckel mit ihrem Kopf an und guckte nach, was mit mir war. Die Deutschen töteten bald Papas Eltern (wir wissen nicht, wofür, und sie haben uns so geholfen), haben uns aus dem Haus geworfen und haben dort Ihr Hauptquartier eingerichtet. Sie nahmen das Ferkel, Hühner, Kartoffeln, obwohl Großmutter auf Knien vor ihnen um Gnade bat. Wir kamen bei Verwandten unter, wo wir fast drei Jahre lebten. Meine Tante wurde bei den Armen gepackt und vor alle Leute gezertt und dann nach Deutschland geschickt. Ihr Name war Shlomova Vera Petrovna. Im Haus gab es Schreie und die Tränen strömten. Schon damals weinte ich, als ich sah, wie meine Verwandten getötet wurden. Oft gingen sie in den Wald, alles donnerte und die Erde bebte. Wir lebten dort mehrere Tage. Ich erinnere mich, dass der Nefe meiner Großmutter mich auf den Schultern trug, er lebt noch. Mehrfach hat man mit der Pistole auf mich gezielt, weil ich schwarzes, lockiges Haar hatte. Man hat mich gefragt, zu wem ich gehöre, wo meine Mutter ist. Meine Angst reichte für die Ewigkeit.

Ich schicke Ihnen auch ein Foto von mir aus dieser Zeit. Ich trage ein Kleid, das aus einem Kittel meines Vaters gemacht wurde. Mein Vater war Soldat und meine Mutter und ich hätten ein völlig anderes Leben führen können, aber alles war verloren. Meine Mutter und meine Großmutter sahen mich an und konnten nicht glauben, dass ich überlebt hatte, sie weinten sogar deshalb. Der Krieg raubte nicht nur meine Kindheit, sondern wirkte sich auf mein ganzes Leben aus.

Hochachtungsvoll

B. Svetlana Aleksandrowna