Z. Marija Iwanowna

Belarus, Truschtschi

30.03.2017

Guten Tag!

Ich heiße Jekaterina und schreibe im Namen von  Z. Marija Iwanowna, meiner Mama, weil ihr das Briefeschreiben zu schwer fällt. Also schreibe ich ihre Worte auf.

Es war eine schreckliche Zeit. Es sind so viele Jahre vergangen, aber die Angst und das Grauen lassen sich nicht vergessen. Vor dem Krieg lebten wir (ich, Mutter, Vater und zwei Brüder) im Dorf Lemniza, Gebiet Witebsk. Ich war noch ein Kind, als der Krieg begann. Aber an diese schrecklichen Jahre erinnere ich mich noch gut. Als die Faschisten in unser Dorf kamen, versteckte sich mein Vater unter den Bodendielen (im Speisekeller). Die Männer wurden in die Lager getrieben und dann erschossen. Mein Vater hat sich rechtzeitig verstecken können, aber als sie weggingen, zündeten sie das Haus an. Vater kam aus dem Keller und konnte die Flammen löschen. Als die Faschisten zum zweiten Mal kamen, verprügelten sie unseren Vater und unseren älteren Bruder grausam, vor unseren Augen, und auch meine Mutter, die Vater zu helfen versuchte, schlugen sie. Unseren Vater nahmen sie mit, brachten ihn ins Lager und erschossen ihn drei Monate später. Unser Haus brannten sie nieder. Wir liefen weg und versteckten uns im Wald. Ich hatte schreckliche Angst. Mein älterer Bruder Lawrin schloss sich den Partisanen an. Aber bald geriet er in einen Hinterhalt und wurde erschossen. Wir wurden gefangen. Mich, meinen Bruder und unsere Mutter vertrieben die Faschisten nach Polen. Dort blieben wir bis zum Ende des Krieges. Nach dem Krieg kehrten wir in unser Heimatdorf zurück. Unser Haus war nicht mehr da, überall herrschten Hunger und Zerstörung. Meine Mutter grub eine Erdhütte, wir halfen, schleppten die Erde nach oben. Dann schleppte unsere Mutter auf ihrem Rücken Holz aus dem Wald, um die Erdhütte abzudecken. Wir lebten lange darin. Nachts, obwohl völlig erschöpft von der körperlichen Arbeit, schreckten wir immerzu hoch und horchten, ob die Bestrafer kamen. Wir hatten Angst, dass der Krieg wieder losgehen könnte.

Seine Narben hat der Krieg nicht nur auf dem Herzen zurückgelassen, sondern auch auf dem Körper. Einmal beim Küheweiden explodierte irgendein Geschoss, und die Splitter zerhackten mir die ganzen Beine. Ich erinnere mich noch an das Gesicht meiner Mutter, als man mich blutüberströmt zu ihr trug, und wie sie vor Panik schrie, dachte, jetzt wäre auch ich tot …

Jene Jahre – das sind Tränen, Tod und Angst. Ich kann mich an keinen einzigen glücklichen Tag oder auch nur ein Lächeln während dieser Zeit erinnern. Wegen des Krieges musste ich ohne Vater aufwachsen, nur die Erinnerung hütet seine gutmütigen Augen, er wurde ja ermordet, als ich noch ein Kind war. Ich konnte nicht zur Schule gehen, habe nur drei Klassen besucht, weil ich meiner Mutter helfen musste. Als wir zurückkehrten, war ja nichts mehr da, weder Haus noch Hof, nichts. Wir mussten die Erde beackern, die über die Jahre zugewachsen war. Das machten wir alles mit unseren eigenen Händen. Meine Mutter zog den Pflug, und mein Bruder und ich liefen abwechselnd hinterher.

Ich denke oft darüber nach, wie mein Leben verlaufen wäre, hätte es den Krieg nicht gegeben. Dann würde mein Vater leben. Mein großer Bruder. Wir wären eine große, glückliche Familie.

Alle müssen sich an diesen grausamen Krieg erinnern, niemand darf ihn vergessen. Solange man sich erinnert, leben auch unsere Nächsten in der Erinnerung weiter. Solange man sich erinnert, gibt es die Hoffnung, dass sich der Krieg niemals wiederholt.

PS: Für die alten Menschen, die diese furchtbaren Kriegsjahre erlebt haben, ist es in der Tat sehr wichtig, dass die Nachkommen der Besatzer sie um Entschuldigung bitten und die Taten ihrer Väter und Großväter verurteilen, dass sie verstehen, wozu der Krieg führt. Natürlich kann man nichts mehr ändern, nichts zurückholen, doch man kann verhindern, dass so etwas in der Zukunft geschieht. Bis heute trägt unser Boden die Spuren des Krieges. Man kann immer noch Erdhütten und Schützengräben sehen, Erdtrichter von Geschossen. Meine Tochter Alina, die Enkeltochter von Marija Iwanowna, betreibt einen Gasthof und empfängt Touristen, arbeitet auf ihrem Heimatboden, bringt den Gäste den Alltag der belarussischen Dörfer nahe, die Flora und Fauna unserer Heimatregion. Von klein auf hat sie die Erzählungen ihrer Großmütter und ihres Großvaters väterlicherseits über den Krieg gehört. Und sie nährt auf ihre Weise in den jungen Leuten den Wunsch, in dieser Welt zu leben. Rings um den Gasthof gibt es viele Geschosstrichter aus Kriegstagen. Jeden Frühling schüttet sie zusammen mit ihren Gästen diese Trichter mit fruchtbarer Erde zu und pflanzt darin Blumen und Bäume, als Symbol für das Leben und den Frieden. Diese Aktion findet großen Anklang bei jung und alt. Das lässt hoffen, dass die Menschen verstehen, wie wichtig der Frieden für die Menschheit tatsächlich ist, und sie die Fehler der Vergangenheit in der Zukunft nicht wiederholen.

Frieden für Sie und alles Gute!

Z. Marija Iwanowna und ihre Familie

Aus dem Russischen von Jennie Seitz