Galina Pawlowna J. – Neuer Freitagsbrief Nr. 109

Dieser Brief stammt aus dem Jahr 2018.

Galina Pawlowna J.
Belarus, Gebiet Witebsk

An den Vorstandsvorsitzenden Gottfried Eberle und Sibylle Suchan-Floß, Projektkoordination

Ich,  Galina Pawlowna J., wohnhaft in der Landwirtschaftssiedlung Oktjabrskaja, möchte Ihnen von Herzen nachträglich ein glückliches neues Jahr wünschen, ein frohes Weihnachtsfest und alle weiteren Feiertage im Januar. Ich wünsche Ihnen eine feste Gesundheit, Glück im Privaten und viel Erfolg bei Ihrer wohltätigen Arbeit. Möge ein Schutzengel über Sie und Ihre Familien wachen.

Ich danke Ihnen und Ihrer Organisation „Kontakte-Kontakty“ von Herzen für Ihre Hilfe. Verzeihen Sie, dass meine Antwort so spät kommt. Ich hatte eine schwere Erkältung, zusätzlich zu meinem geschwächten Organismus durch meine eigentliche Erkrankung: chronische lymphatische Leukämie (sehr hohe Leukozytwerte), an der ich schon sehr lange leide.

Das Geld, das Sie geschickt haben, kommt überaus gelegen: Meine Zähne müssen gemacht werden. Die Arbeit ist schon bezahlt, aber die Kieferorthopäden lassen auf sich warten. In der Sowjetunion war diese Art von Behandlung für Rentner kostenfrei, aber 2007 wurden alle Leistungen gestrichen, jetzt ist diese Behandlung für uns sehr teuer. Wegen meiner Erkrankung muss ich viel Geld für Medikamente ausgeben, und dann sind da noch die kommunalen Dienstleistungen, deshalb war es unmöglich, diese Summe selbst aufzubringen.

Aber nun zum Wichtigsten: „Erinnerungen an die Verbrechen der deutschen Besatzer und ihrer Gehilfen“. Ich war fünf, als der Krieg begann. Galgen habe ich keine gesehen. Von Gräueltaten seitens der Besatzer hat man mir nichts erzählt. Ob es in Worony so etwas gab, kann ich nicht sagen. Während des Kriegs, bis zur Evakuierung, als die Front aus Richtung Moskau zurückgedrängt wurde, waren wir im Nirgendwo. Solche wie mich und meine Schwester, die erst viereinhalb Monate alt war, als der Krieg begann, gab es damals Tausende. Tausende von Kindern, denen der Krieg die Kindheit genommen und die Jugend schwer gemacht hat.

Mein Vater ging mit der ersten Mobilisierungswelle an die Front, und wir hörten lange nichts von ihm, bis nach dem Krieg die Todesmitteilung kam. Vor dem Krieg hatte mein Vater als Meister auf der Schnellstraße Witebsk-Smolensk gearbeitet, beim Straßenbauamt. Deshalb stand unser Haus direkt an der Straße. Falls Sie irgendwann einmal von Witebsk nach Smolensk oder nach Moskau fahren sollten, werden Sie kurz vor dem Dorf Worony auf einem Hügel rechts der Straße ein paar uralte Apfelbäume sehen – dort stand unser Haus, die Bäume hat mein Vater gepflanzt, noch vor dem Krieg. Unmittelbar nach der Okkupation der Stadt Witebsk fuhren die Besatzer diese Straße entlang. Sie hielten an den Häusern an, gingen in die Scheunen und nahmen das ganze Vieh mit sich. Ständig hörten wir: „Matka jajko, matka mleko“  [Frau Eier, Milch]. Bald war nichts mehr übrig, nur im Keller gab es noch Kartoffeln und etwas Gemüse, das wir im Herbst geerntet hatten. Also überlebten wir irgendwie. Wir Fünfjährigen wurden sehr schnell erwachsen. Wir haben mit angesehen, wie unser Witebsk gebrannt hat, wie Bomben fielen und explodierten, wie die Flammenzungen bis zum Himmel aufschossen… Die Deutschen blieben nie lange, zogen immer weiter. Wir mussten in die Scheune ziehen. Weil die Frontlinie sich schnell verschob, waren immer neue Wehrmachtssoldaten in unserem Haus. Wie alle Kinder waren wir neugierig und abenteuerlustig. Manchmal ging ich ins Haus. Ich kann nicht behaupten, dass alle Deutschen Nazis waren: Manche nahmen mich hoch, setzten mich auf ihren Schoss, gaben mir Pfefferminzbonbons und fragten: „Wo ist dein Papa?“ Ich weiß nicht mehr, wer mir beigebracht zu sagen: „Im Krieg, Faschisten töten“, aber einmal hätte es mir fast das Leben gekostet. Der Deutsche zückte seine Pistole, gut, dass meine Mutter gerade nach mir gesucht hatte. Sie fiel vor ihm auf die Knie und flehte ihn an, ihr das unbesonnene Kind zu geben. Ich durfte unter gar keinen Umständen mehr sagen „Faschisten töten“, stattdessen nur „im Krieg“. So ging es weiter bis zum Ende des Sommers 1943. Die Daten weiß ich von meiner Cousine. Die Kämpfe auf belarussischem Boden war schwer und verlustreich. Die Evakuierung wurde angeordnet. Die Kinder wurden oben auf die Fuhren gesetzt, die Erwachsenen gingen zu Fuß nebenher. Sie schickten uns ins Dorf Antussi im Rajon Sennenskij, weit weg von den großen Straßen. Wir lebten in einem Pferdestall, anderen Wohnraum gab es nicht. Pferde waren keine mehr da – die kämpften auch. So ging es etwa anderthalb Jahre (die Zeitangaben stammen von meiner Cousine, weil ich noch zu klein war, um mich an diese Dinge zu erinnern). Dort gab es auch Faschisten, aber die hielten sich fern von den Wäldern, weil darin die Partisanen herrschten. Zu essen hatten wir nichts, mussten betteln gehen. Aber die Menschen in den umliegenden Dörfern hatten ja selbst nichts mehr. Wir liefen in zerfetzten Lumpen herum, verdreckt. Wir bettelten auch bei den Deutschen. Die hatten immer Brot. Manchmal warfen sie etwas auf die Straße, schauten zu, wie wir uns um ein Stück Brot rissen. Im Winter warfen sie die heißersehnten Stücke in den Schnee, ganz selten gaben sie uns das Brot einfach in die Hand. Einmal hetzten sie zum Spaß einen Schäferhund auf uns, aber zu unserem Glück hat er uns verschont. Es gab auch solche, die einfach ihr Maschinengewehr auf uns richteten, denn für sie waren wir bloß schmutzige Schweine. Im Laufe der Besatzung lernten wir ihre Sprache ein wenig, fragten manchmal auf Deutsch nach Brot.

1944, irgendwann im Sommer, hörten wir, wir sollten gehen, wohin wir wollten: Witebsk war befreit. Welch eine Freude! Nach Hause, auf den Brandplatz, kehrte jeder zurück wie er konnte. Unser Dorf war abgebrannt. Nur noch ein paar nackte Kästen standen da: Häuser, die kein Dach, keine Fenster hatten. Wir zogen mit ein paar anderen Familien in eine Erdhütte, die die Nazis in einem Hügel am See gegraben hatten. Die Deutschen wussten sich gut einzurichten. Selbst die Erdhütten bauten sie solide. Nach und nach kehrten die Männer von der Front zurück, manche hatten Söhne, die langsam heranwuchsen – eine große Hilfe für die Eltern. Die Leute fingen an, ihre Häuser wieder aufzubauen. Wir blieben allein zurück in unserer Erdhütte – unsere Mutter und wir zwei Mädchen. Bald stürzte das Dach ein, wir saßen im Schlamm, waren ständig krank, es war furchtbar kalt und nass. Dann wurden wir auf Anordnung des Dorfrats von Worony bei Leuten untergebracht, die ihr Haus schon gebaut hatten. Die Hausherren sagten: „Hier ist euer Raum: Das Bett und alles darunter.“ In dieser Zeit kam von irgendwoher Hilfe, ich weiß es nicht genau, aber ich glaube, von den USA oder den anderen Ländern der Sowjetunion: Wir bekamen Saatkartoffeln. Unsere Mutter kochte in einer Konservenbüchse drei Stück (eine für jeden). In der Erde waren noch gefrorene Kartoffeln. Die waren ganz bitter und schwarz, aber wir sammelten sie trotzdem, rieben sie, mischten Grünzeug darunter – Brennnessel, Giersch, Melde – und buken Fladen daraus. Ich wünsche keinem, dass er so etwas jemals essen muss! Salz gab es keins, Seife erst recht nicht. Dafür gab es Grünzeug im Überfluss. Es wuchs prächtig auf diesem Boden, der vom Menschenblut durchtränkt war.

Brot haben wir bis 1947 nicht gesehen. Witebsk war vollständig zerstört. Die Menschen waren halb verhungert, hatten kaum Kleidung und waren Tag und Nacht damit beschäftigt, die Stadt, die Industrie und andere Gewerbe wieder aufzubauen. In der Stadt gab es bis 1947 ein Lebensmittelmarkensystem, aber wir hatten Kartoffeln, die uns alles ersetzten. In der Erde buddeln konnten wir Kinder alle, ungeachtet des Alters, wie die Maulwürfe. Gleich nachdem Witebsk befreit war, wurde in einem der noch stehenden Häuser eine Schule eingerichtet. Sie hatte weder ein Dach noch Fenster, und im Winter war es sehr kalt. Wir hatten einen Lehrer für alle vier Klassen. Niemand konnte schreiben oder lesen. Wir hatten auch nichts zum Schreiben. Als die Deutschen abgezogen sind, ließen sie viele Papiere zurück. Was das für Dokumente waren, wusste niemand, aber Hauptsache die eine Seite war frei. Füller oder Tinte hatten wir nicht. Ich weiß noch, dass wir irgendwelche Dosen gesammelt haben. Was da drin war, weiß ich nicht. Vielleicht Schuhcreme oder irgendwelche Farben, aber jedenfalls nahmen wir Stöckchen, spitzten sie an und tauchten sie in dieses Zeug. So schrieben wir.

1945[?] wurden Schulbücher und sogar Hefte verteilt – alles, was man für die Schule brauchte. Die Schwierigkeiten hielten uns nicht zurück: Wir waren begierig darauf zu lernen – wie man liest, schreibt, rechnet. Der Staat kümmerte sich um uns: Zunächst wurde in Worony eine Holzschule gebaut, wo ich sieben Klassen mit Auszeichnung abschloss, um danach auf die Berufsschule in Witebsk zu gehen. Stalin half uns damals allen, besonders gespürt haben wir diese Hilfe, als uns der Kredit erlassen wurde, den unsere Mutter für den Bau unseres Hauses aufnehmen musste. Die Kredite wurden für Familien erlassen, die ihre Ernährer im Krieg verloren hatten. Dieses Haus steht noch heute gleich neben unserem Grundstück aus der Vorkriegszeit. Die neuen Besitzer haben es von außen mit Ziegelsteinen neu gemauert, aber im Inneren ist noch fast alles wie früher. Für uns zwei Kinder erhielt meine Mutter einmalig jeweils zwölf Rubel Halbwaisenrente. Das Leben war hart. Wir arbeiteten genauso wie die Erwachsenen, wir mussten ja irgendwie überleben. Nach dem Krieg gab es eine furchtbare Plage – Läuse. Wir wurden kahlgeschoren, unsere Lumpen in Lauge ausgekocht.

Direkt nach unserer Rückkehr aus der Evakuierung war unsere Mutter ein paar Mal in die Westukraine gefahren, die unter dem Krieg weniger gelitten hatte. Gott weiß, wie und gegen was sie es eintauschte, aber sie kam mal mit einem Beutel voll Korn, mal mit Brot zurück. Einmal schaffte sie es aus irgendwelchen Gründen nicht mehr ganz in den Waggon und wurde ein Stück weit von dem Zug über die Schienen mitgeschleift. Danach war sie lange krank, obendrauf bekam sie Typhus. Meine Schwester und ich liefen schmutzverkrustet und verlaust herum. Manchmal gaben uns die Nachbarn etwas, aber sie hatten ja selbst im Grunde nichts. Im Nachbardorf Drjukowo, gleich neben Worony, lebte unsere Tante mit ihrem Mann. Sie war etwas älter als unsere Mutter. Wenn es ganz schlimm wurde, gingen wir zu ihr. Unser Onkel hatte eine kleine Baracke gebaut. Aber sie waren nur zu zweit, wahrscheinlich hatten sie es etwas einfacher. Unsere Tante wusch unsere Sachen, gab uns zu essen, und wir gingen wieder zurück nach Worony, auf den Platz, der uns zugewiesen war. Ich erinnere mich nicht, wie lange das so weiterging, aber als unsere Mutter wieder gesund war, nahm sie einen Kredit für den Bau eines Hauses auf. Sie starb mit 57 Jahren an Krebs. Sie hat alles für uns getan, wollte, dass aus uns „mal was wird“, wie sie sagte. Ich schloss die Berufsschule ab, hatte gute Noten, lebte von einem Stipendium. Es war schwer, aber wir waren jung, voller Hoffnung, wir waren froh, dass Frieden herrschte, und was Essen und Kleidung anging – das war nebensächlich. Ich heiratete. Mein Mann war beim Militär, diente hauptsächlich in der Ukraine. Ich studierte im Fernstudium in Lwiw, machte meinen Abschluss, arbeitete in guten Positionen, wann immer der Dienst meines Mannes es zuließ. Fast 40 Dienstjahre habe ich hinter mir. Danach erhielt ich die gesetzliche Höchstrente. Die Lebensmittel waren damals günstig. Wir lebten und freuten uns, dachten, es würde immer so bleiben. Mein Mann bekam umsonst eine Wohnung in Witebsk. Es gab damals ein Gesetz, wonach einem dort, wo man zum Wehrdienst einberufen wurde, eine Wohnung zustand. Der Staat hat sich immer um seine Bürger gekümmert. Meine Schwester und ich konnten kostenlos studieren: Wir haben beide einen Berufsschul- und einen Hochschulabschluss. Sie lebt mit ihrer Familie heute ebenfalls hier in Oktjabrskaja.

Und dann kam die „Perestrojka“. Gorbatschow, der erste Staatspräsident der UdSSR, hat praktisch alles zerstört, was wir nach dem Krieg jahrzehntelang aufgebaut haben: das Ansehen des Landes, die Beziehungen, die Wirtschaft, die Industrie, den Wunsch, für das Wohl des Landes zu arbeiten. Die Bürger verstanden das sehr wohl, aber wie ein Sprichwort sagt: „Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter“ … Jelzin unterschrieb offiziell eine Vereinbarung über die Auflösung der UdSSR, gab den Republiken die sogenannte Freiheit, von wem oder was auch immer. Gorbatschow verließ das Land. Die Herrschaft übernahmen irgendwelche dahergelaufenen Leute, die uns beibringen wollten, wie man lebt, impften unseren Kindern ihre seltsamen Werte und Moralvorstellungen ein. Die Russen hatten es nicht leicht, und auch in Belarus ging es bergab. Die Veränderungen waren für alle sichtbar: Abwertung, alle unsere Ersparnisse sind „verbrannt“, und dabei waren wir nicht arm: Wir hatten eine Wohnung, hatten uns Möbel gekauft, ein Auto. Hatten genug Geld gespart für eine Wohnung und ein Auto für unseren Sohn – alles war weg. Wir hatten nur noch unsere Rente. Mein Mann ist vor zehn Jahren gestorben. Er war sehr lange krank. Vielleicht haben sich die gesundheitsschädlichen Bedingungen niedergeschlagen, unter denen er sein Leben lang gearbeitet hat: zuerst in der Luftfahrt, dann in den Raketentruppen.

…Ich selbst lebe in einer Wohnung mit allen Annehmlichkeiten, aber für eine grundlegende Renovierung reicht es nicht. Viel Geld geht in meine Medikamente. Ich bin in Behandlung in einem Diagnostikzentrum und der regionalen Poliklinik für Onkologie, beim Endokrinologen. Die Krankheiten erfordern meine ganze Aufmerksamkeit, und das Alter selbst, wie Sie sich denken können. Meine Nachbarn kommen in materieller Hinsicht gut aus, besonders wenn es zwei Renteneinkommen gibt und einer zusätzlich arbeiten kann. Sie renovieren, kaufen Autos, technische Geräte. So soll es ja auch sein.

Nun habe ich Ihnen in Kürze mein Leben geschildert, von meiner Kindheit an. Die Kriegszeit war hart. Das kann man sich erklären. Aber was ich mir nicht erklären kann, ist, wie es unsere Regierung in friedlichen Zeiten geschafft hat, dass ich, die ich mein Lebtag ehrlich gearbeitet habe, in leitenden Positionen, immer Steuern gezahlt habe, heute nicht in der Lage bin, mir meine Zähne in Ordnung bringen zu lassen …

Aus dem Krieg ist uns eine Vielzahl an Mahnmalen, Denkmälern für die Opfer, Grabstätten geblieben. In Worony gibt es ein Denkmal für die Gefallenen, auch hier in der Nähe, im Dorf Schapury, gibt es eine kleinere Begräbnisstätte. In jedem Dorf, jeder Siedlung, jeder Stadt gibt es etwas, das an diesen grausamen Krieg erinnert. Über 600 Dörfer wurden verbrannt, zahlreiche Städte zerstört. In Minsk (unserer Hauptstadt) und seiner Umgebung gibt es sehr viele Grabstätten: in der Nähe der Endstation „Wesnjanka“ gibt es einen ganzen Friedhof. Mehr als 80 tausend unserer Väter und Großväter liegen hier begraben. Das ist die Geschichte, geschrieben von unseren Nächsten, die wir verloren, die uns so sehr gefehlt haben. Viele Gedenkbücher sind veröffentlicht worden. Ich weiß nicht, wie viele Bände. Dank einem dieser Bücher habe ich das Grab meines Vaters gefunden. Danke an unsere Mitbürger, die sich dieser gemeinnützigen Sache annehmen.

Verzeihen Sie, falls ich irgendetwas Falsches gesagt habe, ich habe einfach mein Herz ausgeschüttet. Vielleicht ist der Brief etwas verworren, aber glauben Sie mir, ich habe ihn in einem Atemzug geschrieben. Noch einmal vielen Dank für Ihre Hilfe. Bleiben Sie gesund und glücklich. Ihre Arbeit ist gut und wichtig. Die Menschen werden Ihnen immer sagen: „Gott behüte Sie!“

Hochachtungsvoll

Galina Pawlowna J.

Aus dem Russischen von Jennie Seitz