Pawel Anisimowitsch Bilyk – Freitagsbrief Nr. 131

Ukraine, Gebiet Dnepropetrowsk

Ich, Pawel Anisimowitsch Bilyk, wurde am 24. Juni 1921 in der Siedlung Zaritschanka im Gebiet Dnepropetrowsk geboren.

Den Kriegsbeginn erlebte ich als Angehöriger der Roten Flotte auf der Halbinsel Hanko, wo wir in einer Marinebasis stationiert waren. Deren Kommandant war General Kabanow. Während der Evakuierung des Standorts nach Kronstadt befand ich mich auf dem Schiff „I. Stalin“, welches in der Nacht vom 02. zum 03. Dezember 1941 von Minen zerstört und von unserem Konvoi zurückgelassen wurde.

Am Morgen des 05. Dezember 1941 kamen deutsche Motorboote und Minensucher. Unter der Gefahr erschossen zu werden, wurden wir durch die deutschen Matrosen entwaffnet und gerieten in Gefangenschaft.

Man brachte uns nach Tallinn, wo meine Kameraden und ich uns in einem Hauskeller im Handelshafen wiederfanden. An diesem Abend erfolgte die Registrierung – ältere Esten fragten uns nach dem Vor- und Nachnamen, von welchem Wehrkommissariat ich einberufen wurde und in welchen Einheiten ich gedient hatte. Am zweiten Tag brachte man uns in die Jekaterinen-Kasernen und nach weiteren zehn bis fünfzehn Tagen wurden wir mit dem Zug in ein Kriegsgefangenenlager am Rande der Stadt Kohtla Järvi in Estland transportiert.

Gemeinsam mit den anderen arbeitete ich in einem Schieferbergwerk. Die Arbeitsnorm betrug zwei Loren pro Mann, samstags eine, der Sonntag war arbeitsfrei. An den Füßen trugen wir Holzschuhe, beim Einfahren in die Grube bekamen wir Gummigaloschen und Karbidlampen. In der Grube arbeiteten wir mit Esten zusammen, die Gesteinsbohrungen und –sprengungen vornahmen, die Loks bedienten und die Arbeit der Gefangenen beaufsichtigten. Spitzhacke und Spaten – das war unsere Sache. Die Norm versuchten wir schon deshalb zu erfüllen, weil wir fürchteten, in ein anderes Lager in der Stadt Tapo zu kommen, welches kein Arbeitslager war. (Das war gleichbedeutend mit dem Tod.) Dorthin wurden regelmäßig sonntags die nicht Arbeitsfähigen geschickt. An besondere Ausfälligkeiten oder Gewalttaten der deutschen Bewacher kann ich mich nicht entsinnen. Aus der gesamten Zeit ist mir nur eine öffentliche Erschießung eines Kameraden wegen seines Fluchtversuchs aus dem Lager im Gedächtnis geblieben.

Anfang 1944 brachte man uns in Eisenbahnwaggons in einen mir unbekannten Hafen (es war nicht Tallinn), verlud uns dort auf ein Transportschiff und brachte uns in den Danziger Hafen.

Nach zwei bis drei Tagen wurden wir wieder in Waggons verladen und in eine andere Stadt gebracht. (Den Namen weiß ich nicht mehr) Nachdem wir ausgestiegen waren, mussten wir eine Marschkolonne bilden und wir liefen drei Tage lang. Wir kamen an den Rand einer Stadt (vielleicht Leipzig) und wurden dort für Be- und Entladearbeiten eingesetzt. Meistens handelte es sich bei der Ladung um Schotter und Sand, der mit Eisenbahnwagen geliefert wurde. In dieser Region wurde ein Bauwerk errichtet (vielleicht ein Bunker). Neben uns arbeiteten dort auch Ostarbeiter, aber wir hatten zu ihnen keinen Kontakt.

Im September 1944 flüchteten mein Kamerad Wassili Rjabtschenko und ich. Wir versteckten uns in Kellern, Scheunen und auf Dachböden, bis wir nach zwei bis drei Wochen die Unsrigen erreichten. Nach der Sonderüberprüfung im Filtrationslager wurde ich dem 335. Gardeschützenregiment der 117. Gardeschützendivision der 13. Armee zugeteilt.

26. Mai 2005 P. Bilyk