Marija Timofejewna W. – Neuer Freitagsbrief Nr. 106

Marija Timofejewna W.
Belarus, Gebiet Witebsk

23.02.2017

Ich, W. Marija Timofejewna, sende einen Gruß nach Deutschland, das sich endlich zu seiner Schuld vor uns bekennt, wenn auch sehr spät. Ich werde etwas über mich erzählen.

Als der Krieg begann, waren wir eine sechsköpfige Familie. Vater, Mutter und vier Kinder, der Jüngste war 1,5 Jahre alt. Wir hatten gerade ein gutes Haus gebaut, wollten darin leben, aber die Deutschen haben es verbrannt. Wir irrten überall herum, in den Wäldern, in den Schluchten, hungrig, halbnackt, die Füße nur mit Stofffetzen umwickelt. Unseren Vater nahmen die Partisanen mit, mein jüngster Bruder verhungerte. Nach einem halben Jahr waren nur noch wir drei und unsere Mutter übrig. Wir hungerten, hatten nichts zu essen. Ich weiß noch aus den Erzählungen meiner Mutter, wie die Partisanen ein Pferd geschlachtet haben, sie hatten auch nichts zu essen, und wir verbrannten die Haut im Feuer. Wir hungerten, hatten kein Salz, kein Brot. Ich weiß nicht, wie wir überlebt haben. Zu unserem großen Unglück starb unser Vater am 5. Mai 1945 und am 9. Mai war der Krieg vorbei. Vier Tage zu früh ist er gestorben, eine Panzermine ist unter ihm explodiert, als sie den Wald von Minen befreiten. Ich kann nicht alle Einzelheiten beschreiben, es geht mir zu nahe. Nach dem Krieg irrten wir überall umher, gruben Kartoffeln aus, als der Winter vorbei war, haben kleine Küchlein daraus gebacken. Als Haus diente, was wir gerade fanden, ein Schuppen, eine Banja, wir hatten nichts, um ein richtiges Haus zu bauen, eine Frau und ihre drei Küken. Dann gab uns die Regierung eine kleine Hütte, die man etwas renoviert hatte. Wir waren ja die Familie eines Gefallenen. Ich habe mit 9 Jahren Kühe aufs Feld getrieben bei den Nachbarn, mit 14 habe ich Gras gemäht und Holz gehackt. Mit 23 habe ich geheiratet, einen Mann, der genauso arm war wie ich, und so lebten wir weiter mehr schlecht als recht, hatten nichts zu essen. Dann bauten wir uns ein kleines Häuschen, bekamen zwei Söhne, die jetzt in anderen Städten leben und auch nicht viel haben. Ich bin Invalidin 2. Grades, lebe alleine, die Kinder helfen ein wenig mit dem Haus und dem Garten.

Ich danke Ihnen für die Hilfe, ich konnte mir davon eine Jacke kaufen, Stiefel und Holz, sehr viel Geld geht in die Medikamente. Ich habe nichts gelernt, habe eine Rente wie zu Kolchos-Zeiten, kann mir nichts zur Freude kaufen. Vielen Dank für die 300 Euro, die ich bekommen habe.

Auf Wiedersehen

Aus dem Russischen von Jennie Seitz