Anna Weniaminowna Schaschurina – Neuer Freitagsbrief Nr. 120

Anna Weniaminowna Schaschurina

Ukraine, Charkow
Februar 2010

Sehr geehrter Herr Eberhard Radczuweit!

Diesen Brief schreibt Ihnen Anna Weniaminowna Schaschurina, geb. Gofman, Jahrgang 1938. Ich möchte Ihnen sehr herzlich für Ihre Anteilnahme an meinem Schicksal danken sowie für die finanzielle Unterstützung. Ich danke Ihnen sehr, dass es auf der Welt noch  Menschen gibt wie Sie, denen die Überlebenden des Holocaust, die auf dieser Welt noch leben, nicht gleichgültig sind.

In letzter Zeit ist es für Rentner in der Ukraine sehr schwer geworden. Ich bekomme 640 Griwna Rente und nach der Miete und den Nebenkosten bleibt davon nur sehr wenig übrig.

Ich möchte Ihnen kurz davon erzählen, wie ich den Holocaust überlebt habe. Als unsere Stadt von den Deutschen besetzt wurde, war ich erst drei Jahre alt, aber ich werde Ihnen schreiben, wie meine Mutter mich vor dem Tod bewahrt hat.

1942 kamen die Deutschen und an alle Juden erging der Befehl, sich am Stadtrand von Charkow zu versammeln, von wo aus wir nach Deutschland ins KZ deportiert werden sollten. Wer nicht zum Sammelpunkt erschien, sollte erschossen werden. Um mich und meine Schwestern vor dem Tod zu bewahren, versteckte meine Mutter uns zuerst bei fremden Leuten im Gebiet Charkow im Keller. Erst lebten wir im Dorf Kosatschja Lopan, dann im Dorf Guty, wo die Bauern für die Deutschen Kühe hüteten, wofür sie im Austausch Lebensmittel bekamen. Dann musste meine Mutter meinen Namen in Reuzkaja ändern, denn während des Krieges nannten sie mich „Juda“ und dafür hätte wir erschossen werden können. Ich kann mich noch erinnern, wie ich als Kleines so sehr ein Bonbon essen wollte, und die deutschen Soldaten zeigten mir Zucker, Bonbons, Schokolade. Ich ging zu ihnen hin, um mir etwas zu nehmen, aber die Soldaten traten mich mit den Stiefeln.

Im Winter war das Überleben sehr schwer, wir wohnten im Keller ohne Strom und Heizung, und alle Lebensmittel hatten die deutschen Soldaten schon im Herbst mitgenommen. Um nicht zu verhungern, mussten wir Katzen essen und Kartoffelschalen, die die deutschen Köche wegwarfen, aber nach diesem Essen wurde mir immer schlecht und ich musste mich übergeben.

Als Charkow von den Nazis befreit wurde, kehrte mein Vater Weniamin Natanowitsch Gofman von der Front zurück und ich konnte meinen Nachnamen wieder in Gofman ändern.

Mit den besten Grüßen,

A. W. Gofman-Schaschurina

Aus dem Russischen von Valerie Engler