Marija Wassiljewna K. – Neuer Freitagsbrief Nr. 116

Marija Wassiljewna K.
Belarus, Gebiet Witebsk
10.03.2017

Sehr geehrter Herr Vorsitzender Gottfried Eberle,

Sehr geehrter Herr Geschäftsführer Eberhard Radczuweit,

verehrte Sponsoren, Mitglieder und Mitarbeiter Ihrer Organisation,

ich,  Marija Wassiljewna K., gläubige orthodoxe Christin, möchte mich von ganzem Herzen und aus tiefster Seele bei Ihnen allen für die große Hilfe von dreihundert Euro bedanken. Möge der Herr Ihnen allen und allen ihren Nachkommen Gesundheit geben, die Sonne Ihnen Wärme spenden und die Menschen Gutes tun.

Ich bin 89 Jahre alt. Den Krieg erlebte ich unter sehr schwierigen Bedingungen. In unserer Gegend war alles vermint, die ganze Erde voller Bunker und Schützengräben. Alle Arten von Minen, von Tretminen bis Panzerminen, einen Stacheldrahtzaun im Dorf, zwei Küchen, in denen je sechs junge Mädchen arbeiteten. Ich war klein, aber auch ich musste Gräben graben gehen. Dann kam ich zum Arbeiten in einen Bunker, in dem zwei Offiziere lebten, sie wurden Feldwebel genannt und waren gut zu mir, ich musste den Tisch abräumen, die Betten machen, die Erde raustragen, Tee aus der Küche bringen. Manchmal, nach dem Aufräumen, pflückte ich einen Strauß Feldblumen und stellte ihn in einer Konservenbüchse auf den Tisch. Dann habe ich noch in einem anderen Bunker gearbeitet, geputzt, bei einem Arzt, dort gab es weniger zu tun. Sie gaben mir Süßigkeiten, und ein Offizier sagte zu mir, komm, ich bring dich nach Deutschland zu meiner Frau. Ich sagte nein. Außerdem habe ich mit einem Gemüsebauern zusammengearbeitet, ich weiß noch, dass er Wigan hieß, ein guter Mensch, er brachte mir bei, wie man die Erde richtig umgräbt, welche Wurzeln man wegwerfen muss , daran erinnere ich mich noch heute. Er hat immer gesagt, ich soll nicht so viel arbeiten. Als die Deutschen schon Richtung Witebsk weiterzogen, kamen die Mädchen, die in den Küchen gearbeitet hatten, nach Hause zurück. Sie erzählten mir, dass der Offizier Feldwebel, der mich zu seiner Frau nach Deutschland schicken wollte, alle Lager nach mir durchsucht hätte, damit ich in der Küche arbeiten komme. In den Lagern war es sehr hart, Hunger, Kälte, die Guten waren nicht mehr am Leben, mögen sie bei Gott sein und in Frieden ruhen. Ich weiß von drei deutschen Friedhöfen, die ich Armeeangehörigen zeigen sollte, zwei davon gruben sie aus, sammelten die menschlichen Gebeine in Kisten, ich nehme an, sie wurden nach Deutschland geschickt, aber ich weiß es nicht. Auf dem dritten Friedhof gruben sie nicht, dort wachsen bis heute keine Sträucher, nur Gras. Während des Kriegs, als ich zum Schützengräben schaufeln gejagt wurde, stand dort in der Mitte ein großes Kreuz und drumherum kleinere, alle aus Birkenholz, überall weiß, man konnte es von weitem sehen. Über die Jahre sind sie verfault, und ich habe ein Kreuz aus Metall auf diesen Friedhof gebracht und es in der Mitte eingegraben, es steht noch immer da. Auf dem zweiten Friedhof wurden zwei Häuser gebaut, aber niemand lebt dort. Es ist schlimm, ein Teil davon wurde von Baggern umgegraben, für eine Straße, einen anderen Teil haben die Deutschen ausgegraben und Kleidung und Knochen gefunden. Der dritte Friedhof ist in Nowoaleksandrowka, gegenüber haben damals noch Leute gelebt und gesehen, wie sie dort Menschen bestattet haben, eine Frau lebt da noch, die Armeeleute haben alles wieder ausgegraben. Ein Haus wurde dort gebaut und steht noch, die Besitzer sind verstorben, jetzt wohnen dort andere Leute. Man kann nicht alles beschreiben. Aber ich bete zu Gott, dass sich so ein Krieg, wie wir ihn überlebt haben, niemals wiederholt.

Noch einmal vielen Dank an alle Sponsoren und Mitarbeiter für die große Hilfe, Gott beschütze Sie und Ihre Familien. Meine Beine laufen schlecht, meine Augen sehen schlecht, und auch mein Gehör ist schlecht.

Aus dem Russischen von Jennie Seitz