{"id":5119,"date":"2023-06-16T16:35:14","date_gmt":"2023-06-16T14:35:14","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=5119"},"modified":"2023-06-16T16:35:17","modified_gmt":"2023-06-16T14:35:17","slug":"varvara-semyonovna-p-freitagsbrief-nr-233","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/varvara-semyonovna-p-freitagsbrief-nr-233\/","title":{"rendered":"Varvara Semyonovna P. &#8211; Freitagsbrief Nr. 233"},"content":{"rendered":"\n<p><strong><strong>Belarus<\/strong><\/strong>, <strong>Bobruysk<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>2. April. [2023 d. \u00dcbers.]<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin Varvara Semyonovna P.. Ich wohne in Bobruysk. Geboren wurde ich am 12. August 1938 im Dorf Kostry, Kreis Lyubonitskij im Bezirk Kirow. An den Beginn des Krieges kann ich mich nicht erinnern, aber an sein Ende sehr gut. Unsere Nachbarn wohnten uns gegen\u00fcber; ihr Sohn war Partisan. Einmal rannte er auf der Flucht vor der Polizei <em>[lokale Kollaborateure\/d. \u00dcbers.]<\/em> in unser Haus, versteckte sich auf dem Ofen unter den Sachen, die dort lagen. Der Polizist stie\u00df mit seinem Gewehr nach ihm, bemerkte ihn aber nicht, und verh\u00f6rte schlie\u00dflich meine Mutter, wo sie den Partisanen versteckt habe. Mutter sagte, sie habe ihn nicht gesehen. Dann nahm der Polizist meine Mutter mit auf den Hof und schrie, dass er uns alle umbringen w\u00fcrde. Wir weinten. Da kam ein Deutscher angerannt und brachte den Polizisten weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein zweiter Vorfall. Die Deutschen versammelten alle Frauen und Kinder an einem Ort, auf einem H\u00fcgel in der Dorfmitte, und fragten, wo die Partisanen seien. Die Deutschen bohrten uns die Finger in die Stirn und schrien: \u201ePeng-peng-peng!\u201c. Bald darauf kam ein Mann auf einem Pferd herangaloppiert und br\u00fcllte: \u201eIn Ruhe lassen!\u201c, und sie lie\u00dfen uns alle gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erinnere mich auch, dass sie sagten, sie w\u00fcrden das Dorf anz\u00fcnden. Meine Mutter nahm meine kleine Schwester auf den Arm und ich hielt mich am Rock meiner Mutter fest. Am Ende des Dorfes gab es einen Sumpf. &nbsp;Dort gingen wir hin. Wir liefen durch den Sumpf und die Deutschen schossen auf uns, die Kugeln fielen rechts und links ins Wasser, aber wir wurden nicht getroffen. Mein Bruder kam aus dem Wald gerannt, nahm mich auf den Arm und lief mit mir in den Wald. Er war 1930 geboren. Meine \u00e4ltere Schwester, die 32 geboren war, befand sich ebenfalls im Wald, wo sich alle vor den Deutschen versteckten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erinnere mich auch daran, dass ein Nachbar, der nicht an der Front war, Frauen und Kinder auf einem Wagen weit weg vom Dorf brachte. Dort schliefen wir alle nachts im Wald. Ich wei\u00df nicht, ob wir lange dort waren oder nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Unser Vater war im Krieg. Nach dem Krieg ist meine kleine Schwester verhungert. Es gab \u00fcberhaupt nichts zu essen. Wir a\u00dfen Sauerampfer, wilden Spinat, Brennnesseln, in Wasser gekocht, sogar ohne Salz. Es gab weder Brot noch Kartoffeln. Auf den Kolchos-Feldern sammelten wir nach dem Winter faule Kartoffeln. Mutter wusch sie, zerstampfte sie in einem M\u00f6rser und machte Pfannkuchen. Es war k\u00f6stlich, sie mit Sauerampfer zu essen. So lebte das ganze Dorf.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Meinen sind alle tot. Ich bin allein mit meinen drei Kindern, 6 Enkelkindern, 5 Urenkelkindern. Alle sind in Ordnung und lieben mich. Ich bin Analphabetin, habe nur die 1. Klasse besucht. Hatte nichts zum Anziehen im Winter. Das habe ich selbst geschrieben, entschuldigen Sie bitte meine Fehler.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lebe jetzt gut, ich w\u00fcnschte, es g\u00e4be keinen Krieg. Solange ich gesund bin f\u00fcr mein Alter, danke ich Gott f\u00fcr alles. Ich wollte niemanden bitten zu schreiben, ich habe meine Seele, ge\u00f6ffnet, ich weinte allein f\u00fcr mich, damit niemand es sah. Sie haben mich gebeten zu schreiben, woran ich mich aus dem Krieg erinnere.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lebe allein, meine Kinder leben nicht bei mir. Alles ist gut.<\/p>\n\n\n\n<p>P. Varvara Semyonovna.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00dcbersetzung Karin Ruppelt und Igor Makarov<\/em><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">-- \nKONTAKTE-KOHTAKTbI e.V.\nD-10827 Berlin  Feurigstra\u00dfe 68\nTelefon: +49-30  78 70 52 88 Fax: 78 70 52 89\n<a href=\"mailto:info@kontakte-kontakty.de\">info@kontakte-kontakty.de<\/a>\n<a href=\"http:\/\/www.kontakte-kontakty.de\">www.kontakte-kontakty.de<\/a><\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Belarus, Bobruysk 2. April. [2023 d. \u00dcbers.] Ich bin Varvara Semyonovna P.. Ich wohne in Bobruysk. Geboren wurde ich am 12. 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