Grigorij Sawwatejewitsch Andrejew – Neuer Freitagsbrief Nr. 104

Grigorij Sawwatejewitsch Andrejew 

22. Februar 2008, Moskauer Gebiet

Für Grigorij Sawwatejewitsch Andrejew, 1914, schreibt die Tochter Galina Grigor´jewna.

Guten Tag und die allerbesten Wünsche für Sie, unsere unbekannten Freunde aus dem fernen Deutschland. So schnell wie möglich möchte ich Ihnen diesen Brief schreiben und Ihnen mitteilen, dass wir die Geldsumme in Höhe von 300 Euro in Rubel bekommen haben. Wir freuen uns sehr über Ihr Interesse und Ihre Anteilnahme, auf die ich fünfzig Jahre lang gewartet habe. Mein Vater, der Krieg, Gefangenschaft und Gefängnis überlebt hat, hat sich irgendwie daran gewöhnt, alles geduldig und ohne Murren zu ertragen und hat immer auf Gott vertraut. Anscheinend ist es für ihn jetzt offensichtlich, dass Gott ihn in allen Situationen beschützt und ihn durch die Gefangenschaft, durch Himmel, Hölle und Hunger geführt hat. Ich, seine Tochter, bin aber vom Naturell her anders, obwohl ich auch alle Mühsal geduldig ertragen habe und immer an die lichte Zukunft geglaubt habe. Ich habe als Erzieherin im Kindergarten gearbeitet, ich hatte ein kleines Gehalt, und deshalb beträgt meine Rente dementsprechend nur 2400 Rubel mit allen Zulagen. Deshalb DANKE an alle für diese Spende, nun können wir also endlich eine Waschmaschine kaufen. Es fällt mir schon arg schwer, selbst zu waschen, und Vater hat Schmerzen in den Beinen, er behandelt sie mit Salbe und ich muss oft die Wäsche wechseln.

Vater ist 1942 in Gefangenschaft geraten, bei der bevorstehenden Schlacht am Fluss Wolchow. Vater hält sich selbst für schuldig an allem, sitzt demütig da, mit auf der Brust gefalteten Händen, er ist gläubig, liest die Heilige Bibel, versteht alles gut, obwohl er nur drei Schulklassen besucht hat.

Erst möchte ich davon erzählen, wie das Leben nach der Gefangenschaft war. Vater und die anderen wurden von den Amerikanern befreit, sie waren auf amerikanischem Gebiet. Es gab damals die Möglichkeit, nach Amerika auszuwandern oder in Deutschland zu bleiben. Aber der Soldat wollte nach Hause, zu seiner Frau, zu seinen Kindern. Er beschloss, nach Russland zu fahren, nach Hause. Er erzählt, wie sie die französischen Kriegsgefangenen empfangen haben – sie stellten sofort einen Transport zusammen mit Aufschriften der Städte und Dörfer. Unsere Männer aber wurden auf eine lange und anstrengende Reise durch Polen, die Ukraine, Brest geschickt. Unterwegs mussten sie viel und immer wieder umsonst arbeiten, nach dem Krieg war überall alles zerstört und sie brauchten kostenlose Arbeitskräfte. In Dedowsk musste eine Fabrik wieder aufgebaut werden und sie suchten von den Kriegsgefangenen 30 Männer heraus, zählten sie einfach ab, wie Vieh, luden sie in Güterwaggons, brachten sie dorthin und zwangen sie zur Strafarbeit – die Strafe dafür, dass sie bei den Deutschen in Gefangenschaft gewesen waren. Einfach so.

Vater versuchte, Verwandte im Dorf ausfindig zu machen, um meine Mutter und mich zu finden. Aber er war zu spät. Meine Mutter und ich lebten schon im Ural in Swerdlowsk, das heute wieder Jekaterinburg heißt. Wir bekamen eine Rente für den gefallenen Vater. Bis heute wird Vater in den Dokumenten des Archivs in Podolsk als gefallen gezählt. Ich aber habe auf die Bitte meiner Mutter hin angefangen, ihn zu suchen. Sie sagte zu mir: „Schreib nach Moskau ans Justizministerium.“ Ich war sieben Jahre alt, ich hatte gerade erst die erste Klasse abgeschlossen und schreiben gelernt. Es kam die Antwort, dass Vater in Dedowsk lebt. Ich habe ihm einen freudigen Brief geschrieben „Guten Tag, mein lieber Papa! Ich habe dich gefunden und möchte zu dir!“ Er bekam den Brief und schickte uns Geld. Zu der Zeit wurde Mutter schwer krank und musste ins Krankenhaus eingeliefert werden. Nun bekamen wir zweimal Geld, von Andrejew G.S. und die Rente für den gefallenen Andrejew G.S. Als seine Witwe lebte Mutter bei der Feuerwehr. Vater war vor dem Krieg Feuerwehrmann gewesen. Und nun konnten wir ihn nicht treffen. Mutter lag schwer krank im Krankenhaus, mich wollten sie zu irgendwelchen Leuten geben. Zur gleichen Zeit nahmen sie ihn am Bahnhof fest, er hatte seine Schwestern zum Zug gebracht, denen er mitgeteilt hatte, dass er am Leben war und vom Krieg heimgekehrt war, am Bahnhof aber musste man die Papiere vorzeigen, sie nahmen ihn fest und steckten ihn ins Gefängnis, Paragraf 58 Vaterlandsverrat – „freiwillig in Gefangenschaft begeben“. In Wirklichkeit war es folgendermaßen gewesen. Vater war als Waise aufgewachsen, er lebte bei seinem Großvater, der für ihn Mutter und Vater zugleich war und mein Vater hat ihn sehr geliebt. An der Front in der Kompanie hatte Vater Probleme mit dem Unteroffizier Mersljakow, wurde von ihm schikaniert. Vater musste ständig nachts Wache stehen, das Lager bewachen, und am Morgen ließen sie ihn nicht schlafen und schickten ihn zu einer anderen Arbeit. Einmal schlief Vater bei der Arbeit deshalb fast ein, als jemand von den „Oberen“ vorbeikam und sie sagten: Was ist da los, sofort erschießen! Vater bekam es mit der Angst, er wusste, solche Worte wurden nicht ins Leere gesprochen. Damals war es schon kalt und es gab wenig zu essen, ständig hatte man Hunger. Da beschloss Vater, aus der Kompanie zu türmen, wohin, wusste er noch nicht, wohin Gott ihn führt. Zur gleichen Zeit bekam er noch einen Brief aus dem Dorf von seinem Großvater, oder vielmehr von den Nachbarn, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass der Großvater gestorben war und das Pferd verhungert war. Wenn Vater davon erzählt, fängt er wie ein Kind an zu schluchzen. In der Nacht beschloss er dann, auf die andere Seite des Flusses Wolchow zu fliehen, dort aber standen die deutschen Einheiten. Vater baute sich ein improvisiertes Floss, d.h. er band zwei Holzstämme mit irgendeiner Schnur zusammen, fand irgendwo einen Nagel oder eine Klammer und befestigte damit die Stämme aneinander. Im Strafverfahren wird das als „Instrument zur Wasserfahrt“ angesehen, fast als wäre es ein U-Boot. Bevor er auf das Floß stieg, aß er seinen letzten kleinen Rest Proviant auf, er sagte sich, wenn sie mich töten, dann sterbe ich wenigstens satt! Das also hat der Soldat gedacht und er hat seine Heimat NIEMALS und auf keine Weise verraten. Was mich aufregt, ist, dass ich mich 1994 an alle Instanzen gewandt habe mit der Bitte, Vaters Fall neu zu übersehen, da mein Vater niemanden getötet, niemanden erschossen hat und das auch nicht wollte; stattdessen hat er gedacht, lieber sollen sie mich erschießen. Und sie haben von beiden Seiten auf ihn geschossen, die einen, als sie sahen, dass Vater mit dem Floß wegfährt, und vom anderen Ufer haben die Deutschen das Feuer auf ihn eröffnet, als sie sahen, dass dort jemand auf dem Wasser ist. Vater kam ans andere Ufer, er war Nacht, kalt, nass, er legte sich auf die Erde und rührte sich nicht. Heute meint er, er hätte rennen sollen. Aber jetzt lässt sich das leicht sagen. Die Deutschen führten ihn ab, verhörten ihn, gaben ihm andere Kleidung und Essen… so wurde er ein Gefangener.

Seltsam, aber ich muss immer wieder an eine Episode aus meiner Kindheit denken. Wir wohnten in Swerdlowsk, auf der Feuerwache. Die deutschen Gefangenen wurden zur Arbeit getrieben. Wir hörten, was die Erwachsenen sagten, die gekommen waren, um sich die Deutschen anzusehen. Ich aber beobachtete sie und dachte bei mir: Was für arme, gute Männer, warum lassen sie sie nicht nach Hause, sie haben doch auch Kinder. Und wirklich, einer der Deutschen machte für die Frauen, die zu ihm kamen, aus kleinen Münzen Ringe, die aussahen wie aus Gold, und alle Frauen freuten sich darüber. Dann sprach er mit meiner Mutter über irgendetwas, Mutter schnitt ihm ein Stück Schwarzbrot ab und bestrich es mit Butter, und er zeigte ihr seine Fotos, d.h. die Fotos von seinen Kindern, zwei Jungen und ein Mädchen. Ich schaute sie mir auch an und ich weiß noch, wie hübsch sie angezogen waren…

Vater wurde zu 25 Jahren Gefängnisstrafe verurteilt. Dann nach Stalins Tod setzten sie die Haft auf zehn Jahre hinab. Im Gefängnis folgte Vater immer den Anweisungen und machte jede Arbeit, er war ein sehr guter Zimmermann und außerdem der beste Ofensetzer und er hat die ganze Zeit gearbeitet. So haben mein Vater und ich uns wieder für viele Jahre aus den Augen verloren. Ich wurde erwachsen, zog in den Kaukasus, nach Kabardino-Balkarien, fügte mich irgendwie in das Geschehene, war schon Mutter von zwei Kindern geworden. Als mein Sohn größer wurde, begann er nachzufragen: „Mama, warum haben wir denn keinen Opa? Wir haben viele Omas, aber keinen einzigen Opa“. Da beschloss ich, wieder die Suche aufzunehmen, ich dachte mir, dass er wahrscheinlich an seinen früheren Wohnort zurückgekehrt ist, und ich wollte ihn wieder finden. Ich schrieb einen Brief, und tatsächlich, Vater war nach Dedowsk zurückgekehrt und er hatte dort eine andere Frau und ein Kind. Wieder konnten wir uns nicht treffen, diesmal wegen der neuen Familienverhältnisse, seine Frau hatte Angst, ihn zu verlieren, es gab dann ein Treffen, Enkel und Großvater lernten sich kennen, aber das war nur kurz und wieder gingen wir getrennte Wege.

Später starb seine Frau und er war alleine, und der Sohn von dieser Frau war Alkoholiker, ein kranker Mensch, ich wollte mit ihm Kontakt aufzunehmen, er tat mir Leid, als Mensch und als Frau und als Schwester hatte ich Mitleid mit ihm, er war ein verlorener Mensch. Er erzählte mir, dass sie ihn als Kind in der Schule gehänselt hatten: „Seht nur, das ist der Sohn eines Verräters.“ Als ich erfuhr, dass mein Vater einen Sohn hat, habe ich mich gefreut, ich dachte damals, der hat Glück, er wächst bei seinem Vater auf, bekommt eine Ausbildung. Nun, so geht es im Leben.

Ich möchte Ihnen für alles danken, Sie sind gute Menschen. Sie können gerne Fragen stellen, ich werde Vater alles fragen und Ihnen dann alles schreiben, was er mir erzählt, vor allem von der Gefangenschaft in Polen, in Estland und dann in Deutschland. Ich kann Ihnen auch Fotos schicken, die ich habe abfotografieren lassen. Ich möchte mich immer wieder tief vor Ihren Freunden verneigen, für ihre Güte und Anteilnahme, und dafür, dass sie den Willen und den Ehrgeiz hatten, dieses Projekt –„Niemand und nichts ist vergessen“– zu organisieren. Sie haben mich wirklich sehr aufgebaut, denn ich war deprimiert und traurig, weil ich das ganze Leben nur gearbeitet und gearbeitet habe und letztendlich leben wir nun in einer Einzimmerwohnung, haben kein Geld, um sie zu renovieren. Ich meine damit nicht modernisieren, sondern nur das Nötigste ausbessern. Bis vor Kurzem habe ich noch gearbeitet, schließlich möchte man gut leben, so wie die anderen, so konnte ich das Bad und die Toilette wenigstens neu machen. Aber die Küche! Nun bin ich schon fast siebzig Jahre alt und hatte nie eine gute Küche. Aber wenigstens können wir dank Ihnen endlich eine Waschmaschine kaufen. Noch einmal vielen Dank, möge der Herr Sie segnen und beschützen und Sie begleiten bei Ihren guten Taten der Nächstenliebe.

Grigorij Sawwatejewitsch und Galina.

Aus dem Russischen von Valerie Engler