Galina Wassiljewna Schtsch. – Neuer Freitagsbrief Nr. 83

Galina Wassiljewna Schtsch.
Belarus, Gebiet Mogiljow

17.03.2018

Ich grüße Sie, meine lieben Helfer.

Es schreibt Ihnen Galina  Wassiljewna Schtsch.

Ihren Brief habe ich erhalten, vielen vielen Dank dafür, dass Sie sich um ums sorgen, Danke für alles! Das Geld habe ich gestern bekommen (15. März), vielen Dank. Jetzt kann ich sterben, kann mit dem Geld die Beerdigung bezahlen.

Aber nun ein wenig über mich. Als der Krieg begann, war ich fünf Jahre alt. Und obwohl ich noch so klein war, kann ich mich gut erinnern, wie es im Krieg war, wie die Deutschen waren, wie sich sie verhielten, es war für mich kein Traum, sondern Wirklichkeit, auch wenn ich noch so klein war.

Wir sind nicht nach Osaritschi [deutsches KZ in der belorussischen SSR] gekommen, obwohl wir schon im Auto saßen. Aber mein Großvater, er war schon ein alter Mann, fragte einen Deutschen, der am Auto stand, wohin man uns alle bringen wollte. Der Deutsche sagte es ihm. Mein Opa hatte im Krieg gekämpft und war vier Jahre in Gefangenschaft, er konnte gut Deutsch. Und man hat ihm erlaubt, uns aus dem Auto zu holen. So sind wir Osaritschi entkommen. Anders als mein Mann, der bis zum Ende des Kriegs dort war. Aber auch für uns war das Leben kein Zuckerschlecken. Sie trieben uns von einem Dorf ins nächste, wir durften nicht einmal etwas zu essen kochen. Schlafen mussten wir auf der Straße vor den Häusern, in die man uns nicht hineinließ.

Erst als der Krieg vorbei war, konnten wir nach Hause zurück. Aber wo sollten wir wohnen, unsere Häuser waren ja nicht mehr da. Nur noch leere Brandstätten überall. Also begannen meine Mutter und ihr Vater, eine Erdhütte zu bauen, und so lebten wir in dieser Erdhütte, bis mein Vater nach Hause zurückkehrte. Zu essen hatten wir nichts. Wir gingen in die Felder und sammelten Stärke [?], vermischt mit Erde, meine Mutter briet aus dieser Stärke Fladen. So lebten wir. Später ging meine Mutter zusammen mit meiner älteren Schwester ins Dorf Moschkowitschi zum Arbeiten, die Menschen gaben ihnen dafür Kartoffeln, so haben wir überlebt. Wir pflanzten diese Kartoffeln in die Erde, und es kamen neue.

Mein Mann Schtscherbitsch Grigorij Petrowitsch war in Osaritschi, er hat mir erzählt, wie schrecklich es dort war. Aber auch wir hatten es nicht leicht. Jeden Morgen schlugen uns die Deutschen, suchten nach Partisanen.

Mein Mann ist 1995 gestorben. Als er noch lebte, haben wir einmal [Deutsche] Mark bekommen. In welchem Jahr, weiß ich nicht mehr. Und als später noch einmal Geld kommen sollte, habe ich nichts bekommen. Sie sagten, dass mir nichts mehr zusteht, weil mein Mann nicht mehr lebt. Ich habe mehrere Briefe nach Minsk geschrieben, nur einmal bekam ich eine Antwort. Ich weiß nicht, ob das alles gerecht war oder nicht. Aber das Geld sollte ja kommen, wo es geblieben ist, wer es bekommen hat – ich weiß es nicht. Ich war nicht die Einzige, der es so ging. Das fragten wir uns. Alle, die in Osaritschi waren, sollten Geld aus Deutschland bekommen.

Mein Mann ist am 19. April 1995 gestorben. Seit 23 Jahren schon lebe ich alleine. Gut, dass ich meine Kinder habe, zwei Söhne und eine Tochter, bei der ich gerade lebe. Ich verbringe die Winter bei ihr und fahre im Frühling zurück nach Hause, nach Bartschizy. Mein ältester Sohn lebt in Bobrujsk, genau wie meine Tochter. Der andere Sohn lebt wie ich in Bartschizy.

Mir geht es gut hier, mit meinem Schwiegersohn verstehe ich mich zum Glück gut. Mein Ältester kommt selten, um ehrlich zu sein, war er diesen Winter kein einziges Mal hier. Und was meinen Sohn in Bartschizy angeht, so arbeitet er im Landwirtschaftsbetrieb als Tankwart und hat keine Zeit.

…. Als ich noch jung war und gearbeitet habe, [hatte ich] eine Kuh und Schweine […], Hühner, Kaninchen, […]. Jetzt habe ich nichts mehr, nicht einmal eine Katze, lebe wie ein alter Einsiedler. Arbeiten kann ich nicht mehr, habe Schmerzen im Bein, mein Blutdruck schwankt.

Ich könnte noch viel schreiben, aber ich bin müde.

Auf Wiedersehen.

Ich küsse sie ganz fest für Ihre Hilfe.

Aus dem Russischen von Jennie Seitz