Sura Jankelewna T. – Neuer Freitagsbrief Nr. 105

Freitagsbrief aus dem Jahr 2013

Sura Jankelewna T.
Balta, Ukraine

Ich, T. Sura Jankelewna, wurde in der Siedlung Golma, Bezirk Baltskij, geboren. Zu Beginn des Krieges lebte meine Familie in Balta, und ich erinnere mich, dass wir ins Ghetto getrieben wurden, als die Deutschen die Stadt besetzten. Mein Vater wurde zum Bau eines Flugplatzes in der Siedlung Pereljoty (14 km von Balta entfernt) mitgenommen und dort ermordet. Im Januar 1942 wurden wir in die Siedlung Baloniwka, Bezirk Berschadskij, geschickt, die Deutschen sagten, dass wir dort arbeiten würden. Es war Winter, wir wurden in einem Kuhstall zusammengetrieben, ich erinnere mich, dass dort viele Menschen erfroren sind, unter ihnen waren auch mein Großvater Oks Iosif und meine Großmutter Esterka. Die Schwestern meiner Großmutter, Mosches Surka und Mosches Schifra, erfroren ebenfalls in Baloniwka.

Dort arbeiteten wir unbezahlt, das Leben war sehr hart. Dann erinnere ich mich daran, dass wir zu Fuß nach Balta losgingen, ich, meine Mutter und die Schwestern meiner Mutter. Als wir in Balta ankamen, wurden wir direkt ins Ghetto gesteckt. Aus dem Ghetto durfte man nicht hinaus, sonst Erschießung. Sehr viele Juden wurden zum Arbeiten nach Nikolajew geschickt, aber es kehrte kaum jemand von dort zurück. Im Ghetto bekam man nichts zu essen und die Menschen verhungerten. Manchmal halfen russische Leute, sie brachten uns etwas, oder warfen es über den Zaun. Ich arbeitete in der Lederfabrik – das war sehr harte Arbeit. Was taten wir? Es wurden alte Filzstiefel gesammelt, von denen wir die Wolle rupften, wir arbeiteten in Nachtschichten, alles Kinder unter 16 Jahren. Die Bezahlung bestand aus Erbsensuppe und einem Haferfladen. Jüdische Feiertage begingen wir nicht, weil wir die Zeitzählung nicht kannten.

Der Vorstehende der Gemeinde war Rubinschtejn, ein rumänischer Jude, und außerdem war da noch Konfeld. Das waren gelehrte Menschen, sie halfen, wo sie konnten. Bei uns wohnte Wilja, von Beruf war er Astronom, und er war ein Goldstück von Mensch. Eines Tages kam er angerannt und sagte, er wisse von Familiennamen – eine Liste mit Menschen, die erschossen werden sollten. Und er sagte zu mir: „Sonja, du musst weg!“. Ich war jung und versteckte mich, meine Tante arbeitete im Krankenhaus, Oks Rachil, also rannte ich zu ihr ins Krankenhaus, aber die Deutschen sahen mich, doch ich rannte so schnell ich konnte, ich fiel in einen Graben und lag dort bis zum Morgen, und am Morgen kam die Rote Armee und befreite uns.

Aus dem Russischen von Jennie Seitz