{"id":5062,"date":"2023-05-05T11:20:37","date_gmt":"2023-05-05T09:20:37","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=5062"},"modified":"2023-05-11T11:21:00","modified_gmt":"2023-05-11T09:21:00","slug":"anna-yegorovna-ye-freitagsbrief-nr-230","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/anna-yegorovna-ye-freitagsbrief-nr-230\/","title":{"rendered":"Anna Yegorovna Ye. \u2013 Freitagsbrief Nr. 230"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Belarus. Gebiet Mogilyov<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Guten Tag, Ragna Vogel!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich freue mich sehr, dass Sie sich an uns erinnern! Vielen Dank f\u00fcr Ihre Hilfe: ich werde dieses Geld f\u00fcr meinen Tod aufbewahren. Mein Name ist Anna Yegorovna Ye. Ich bin 1936 geboren.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend des Krieges war ich 6 Jahre alt, und ich kann mich noch an alles erinnern. Wir erfuhren, dass im Nachbardorf Ch. ein Strafkommando gebildet worden war, das Kinder, alte Menschen und Frauen t\u00f6tete.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Dorfvorsteher erz\u00e4hlte allen Dorfbewohnern, dass die Deutschen auch in unser Dorf kommen und alle t\u00f6ten w\u00fcrden. Sie kamen aus Mogilyov und zerst\u00f6rten dabei die D\u00f6rfer und brannten sie nieder. Alle Dorfbewohner waren ver\u00e4ngstigt und flohen in die W\u00e4lder. Auch meine Familie floh. Es ist gut, dass unsere Region gro\u00dfe W\u00e4lder hat, in denen wir Rettung fanden. Meine Familie bestand aus 6 Personen: mir, meinen Schwestern Ol\u2018ga und Valentina und meinem kleinen, vierj\u00e4hrigen Bruder Kolya. Valya und Kolya starben w\u00e4hrend des Krieges an Krankheiten und Hunger und lie\u00dfen mich und Ol\u2018ga zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kamen aus dem Wald und sahen in der Ferne, dass unser ganzes Dorf Z. in Flammen stand. Die Deutschen gingen zu jedem Haus, sch\u00fctteten eine Fl\u00fcssigkeit dar\u00fcber und z\u00fcndeten es dann an. Das Ergebnis war, dass 240 H\u00e4user abbrannten, und diejenigen, die keine Zeit [mehr] hatten zu fliehen (alte und kranke Menschen), verbrannten bei lebendigem Leib.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir hatten keine Zeit, etwas aus unseren H\u00e4usern mitzunehmen, und wir standen nackt, barf\u00fc\u00dfig und hungrig da. Und von unseren H\u00e4usern war nur noch Asche \u00fcbrig. Es gab nichts zu essen. Es blieb nur ein Haus im Dorf \u00fcbrig, in dem die Bewohner den Ofen reparierten und Brot buken. Meine Mutter Alyona sammelte im Winter gefrorene Kartoffeln, um uns zu ern\u00e4hren, und im Sommer ern\u00e4hrten uns der Wald und der Fluss. Im Wald sammelten wir Pilze und Beeren, und im Fluss fingen wir Fische. Die Dorfbewohner teilten ihr Essen miteinander, so gut es ging. Im Fr\u00fchling s\u00e4ten wir Flachs und webten daraus Kleider. Wir wuschen sie mit Asche. Mein Vater machte uns aus Weiden Bastschuhe als Ersatz f\u00fcr unsere Schuhe. Wir haben sie heute noch. Im Winter umwickelten wir sie mit Stoff und befestigten sie mit Kordel, um sie w\u00e4rmer zu machen. Die Deutschen nahmen uns alles weg, unsere Kleidung und unser Essen. Es war sehr schwer, im Winter zu \u00fcberleben. Mein Vater schaffte es, einen kleinen Ofen im Unterstand zu bauen, der uns w\u00e4rmte.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald darauf wurde er einberufen. Er kam bis nach Berlin. Wir erhielten einen Brief, dass Belarus\u2018 befreit sei und mein Vater bald nach Hause kommen w\u00fcrde. W\u00e4hrend des Krieges hatte er eine Quetschung erlitten. Wir fingen an, ein Haus zu bauen. Wir fl\u00f6\u00dften Holz auf dem Fluss und halfen uns gegenseitig.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war an der Zeit, zur Schule zu gehen und lesen und schreiben zu lernen. Anstelle einer richtigen Schule benutzten wir die Banja am Fluss. Zu dieser \u201eSchule\u201c liefen wir in Bastschuhen. Wir nutzten Holzkohle anstelle von F\u00fcllern und Bleistiften und Baumrinde anstelle von Heften. So lernten wir Buchstaben schreiben. Ich beendete die Schule nach der 10. Klasse, danach besuchte ich die Berufsfachschule f\u00fcr Bibliothekare.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe 27 Jahre lang im Dorf D. mit B\u00fcchern gearbeitet. Ich heiratete und gebar drei Kinder (Nikolaj, Yelena und Tat\u2018yana). Ein weiteres Ungl\u00fcck ereilte mich: Mein Mann verlie\u00df mich wegen einer anderen Frau und ich blieb mit drei Kindern zur\u00fcck, die ich allein gro\u00dfzog. Das Schicksal meiner Kinder war nicht besonders gl\u00fccklich: Mein Sohn Nikolaj starb im Alter von 40 Jahren, meine Tochter Yelena im Alter von 54 Jahren, und meine j\u00fcngste Tochter Tat\u2018yana ist die einzige, die noch lebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Winter lebe ich bei meiner Tochter Tat\u2018yana und meinem Schwiegersohn Slava, und im Sommer bringen sie mich in mein Haus, das mir sehr am Herzen liegt. Denn die eigenen W\u00e4nde bedeuten Heilung. Ich habe dort einen kleinen Garten. Die H\u00e4lfte davon ist mit Erdbeeren bepflanzt. Ich mag sie sehr, ich mache daraus s\u00fc\u00dfe Marmelade und Kompott. Ich mag S\u00fc\u00dfes sehr gern.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin oft krank und muss viele Medikamente kaufen; sie sind sehr teuer. Ich vermisse meine Kinder sehr. Mir kommen die Tr\u00e4nen. Jede Nacht bitte ich sie, zu mir zu kommen, um sie wenigstens in meinen Tr\u00e4umen lebendig zu sehen. Aber meine Enkel und Urenkel erlauben es mir nicht, sie zu vermissen. Davon habe ich viele. Ich habe angefangen, Socken, Handschuhe und Schals zu stricken, um mich nicht zu gr\u00e4men. Ich habe f\u00fcr alle gestrickt! Ich habe mir alles selbst beigebracht. Ich kann auch kleine Teppiche stricken. Als ich j\u00fcnger war, habe ich sie mit Kreuzstichen bestickt, aber jetzt sehe ich nicht mehr gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich danke Ihnen f\u00fcr Ihre Hilfe und verbeuge mich tief vor Ihnen. Wir sind sehr froh, dass Ihre Menschen so mitf\u00fchlend und gut sind. Wir laden Sie zu uns ein.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00dcbersetzung aus dem Russischen: Karin Ruppelt und Igor Makarov<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Belarus. Gebiet Mogilyov Guten Tag, Ragna Vogel! Ich freue mich sehr, dass Sie sich an uns erinnern! Vielen Dank f\u00fcr Ihre Hilfe: ich werde dieses Geld f\u00fcr meinen Tod aufbewahren. Mein Name ist Anna Yegorovna Ye. Ich bin 1936 geboren. 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