Dawid Aleksandrowitsch Dartschija – Freitagsbrief Nr. 137

Georgien
Bezirk Ozurgeti

Januar 2009, Georgien

Meine Erinnerungen

Ich, Dawid Aleksandrowitsch Dartschija, bin 1920 in Georgien geboren, in dem kleinen Dorf Natanebi im Berirk Ozurgeti. Ich absolvierte die Feldscher-Ausbildung, wurde zum Militärdienst in der Sowjetarmee einberufen. Da begann gerade der Große Vaterländische Krieg. Ich kämpfte in der Ukraine und kam 1941 in Gefangenschaft zu den Faschisten. Ich wurde in ein Kriegsgefangenenlager nach Polen gebracht, dann nach Deutschland. Ich erinnere mich, dass das Lager in einem Landesteil war, dessen Name wie Saarland klingt. Es war bei einer kleinen Stadt oder einem Dorf, aber an den genauen Namen kann ich mich nicht mehr erinnern. Die Faschisten gaben uns allen Nummern und riefen uns jeden Morgen und jeden Abend nach diesen Nummern auf zum Zählappell. Die Nummern wurden in Holzbretter eingeritzt und uns um den Hals gehängt. Diese Nummer, habe ich mir für mein ganzes Leben eingeprägt und weiß sie noch bis heute – 14104.

Am Tage brachte man uns zur Arbeit in das nächstgelegene Dorf, das waren hauptsächlich landwirtschaftliche Arbeiten auf den Höfen bei den Einwohnern, den Bauern. Im Lager wurden wir nur sehr dürftig ernährt, es gab so eine Suppe aus Wasser und Kartoffeln. Das Brot reichte nicht aus, und arbeiten musste man den ganzen Tag. Der Hausherr, der so ähnlich wie Hans Müller hieß, schrie uns an und ließ uns nicht zum Luftholen kommen. Ich erinnere mich, wie glücklich ich mich fühlte, als ich für den Bauern Kartoffeln ausgraben sollte – bei mir schlich sich die Hoffnung ein, das ich vielleicht eine Kartoffel stehlen und insgeheim gleich roh essen könnte, solange der Bauer es nicht merkte. Ins Lager hätte ich sie nicht mitnehmen können, weil die Faschisten mich wegen „Diebstahl am Eigentum des großen deutschen Volkes“ verprügelt hätten.

Nach dem deutschen Lager brachte man uns in ein Lager in Frankreich. Von dort befreiten uns alliierte Truppen, und die Engländer schickten uns, die sowjetischen Kriegsgefangenen, nach Beendigung des Krieges zurück in die Heimat.

Als ich nach Georgien zurückgekehrt war, lernte ich das russische Mädchen Tatjana Bobrowa kennen und heiratete sie. Wir bekamen einen Sohn und zwei Töchter, ein Sohn starb. Die damalige sowjetische Regierung verzieh mir nicht, dass ich mich den Faschisten lebend gefangen gegeben hatte und erklärte mich wie auch viele Tausend andere ehemalige Kriegsgefangene zu Verrätern. 1953 schickte man mich mit der Familie in das ferne Baschkirien in die Verbannung, wo wir mehr als 10 Jahre lebten und arbeiteten, getrennt von allen Verwandten und Freunden.

Jetzt bin ich schon 89 Jahre alt, lebe in Georgien. Ich kann die Tränen nicht zurückhalten, wenn ich mein Leben und die Jahre überdenke, die ich in den faschistischen Lagern und in den Verbannung im eigenen Land mit dem Stempel des Verräters durchgemacht habe. Diese Erinnerungen wühlten das auf, was ich zu vergessen suchte, woran ich mich nicht erinnern wollte, an das ich nicht denken wollte. Aber ich möchte sagen, dass ich den deutschen Menschen dankbar bin, den Geschäftsleuten, die schon eine neue Generation des deutschen Volkes darstellen und uns, den ehemaligen Kriegsgefangenen ihres Landes, tatkräftige Hilfe erweisen und die Schuld anderer abtragen wollen. Ihnen und allen Organisationen, die als Mittler auftreten und die uns gesucht haben, die wir noch leben, und uns kann man doch schon an den Fingern einer Hand abzählen. Dank ihnen dafür, dass sie den Namen ihres Landes rehabilitieren wollen.

Einen besonderen Dank möchte ich auch jener Organisation bei uns in der Stadt Kutaissi ausdrücken, die mich in einem fernen, verschneiten Dorf gefunden hat, fern von der Hauptverkehrsstraße, abgeschnitten von der übrigen Welt durch eine verschneite Unwegsamkeit, um mir persönlich die Hilfe des deutschen Volkes zu überbringen. Das war der Vertreter der georgisch-ukrainischen Assoziation „Drushba“ aus der Stadt Kutaissi, Herr Nugsar Andguladse, ein Mensch, der mit den Nöten älterer Menschen vertraut ist und seine Zeit und seine Kräfte nicht schont, um uns nach Möglichkeit zu helfen. Ich lege dem Brief Fotografien bei, die an diesem für mich denkwürdigen Tag gemacht wurden. Jetzt weiß ich, dass ich aus dieser Welt mit der Erkenntnis gehen werde, dass die Gerechtigkeit doch irgendwann triumphiert.

Mit Dankbarkeit und Hochachtung

Dawid Dartschija

Übersetzung Gesine Reinwarth