Jewdokimow Leonid Nikolajewitsch – Neuer Freitagsbrief Nr. 94

Auch dieser Freitagsbrief  stammt aus den Anfängen unseres Bürger-Engagements für „vergessene“ NS-Opfer, nämlich aus dem Jahr 2005. Er wurde bisher von uns nicht veröffentlicht, weil er uns für dieses Format zu lang erschien. Er ist einer wer wenigen, die auch über Kontakte zu anderen Kriegsgefangenen berichtet.

94. Neuer Freitagsbrief

Jewdokimow Leonid Nikolajewitsch

Gebiet Odessa
Ismail, Mai 2005

Verehrte Freunde,

es ist schwer, sich an Dinge zu erinnern, die mehr als sechzig Jahre zurück liegen, aber wenn es sein muss, kann man sich einiges ins Gedächtnis rufen:

Lang ist es her, und doch scheint es mir,
als sei’s erst gewesen: frühmorgens um vier
An jenem zweiundzwanzigsten Juni,
hat man Kiew bombardiert
und uns informiert,
dass Krieg begonnen hat bei uns hier!

Der Abschlussabend in der Mittelschule Nr. 2 von Dnjepropetrowsk war am 21. Juni 1941. Den Tag begrüßten wir am Dnjepr, ohne zu wissen, dass bereits Krieg war.

Man riss uns um 11 Uhr 45 aus dem Schlaf, als Molotow im Radio sprach. Als Instrukteur der GS[Feldscherkurs] schickte man mich zur Feuerwehr, um Erste-Hilfe-Kurse zu geben. Stellen Sie sich vor, ein blutjunger Kerl unterrichtet gestandene Männer! Aber das dauerte nicht lange. Von der Militärkommandantur kam der Einberufungs­befehl.

Melitopoler Flugschule, Ausbildung zum Beobachtungsflieger. Transport von Bomben zu den Feldflugplätzen. Evakuierung nach Novousensk, Unterbringung in einem Schulgebäude. Intensive Bodenübungen, fast gar keine Flüge. Im Frühjahr ließen sie von 3 Abteilungen eine übrig, uns schickten sie über das 72. SSP [Pioniereinheit] auf die Halbinsel Kertsch, wo die Vorbereitungen für einen Angriff zur Befreiung von Sevastopol im Gang waren. Auf der Halbinsel Kertsch und auf der Landenge konzentrierten sie zwei Infanteriearmeen und eine Luftarmee, vergaßen dabei aber das Hinterland und die versetzten Truppenanordnungen an der Front. Ein Angriff der Deutschen auf der Landenge, eine kleine Schaluppenlandungstruppe (zwei Kompanien) hinter der Front, und alles ging schief. Der Kommandant, ich glaube Koslow, und Mechlis vom Hauptquartier sowie einige andere hohe Offiziere setzten sich rechtzeitig in Flugzeugen ab, während wir … einzelne Widerstandsherde konnten sich nicht lange halten. Wir versteckten uns in den Steinbrüchen von Adshimuschkai und in den unterirdischen Rohrleitungsgängen der Wojkov-Fabrik, aber wir wurden von dort vertrieben durch das Meerwasser oder sie betäubten uns mit giftigem Rauch und zogen uns danach halbtot heraus.

Zehntausende gefangener Soldaten und Offiziere mussten in einer riesigen Kolonne von der Halbinsel Kertsch zu Fuß durch die ganze Krim bis nach Dshankoj marschieren, wo man uns in Viehwagen steckte und durch die ganze Ukraine bis nach Rowno brachte, wo ein großes Durchgangslager errichtet worden war. Dort begann es schon, dass wir EINMAL warmes Essen bekamen, wenn sie einen Kessel hatten. Von dort jagten sie uns zu Gelegenheits­arbeiten in die Stadt. Dort konnten wir Kontakt mit der Bevölkerung aufnehmen. Der Hunger ist ein wildes Tier, und wir tauschten alles, was wir hatten, gegen Lebensmittel. Ich tauschte meine Uhr und meinen englischen Tuchmantel ein, – was sollte er mir auch nützen im Sommer? Einige Wochen später wurden wir wieder in einen Güterzug verladen und nach Deutschland gefahren. Dass wir auch etwas essen mussten, darüber hatten sich die Deutschen keine Gedanken gemacht. Einmal am Tag öffneten sie die Waggontüren und warfen uns ein paar Kohlstrünke, Steckrüben oder Kohlrabi hinein, um die sofort eine Rauferei begann, und die Deutschen, die das mit ansahen, lachten sich halbtot darüber. So kamen wir ins Reich, wie durch ein Wunder noch alle am Leben, wenn auch nur halb.

Einige Wochen befanden wir uns in einem riesigen Durchgangslager [Stalag IVB/Mühlberg]. Hier hatte es den Anschein, als wollten sie uns zu essen geben, immerhin spürten wir den Geschmack von warmem Essen und erholten uns ein wenig. Hier begannen sie auch Gruppen zu formieren und in Arbeitslager zu schicken. Sie hatten dafür eine spezielle Methode: sie führten uns auf einen Platz und sagten uns, wir sollten 15 bis 20 Meter laufen. Wer das schaffte, wurde in eine Gruppe gesteckt, wer es nicht schaffte, blieb im Lager. In dieser Zeit hattest du nur einen Gedanken: Wie überleb‘ ich das? Und noch etwas drückte uns zu Boden: wir wussten von dem Befehl Stalins „Nicht einen Schritt zurück“ und davon, dass es in der Roten Armee keine Gefangenen, sondern nur Verräter gab. Dieser Gedanke bedrückte uns während der gesamten Gefangenschaft.

Ich habe die Prüfung bestanden – ich habe die 20 Meter geschafft. Wieder in den Zug und irgendwohin. Wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, stiegen wir am Bahnhof Reuder [?]aus, in dessen Nähe ein großes Arbeitslager war. Wir bauten irgendeine Straße. Wir sägten, schleppten Balken, verluden und schleppten Steine, ausruhen ließen uns die Wachtposten nicht. Dreimal täglich gab es zu essen. Das Mittagessen brachte uns eine Bäuerin auf einem Wagen direkt zur Arbeit. Wie kalorienreich das Essens war, zeigen diese Fakten: ich bin 178 cm groß und habe nach einigen Monaten dort noch 45 kg gewogen. Die Leute starben wie die Fliegen. Du legst dich mit Lebenden schlafen und wachst unter Toten auf. Das erschreckte sogar die Deutschen: es wurde eine Kommission von Offizieren zu uns geschickt. Ich weiß nicht, ob sie bei der Lagerleitung irgendetwas überprüften, uns jedenfalls untersuchten sie speziell. Wir kamen in einen Raum, wo einige Offiziere am Tisch saßen, sie knöpften uns die Hosen auf und ließen sie runter, nach einer flüchtigen Untersuchung gingen sie hinaus. Was sie untersucht und festgestellt haben, weiß ich nicht (vielleicht haben sie Juden gesucht?), aber mich schickten sie danach ins Krankenhaus.

In diesem Lager konnte man auch auf der Arbeit keinen Kontakt mit der Bevölkerung aufnehmen. Die Wachhabenden schlugen uns mit Gewehrkolben auf den Rücken, wenn wir aus der Reihe ausscherten (während des Marsches liefen einige raus und sammelten Rübenstücke und stopfen sie sich in den Mund) oder beim Essen die Kartoffeln direkt mit Schale aßen. Dafür bekam das Russenschwein ordentlich Schläge. Aber das geschah nicht aus Mangel an Manieren, sondern aus schierem Hunger!

Hospitäler, Reviere, Krankenhäuser – ich weiß schon gar nicht mehr ihre Namen. Ich war in einigen davon. Die Pfleger waren Russen, die Ärzte Franzosen, die Aufpasser Deutsche. Die Atmosphäre war in Ordnung, auch wenn es praktisch keine Behandlung gab. Die Deutschen fürchteten die Tuberkulose wie die Pest, deshalb war in allen Revieren das Röntgen obligatorisch. Verdächtige wurden sofort irgendwohin geschickt. Zu Essen gab es auch hier viel zu wenig. Im letzten Revier hatte ich Glück: ich traf einen Pfleger, der wie ich aus Dnjepropetrowsk stammte und mir ein wenig mehr zusteckte. Nach einigen Monaten „Behandlung“ schickte man mich zu einer leichteren Arbeit.

Man brachte mich in die Stadt Oberlungwitz. Das Arbeitslager war in einem großen Saal irgendeines Kaffeehauses untergebracht. Zweistöckige Betten, die Matratzen und das Bettzeug mit Stroh gefüllt, Wolldecken, Tische und Bänke zum Essen, – das war die ganze Einrichtung. Einen Hof gab es nicht, man ließ uns nicht hinaus. Im Lager waren über hundert Personen, die verschiedene Arbeiten verrichten mussten. Ich kam zu einer Gruppe, die im Nachbarstädtchen Hohenstein arbeitete, wir mussten dort einen großen Hof der Textilfabrik Robert Kötz (für die Richtigkeit der Schreibweise kann ich mich nicht verbürgen) in Ordnung bringen. Der Platz wurde geebnet, Abwasserrohre wurden verlegt, der Platz wurde mit Schotter und Kies aufgefüllt, obenauf wurde feinkörniger Sand geschüttet. Nach unserer Ankunft auf der Arbeit entfernte sich der Soldat und wir unterstanden einem Deutschen, den wir Meister nannten, und seinem Gehilfen. Die Zivilbevölkerung behandelte uns wie Menschen, Feindseligkeit oder Hochmut bekamen wir nicht zu spüren.

Von folgendem Vorfall will ich berichten: Meine Stiefel waren zerrissen, ich hatte keine Schuhe mehr zum Gehen. Man gab mir grobe Holzpantinen. Sind Sie noch nie in solchen Schuhen gegangen? Versuchen Sie es, sagte der Meister zu mir. Als er sah, dass ich mir mit diesen Schuhen die Füße verderbe, fragte er offenbar in der Nachbarschaft nach und trieb einige Paar richtiger Schuhe auf. Ein Paar passte mir und ich zog sie anstelle der Pantinen an. An diesen Vorfall erinnere ich mich voller Dankbarkeit.

In der Stadt Lichtenstein erkrankte ein französischer Kriegsgefangener, der einem Bauern in der Wirtschaft geholfen hatte. Man schickte mich dorthin. Ich bin in der Stadt aufgewachsen und kenne mich mit landwirtschaftlichen Arbeiten nicht aus, aber es blieb mir nichts anderes übrig. Ich machte die Ställe sauber, mistete bei den Kühen und Pferden aus, pflegte sie, machte sie sauber und spannte an, nur pflügen konnte ich nicht und sie haben mir das nachgesehen und mich nicht gezwungen. Die Tochter des Bauern, Ruth, lenkte den Pflug, und ich führte die Pferde an der Leine. Anfangs begegneten sie mir misstrauisch. Ich wohnte im Lager, das Essen bekam ich beim Bauern. Zuerst setzten sie mich separat: aus dem Büffet wurde ein Brett herausgezogen, das als Tisch diente. Aber nach einigen Tagen – wahrscheinlich, als sie merkten, dass ich über alle allgemein-menschlichen Qualitäten verfüge – setzten sie Alex – so nannten sich mich – an den gemeinsamen Tisch. Ich blieb etwa zwei Monate dort, dann schickten sie mich nach Oberlungwitz zurück.

Ende 1943 hatte ich wahnsinniges Glück. In der Stadt Meerane war eine kleine Fabrik, die Weinbrennerei Ewald Rothe und Company; damals machten sie Schnaps für die Armee. Dort arbeiteten fünf russische Kriegsgefangene und ein Italiener, Gino. Einer von den Unseren betrank sich, daraufhin nahmen sie ihn heraus und schickten mich hin. Gegenüber auf der anderen Straßenseite war eine kleine Gießerei, in der unser Arbeitslager untergebracht war, in zwei Räumen im Erdgeschoss und im 1. Stock (wiederum 2-stöckige Holzbetten, mit Stroh gefüllte Matratzen und Bettzeug, Wolldecken) Wir waren etwa dreißig Personen, die in verschiedenen Betrieben arbeiteten: einige in der Gießerei, einige in der Weinbrennerei, es gab auch Schuhmacher und Schneider. Die Wache bestand aus drei Soldaten und einem Gefreiten.

Unsere Arbeit war weder kompliziert noch schwierig: wir wuschen Flaschen und Ballons, luden Leergut ab und auf, trugen Briketts für den Dampfkessel, füllten den Schnaps ab, verschlossen die Flaschen und packten die Flaschen schließlich in Kisten. In der letzten Zeit, als die Totale Mobilmachung im Gange war, wurde ich Gehilfe des Fahrers Erich (er war über 60), und wir brachten Kisten mit Spiritus in die Läden.

Der ganze Vorteil der Arbeit in dieser Fabrik bestand darin, dass man überhaupt nicht auf uns aufpasste, wir bewegten uns frei in dem Keller, der voll war mit Weinfässern (daraus wurde Schnaps gemacht), mit Schnaps, verschiedenen Säften und gekochtem Zucker. Der Zucker wurde folgendermaßen gekocht: in einen hermetisch verschließbaren Kessel gießt man 60 Liter Wasser, schüttet einen Sack Zucker hinein, verschließt den Kessel und lässt einige Stunden kochen. Und genau das war’s: Du kommst morgens herein, wartest den richtigen Moment ab, gießt in einen Literkrug Zucker und trinkst ihn in einem Zug aus – und brauchst den ganzen Tag nichts mehr zu essen. Das hat uns gerettet. Und der Schnaps? Schnaps ist für Idioten.

Das Verhalten uns gegenüber wechselte je nach den Erfolgen der Sowjetarmee. Im Jahr 1944 kam eine Verfügung (man informierte uns darüber), dass man uns als Menschen zu betrachten und menschlich mit uns umzugehen habe. Es erschienen irgendwelche pro-faschistischen Zeitungen auf Russisch. Dort gab es auch Reklame für Bücher auf Russisch und Ukrainisch. Extra für die Kriegsgefangenen wurde Geld herausgegeben: die Lagermark. Sie wurde auf einfachem bunten Papier gedruckt. In einem normalen Laden konnte man nichts damit kaufen. Ich weiß nicht, ob es in den großen Lagern eigene Läden gab. Ich habe damit Bücher bestellt und erhalten. Ich erinnere noch den Titel eines von dem Schriftsteller Bagrjanyj talentiert geschriebenen Buchs „Tierjäger“. Der Inhalt war natürlich antisowjetisch. Ich musste ein Vorwort und ein Nachwort schreiben, in das Buch kleben und es weiter geben … .

Unsere Stimmung, unser Denken und unser Verhalten änderten sich im Laufe der Zeit ebenfalls. Anfangs drückte uns der Gedanke an die Gefangenschaft buchstäblich zu Boden, der Hunger ließ keinen anderen Gedanken aufkommen als den ans Überleben. Doch allmählich gewöhnten wir uns, passten uns an und hoben den Kopf. Ich weiß, dass schon in Oberlungwitz im Lager irgendeine Organisation existierte, deren Mitglieder Gespräche führten, Optimismus verbreiteten, in uns den Glauben an einen baldigen Sieg weckten, doch diese Arbeit blieb auf das Lager begrenzt. Im Jahr 1944 aber kam es zu Kontakten zwischen verschiedenen Lagern. Es gab auch irgendwelche Kliniken (die Ärzte waren Franzosen), wohin man sich auf Wunsch begeben konnte. Dort traf man sich. Und es kam zu Kontakten mit Ostarbeitern, und diese konnten sich frei bewegen. Auch unsere Jungs begannen, sowohl mit Ostarbeitern als auch mit deutschen Zivilisten Kontakte zu knüpfen. Es gab ziemlich viele Russen in deutscher Uniform, aber mit russischer Kokarde an den Jacken, so genannte Soldaten der ROA (russische Befreiungsarmee, Wlasow-Anhänger). Wir konnten nicht umhin darauf zu reagieren, dass russische Mädchen sich mit ihnen trafen. Wir erfuhren, dass eine von ihnen, ich habe mir sogar ihren Namen gemerkt: Olga Moskalez, offen mit Soldaten der russischen Befreiungsarmee spazieren ging, und ich schrieb ihr einen Brief …. Eine Antwort bekam ich nicht, darauf schrieb ich einen zweiten Brief .. . Es entstand ein Briefwechsel, den wir bis zur Befreiung fortführten. Als die Amerikaner näher rückten, wurden die Ostarbeiter irgendwohin evakuiert. Es gab auch einen Briefwechsel mit anderen Mädchen …. Die Sehnsucht nach der Heimat verließ mich nie, sie fand ihren Ausdruck in einem Gedicht, das erhalten ist „Ich liebe!“ …. Einen besonderen Platz nimmt das Gedicht „Es dreht sich, es wendet sich …“ … . Dort steht, wenn ich nicht irre, auch das Datum der Entstehung des Gedichts. Es wurde von Hand abgeschrieben und auf verschiedene Art und Weise unter uns verbreitet – das war die Aufgabe.

Bitte glauben Sie nicht, dass ich besonders viel von meinen dichterischen Fähigkeiten halte, aber man musste doch irgendetwas tun. Außerdem drücken sich darin unsere Gedanken, unsere Stimmung aus, was wir dachten, wovon wir träumten, was wir erstrebten. Schade natürlich, dass nur so wenige Seiten erhalten blieben. Mir ist es gelungen, durch alle Durchsuchungen und Razzien hindurch mein Rotarmee-Büchlein zu retten (ich habe es noch heute), und die erste Seite meines Komsolmolzen-Ausweises, und, was sagen Sie dazu? Man hat mich ausgeschlossen, weil ich die Mitgliedsbeiträge nicht bezahlt habe! Die erhaltenen Seiten aus dem Heft und die Unterlagen haben mir aber wohl doch geholfen, dass ich nicht in die sowjetischen Konzentrationslager kam, obwohl die Jungs in den halbmilitärischen Anzügen (des KGB) viele Jahre um mich herum scharwänzelten.

Die russischen Kriegsgefangenen unterschieden sich von den anderen – den Franzosen, Italienern und Belgiern – vor allem durch ihren Aufzug. Den anderen Kriegsgefangenen hatte das Rote Kreuz geholfen, sie trugen ihre schöne Militäruniform, man konnte sehen, dass sie frische Uniformen bekommen hatten. Wir aber, die sowjetischen Kriegsgefangenen, waren auf uns selbst gestellt. Stellen Sie sich vor, vor ihnen steht ein ehemaliger sowjetischer Soldat – eine Gestalt wie eine Vogelscheuche, eine uralte, zerfetzte Soldatenmütze auf den Ohren, in einer zerrissenen, wieder und wieder geflickte Jacken. Darauf ein Dutzend Flicken verschiedener Farbe und Größe, mit einer groben Nadel und weißem Faden mit ungeschickten Soldatenhänden angenäht! An den Füßen ausgefranste Lappen und Holzpantinen.

Ich weiß nicht, was die Nazipropaganda über das Leben der Sowjetbürger verbreitet hat, über unsere Lebensweise, unsere Kleidung und so weiter. Das Aussehen der Gefangenen kam der Propaganda gerade recht. Und nun stellen Sie sich vor, dass ich nicht nur Schriftstücke, sondern auch zwei Fotografien von zu Hause bei mir hatte. Die Fotos zeigten nichts Ungewöhnliches: meinen Vater und meine Mutter und mich mit meinem Bruder. Der Altersunterschied zwischen uns ist acht Jahre. Mein Vater im Jackett, meine Mutter im Kleid, ich auch im Jackett, mein Bruder im Matrosenanzug. Aber Sie hätten sehen sollen, welchen Eindruck das auf die Deutschen machte! Sie konnten es einfach nicht glauben, dass sowjetische Menschen ganz normale Leute sind, genau wie sie selbst. Mein deutscher Meister nahm die Fotos, und behielt sie einige Tage. Offenbar zeigte er sie irgendjemandem, wem, weiß ich nicht. Und so lebten wir und erfuhren nach und nach immer mehr voneinander.

Ende April 1945 kamen die Amerikaner nach Meerane, Kämpfe gab es nicht. Wir begannen uns frei in der Stadt zu bewegen. Ich traf mich mit denen, mit denen ich im Briefwechsel stand. Es stellte sich heraus, dass es in der Stadt beim Krankenhaus eine Baracke gab, in der kranke Ostarbeiter untergebracht waren. In der Stadt waren massenhaft Menschen verschiedener Nationalitäten unterwegs, befreit von den Fesseln der Naziherrschaft.

Hier feierten wir den ersten Mai. Es war ein richtiges Fest, eine Menge Leute war da. Gegen Lagermark kaufte ich bei meinem Chef einen Ballon (25 Liter) Schnaps und wir tranken zusammen, wie wir es in Russland machen. Ich wollte nicht bei den Amerikanern bleiben, statt dessen setzte ich mich dafür ein, dass meine Landsleute in die sowjetische Zone kamen und bereitete die Evakuierung der Kranken vor. Auf unsere Bitte um Evakuierung – eine Krankenschwester, die französisch konnte und ich brachte diese Bitte vor – , reagierte der amerikanische Kommandant zustimmend. Es fanden sich einige Eisenbahnwaggons, wir wurden eingeladen, man verdonnerte irgendeinen Lokomotivführer und brachte uns in die Gegend von Dresden, wo wir auf den Gleisen stehen blieben. Ich fand ein Lazarett, setzte mich mit der Lazarettleitung in Verbindung, die entgegenkommend war und einige Kranke aufnahm. Übrig blieben einige Männer und Krankenschwestern. Doch schon wenige Tage später wurden die Männer angewiesen, sich mit ihren Sachen der Armee anzuschließen.

Anfangs waren wir in irgendeinem ehemaligen Lager für Ostarbeiter untergebracht (die üblichen Holzbaracken, zweistockige Betten, mit Stroh gefüllte Matratzen und Bettzeug , Wolldecken). Hier wurden wir überprüft (ob vom KGB oder von der SMERSCH, weiß ich nicht), schließlich dem 102. Infanterieregiment zugeteilt, und zu Fuß ging es nach Žitomir. Dort begann aufs Neue der Militärdienst.

Was soll ich zum Schluss sagen? „…“Das Leben ist wie ein großes Feld“ sagen die Ukrainer. Aber all das liegt hinter uns und ist vorbei. Ich erinnere mich an die ersten Tage nach der Befreiung von Meerane durch die Amerikaner. Es kam das Gefühl einer Erleichterung auf, man atmete freier, man konnte sich in der Stadt bewegen wie man wollte. Unsere ehemaligen deutschen Bewacher wurden nur entwaffnet und entlassen. Einen von ihnen, Hans, traf ich auf der Straße. Wir begrüßten uns, wechselten ein paar Worte und luden uns gegenseitig ein. Ich ging mit meinem Mädchen hin. Eine ganz normale Familie, wie bei uns: Kinder, Frau. Wir setzten uns zu Tisch, tranken, aßen, redeten. Die Sperrstunde hatte begonnen, deshalb übernachteten wir dort. Als wäre das ganz normal: Bekannte haben sich getroffen, sind zusammen gesessen, haben geredet und sind wieder auseinandergegangen. Und davor waren wir Sonntags bei ihnen und mussten im Garten und bei der Wirtschaft helfen.

Der Umgang mit uns war in Ordnung, wir durften am Tisch sitzen, man gab uns zu essen, ohne eine Spur von Hass oder Feindseligkeit. Offenbar hatte die menschenfeindliche Nazipropaganda nur von einem Teil des deutschen Volkes Besitz ergriffen. Es gab Nazis, die sich für die höchste Rasse (Übermenschen) hielten, was heißt das schon? Auch bei uns gab es einen General Wlasow, es gab Verräter, die Russische Befreiungsarmee, über eine Million ehemaliger Sowjetsoldaten kämpften gegen die sowjetische Armee. Ich war in vielen Lagern und habe nicht einen einzigen Verräter getroffen, nicht einen einzigen Überläufer, obwohl russische Milchgesichter in deutscher Uniform zu uns kamen und agitierten, war die Reaktion immer die gleiche: sie wurden jedes Mal am Ende ausgepfiffen und ausgelacht.

Ich war weder in faschistischen noch in sowjetischen Konzentrationslagern. Ich habe natürlich von Buchenwald, von Auschwitz und Majdanek gehört, ich habe auch viel über die sowjetischen GULAGs gelesen und gehört, aber selber gesehen habe ich sie nicht. Wahr­schein­lich ist es so, dass man nicht ganz ohne Grund dorthin gekommen ist. Denn mich hat dieses Schicksal immerhin nicht ereilt.

Ich hege keinen Hass gegen das einfache deutsche Volk, genauso wenig glaube ich alles, was man über das Sowjetregime sagt. Kriege gewinnt man nicht durch Zwang.

Mit freundlichem Gruß

L.N. JEWDOKIMOW, ehemaliger Kriegsgefangener / Stalag IV B 1927I

Kriegsversehrter, Arbeitsveteran.