Jewgeni Iwanowitsch Walyka – Neuer Freitagsbrief Nr. 114

Sehr geehrte Dr. Hilde Schramm und Eberhard Radczuweit,

ich, ehemaliger Kriegsgefangener im Großen Vaterländischen Krieg, danke Ihnen für Ihre Grüße und Wünsche für meine Gesundheit.

Ich danke Ihnen für die Unterstützung von 300 Euro! Das ist für einen Rentner in unserem armen Land heutzutage eine große Summe.

Diese 300 Euro habe ich meinem Enkel gegeben, wovon er sich einen Hochzeitsanzug und Schuhe gekauft hat und seine Hochzeit ausrichten konnte.

Ich beschreibe meinen Aufenthalt in deutscher Kriegsgefangenschaft über drei Jahre. Nicht an einem einzigen Tag war ich satt, außer in Finnland, wo wir, nach der Rettung von dem sinkenden Schiff „Graf Hindenburg“, von den örtlichen Behörden einen Laib Brot erhielten, etwas so Köstliches, dass ich es bis zum Ende meines Lebens nicht vergessen werde.

Die Verpflegungsnorm in Gefangenschaft war folgende: morgens vor dem Gang zur Arbeit wurde ein halber Liter Ersatzkaffee mit Zucker ausgeteilt und ein Laib Brot für fünf Personen, und abends nach der Arbeit ein Liter Kohlrübensuppe. Wir arbeiteten den ganzen Tag über, auch bei Frost oder Regen. Unsere Kleidung bestand aus Sommeruniformen. Überlebt habe ich diese Hölle, allen Feinden zum Trotz, dank meines Glaubens an den Sieg und den hohen Geist des Patriotismus. Ich war Angehöriger der Kertschenski-Feodosinski-Seelandetruppen vom 25. Dezember 1941 bis 9. Mai 1942. Unsere 2. Reservedivision, in der ich Sergeant-Richtschützer für war, war zur Verteidigung drei Kilometer westlich von Akmono auf der Krim eingesetzt. Beim Rückzug wurde ich im Steinbruch von Kertsch verwundet und geriet in Gefangenschaft. Die Wachmannschaft jagte uns über ein Minenfeld, viele von uns wurden von Minen zerrissen und die Verwundeten wurden erschossen. Wir wurden in Güterwagen zu je 40-50 Menschen über mehrere Tage ohne Wasser und Toiletten nach Rowno und Danzig gebracht und dann mit dem Frachter „Graf Hindenburg“ nach Finnland, wo dieser in der Nähe von Turku von einem Unterseeboot versenkt wurde.

Wir arbeiteten in den Lagern „Pentele“ und „Salo“ auf der Baustelle einer Schmalspurbahn. 1943 oder 1944 brachte man uns kurzfristig nach Nordnorwegen, wo wir von englischen Truppen befreit wurden.

Nach Beendigung des Krieges brachte man uns mit der Yacht „Stella Polaris“ nach Murmansk, wo wir überprüft wurden und ins Soldbuch 750. Artillerieregiment eingetragen wurde, welches gar nicht existierte. Und deshalb habe ich nicht den Status eines Teilnehmers an Kriegshandlungen und erhalte keinerlei Vergünstigungen.

Überhaupt ist die Heimat uns Kriegsgefangenen feindlich begegnet, ein Wunder, dass sie uns nicht erschossen haben.

Zur Strafe dafür, dass wir Stalins Befehl nicht ausführten, keinen Schritt zurückzuweichen und sich nicht zu ergeben, schickten sie uns alle zur Arbeit in die Kohleschächte bei Moskau, wo ich ein Jahr lang arbeitete, bis ich eine Bescheinigung vom Bergbauinstitut bekam, dass ich Student des 4. Kurses des Institutes bin. So entließen sie mich zur Beendigung meines Studiums und 1948 erhielt ich mein Diplom.

Nach dem Krieg war ich oft krank und erholte mich in Sanatorien im Kaukasus und der Westukraine. Meine Frau und ich zogen zwei Kinder groß. Jetzt haben wir zwei Enkelsöhne und eine Enkeltochter. Alle mit Hochschulabschluss, haben sie Arbeit und Auskommen.

Ich bin jetzt 87 Jahre und habe 54 Arbeitsjahre aufzuweisen. Ich erhalte eine Rente von 440 Hryvna, ich fühle mich gut.

Ich danke Ihnen sehr dafür, dass Sie an uns Leidensträger denken, sich um uns sorgen und uns eine kräftige Unterstützung geschickt haben.

Hochachtungsvoll

J. Walyka