Epschtejn Karl Iosifowitsch – Neuer Freitagsbrief Nr. 119

Diesen Bericht aus dem Jahr 1999 schickte uns Karl Epschtejn, der eine langjährige Korrespondenz mit Eberhard Radczuweit führte, im Jahr 2015. Seinen Vornamen hat er nach eigenem Bekunden zu Ehren von Karl Marx erhalten.

Epschtejn Karl Iosifowitsch
Ukraine, Uman

29.06.1999

Ich, Epschtejn Karl Iosifowitsch, wurde am 14.02.1930 in Krementschug, Oblast Poltawa geboren. Im Jahre 1937, als unsere Familie in der Seswjatskaja Straße in Moskau wohnte, wurde mein Vater Epschtejn Iosif Mejerowitsch als Volksfeind verurteilt, zunächst zu sieben Jahren, und dann lebenslang. 1957, nach dem Tod Stalins, wurde er rehabilitiert. Er verstarb 1974. Nach der Verhaftung meines Vaters mussten wir Moskau verlassen, und weil meine Mutter aus der Ukraine stammte, fuhren wir zu meiner Großmutter nach Dunajewzy, damals in der Oblast Kamenezk-Podolsk, heute Chmelnizk.

Der Krieg brach aus. Es gab zwei Pogrome. Der erste am 8. Mai 1942, der zweite am 19. Oktober 1942. Meine Mutter und meine Schwester wurden während des zweiten erschossen. Ich konnte fliehen. Zuerst versteckte ich mich im Dorf Gortschischno bei einer ukrainischen Familie, aber eines Nachts, kurz nach dem zweiten Pogrom, klopfte die verwundete Lisa Kojschman, dem Ehemann nach Kuperman, an der Tür – jetzt lebt sie in Israel –, und sie schickten mich fort, weil sie nicht zwei Menschen verstecken konnten. Ich ging Richtung Osten. Kam bis Bar in der Oblast Winniza. Geriet in eine Razzia. Gab mich als Sabotjuk Wolodja aus, geboren 1928, Ukrainer. Die Deutschen durchsuchten mich, aber ich war nicht beschnitten, und so glaubten sie mir und trugen mich in eine Liste zur Entsendung  zum Arbeiten nach Deutschland ein. Ich kam nach Berlin-Britz, in die Chemiefabrik Riedel (oder Riedel Werke*). Ich arbeitete an der Herstellung von Nebelpatronen mit. Der Fabrikvorsteher war der Nazi Herr Pape. Herr Pape verprügelte mich einmal heftig in seinem Büro und ich floh aus dem Lager Berlin-Britz. Ich streifte mehrere Tage durch Berlin und bettelte vor Bäckereien nach Brotmarken, deutsche Frauen gaben mir manchmal welche, und einmal nahm mich eine deutsche Frau mit nach Hause, gab mir zu essen, neue Kleidung und Brotmarken, und ich ging wieder. Dann griff mich ein Polizist auf, und ich kam ins Gefängnis von Moabit, wenn ich mich richtig erinnere. Man verurteilte mich zu sechs Stockhieben und schickte mich danach in ein anderes Unternehmen – in Berlin-Weißensee, Nüßler Str. 7, Firma „Kleckner Deutsch“, gleich nebenan war die Firma „Erich am Ende“. Dort war ich Hilfsarbeiter und wohnte in der Baracke der Firma „Erich am Ende“. Ab 1943 oder 1944 wohnte ich im Gebäude der Firma „Deutsch“ zusammen mit Arbeitern aus dem Baltikum und den Niederlanden. Einer der Niederländer arbeitete am Akkuschleppfahrzeug „Primus“, und ich war sein Gehilfe. Wir lieferten Metall an Unternehmen in ganz Berlin aus, er hieß Genri Rikus. Sein Vorgesetzter war Herr Wunderlich, der gemeinsam mit seiner Ehefrau Frau Wunderlich in der 1. Etage des Fabrikgebäudes wohnte. Ihr Sohn, ein Offizier der Wehrmacht, war in britische Kriegsgefangenschaft geraten. Der Unternehmensleiter war der Meister Herr Mancke. Als Buchhalter arbeitete Herr Schulz, und es gab noch einen jungen Schulz – 16 Jahre alt, das war, glaube ich, sein Sohn. Mein Vorgesetzter war Herr Kleist. Mit mir zusammen arbeiteten die Deutschen Werner Lichtfuß, Schwarz (Schwarz war ein ehemaliger Kommunist), Kremer, und an die anderen erinnere ich mich nicht.

Morgens um 6 Uhr früh fuhr ich mit Kanistern los, um Brühe zu holen und kam zum Frühstück mit der Brühe zurück. Bezugsscheine für Schuhe und Kleidung gab uns der ältere Herr Schulz, und Herr Wunderlich war für uns verantwortlich. In dem Unternehmen arbeitete außer mir noch ein Ukrainer, Kostja Rasdoroshnyj aus der Oblast Kirowograd, 4-5 Litauer und 3 Niederländer. Mich kannte man dort unter dem Namen Sabotjuk Wladimir Pawlowitsch, geboren 1928. Dass ich Jude war, erzählte ich niemandem. Bevor am 21. April die Russen kamen, waren wir heftig bombardiert worden und die Firma hatte gebrannt. Ich rette gemeinsam mit den anderen die Habseligkeiten aus den Flammen. Am 21. April verabschiedete ich mich von Herrn und Frau Wunderlich und weiß nicht, was seitdem mit ihnen geschehen ist. Aus Angst, Hunger leiden zu müssen, machte ich mich noch zwei Jahre älter – schrieb also, ich wäre 1926 geboren –, und diente bis September 1950 in der deutschen Armee. Nach meiner Demobilisierung lebte ich in Moskau. 1952 fand ich meinen Vater. Ich ließ meinen Nachnamen, Vornamen, Vatersnamen und den Geburtsort ändern. Mehrmals wurde ich zum KGB geschleift und ausgefragt, welche Schule ich wann abgeschlossen hätte, sie meinten Schule der SS. Schließlich ließen sie mich meinen Namen, das Datum und den Ort meiner Geburt ändern, und ich wurde Epschtejn Karl Iosifowitsch, Jude, geboren 1930. 1953 krepierte Stalin und traf ich endlich meinen Vater. 1976 begegnete ich dieser Frau, Lisa Semjonowna Kojschman (nach dem Ehemann Kuperman). Sie erzählte mir, sie habe ihr Leben lang Gewissensbisse gehabt, weil ich wegen ihr die Bauernfamilie verlassen musste, die sie aufnahm.

* kursiv im Original Deutsch

Ergänzung

Am 18. oder 19. April 1945 schickte mich mein Vorgesetzter Herr Mancke mit einem Lieferwagen los, um Sachen, die unserem Chef gehörten, nach West-Berlin zu bringen. Den Chef kannte ich nicht. Ich brachte die Sachen hin. Dann ging ich zu Fuß nach Hause zurück. Berlin war schon komplett verbarrikadiert und verteidigte sich. Und da sah ich, wie unweit des Alexanderplatzes, in Richtung Weißensee, am rechten Rand eines Wasserbeckens Soldaten der SS deutsche Deserteure hängten. Das war bereits am 20. April. Während meines Aufenthalts in Berlin von Anfang November 1942 bis zum 21. April 1945 gab es so gut wie keine Nacht, in der die Stadt nicht von Amerikanern oder Briten bombardiert worden wäre. Wir versteckten uns zusammen mit der Familie der Wunderlichs in einem Bunker auf dem Unternehmensgelände.

Karl Epschtejn

29. Juni 1999

Aus dem Russischen von Jennie Seitz