Jewgenij Pawlowitsch Petrossow – Freitagsbrief Nr. 140

Dieser Brief aus dem Jahr 2010 ist die Fortsetzung des 331. Freitagsbriefs aus dem Jahr 2013, der hier zu finden ist.

Russland, Kruglolesskoje (damals Kreis Stawropol)

Guten Abend alle zusammen [dt. im OR],
Guten Tag alle zusammen.

Ich schreibe Ihnen diesen Brief kurz vor dem 65. Jahrestag des Kriegsendes. Dieser Krieg war eine Tragödie für alle Völker. Ich möchte damit beginnen, wie er für mich zu Ende ging, im März 1945. Ich fand mich an einem Sammelpunkt wieder, er befand sich in der Stadt Olpe , auf dem Territorium einer Fabrik. Daneben stand ein Gebäude, offenbar gehörte es dem Fabrikleiter, dort hatten sich Amerikaner des 744. Panzerbataillons [70. Division] eingerichtet. Eines Tages holte mich der Sergeant, ich sollte beim Transport von Stühlen aus dem Theater in die Kantine helfen. Ich blieb dort und half in der Küche aus, bis ich im September 1945 in die sowjetische Besatzungszone nach Wetenberg [Wittenberg?] kam, zur Überprüfung ins Filtriationslager. Nach der Überprüfung konnte ich in meine Heimatstadt Grosny zurückkehren. Dort fand ich in einer Ölraffinerie Arbeit als Schweißer. Es stellte sich heraus, dass man Spitzel auf mich angesetzt hatte, die meine Gespräche belauschten und beim KBG [sic!] Bericht erstatteten, nachts vor meiner Wohnung herumstanden und aushorchten, ob ich im Radio BBC oder die Stimme Amerikas hörte. Ich hatte keine Ahnung. Erst als man mich am 27. Mai 1949 verhaftete, erfuhr ich davon. Ich kam in das „innere“ Gefängnis der NKWD. Erst in eine normale Zelle, wo ich auch Bücher bekam. Sie schickten zwar Mitarbeiter zu mir in die Zelle, die mich verhörten, aber sie bekamen nichts aus mir heraus. Was hätten sie auch erreichen können, ich habe bei einer amerikanischen Abteilung in der Küche gearbeitet, ein paar Kinofilme gesehen, aber ich hatte keine Verbindungen zur Spionage, so wie sie es von mir hören wollten, ich hatte keinerlei Kontakte. Zehn Tage lang verhörten sie mich Tag und Nacht, aber haben nichts erreicht, also sperrten sie mich in eine Betonzelle. Dann wurde ich von einem Staatsanwalt verhört, dem sagte ich dasselbe, keine Verbindungen zur Spionage. Der Staatsanwalt hatte sich nicht mit dem Ermittler abgestimmt, und der sagte, der Staatsanwalt würde das Verhör falsch führen. Als wir unter vier Augen waren, sagte er zu mir, ich sei noch jung, gehöre in die Freiheit, und dass ich noch rauskommen würde. Er meinte: „Sag nichts vor Gericht. Ich sorge für eine milde Strafe.“ Sie gaben mir 10 Jahre, andere bekamen 25. Als ich nach der Verhandlung in die Zelle gebracht wurde, wunderte sich der Wachmann, dass ich so wenig bekommen hatte. Als wir ins Lager transportiert wurden, war da ein Häftling, der 15 Jahre bekommen hatte, weil er vor Gericht geweint hatte. Alle anderen bekamen 25 Jahre. Ich denke, sie haben auch den Staatsanwalt eingesperrt, weil er sich für mich eingesetzt hat. Der Paragraph lautete: Antisowjetische Agitation und Propaganda. Nach diesem Paragraphen sollte man heute alle verurteilen, vom Präsidenten bis zum Arbeiter. Alle bewundern die kapitalistische Lebensweise und ihre Produktionswaren. Alles ist gut, was aus dem Ausland kommt, alle kaufen Mercedes-Autos u.s.w. Wer keine Arbeit hat, fährt ins Ausland, besonders aus der Ukraine. Die einheimischen Fabriken werden zugemacht, weil niemand die Waren kauft.

Aber dann wurden wir nach dreimonatiger Ermittlung ins Lager geschickt, im September, in die nördliche Taiga. Wir mussten Bäume roden, bereiteten die Winterstraße für die Holzausfuhr vor. An der Oberfläche lag Schnee, darunter war es nass, den ganzen Tag musste man mit Segeltuchschuhen im Wasser stehen, die wir noch im Gefängnis bekommen hatten. Manche mussten auf Tragen in die Zone gebracht werden. Ich habe dank meiner guten Gesundheit durchgehalten. Erst als der Frost einsetzte, mit Temperaturen bis zu -40°C, verteilten sie Fellmützen, Windjacken, Filzstiefel, Handschuhe, dann schickten sie uns zur Holzbeschaffung in den Wald. Die Schwachen starben, die Starken überlebten. Es waren auch ehemalige deutsche Gefangenen dort, die nach politischen Paragraphen verurteilt worden waren. Ich wusste nicht, wie lang ihre Strafen waren, aber sie wurden später freigelassen und zurück in die Heimat geschickt, nach Deutschland. Wie die Bedingungen dort waren, darüber könnte man lange schreiben, aber sie wissen das wahrscheinlich aus Berichten von Deutschen, die in den Lagern der Taiga gewesen sind.

Auf Wiedersehen, ich danke Ihnen sehr.

Je. P.

Aus dem Russischen von Jennie Seitz