{"id":5046,"date":"2023-03-31T12:31:17","date_gmt":"2023-03-31T10:31:17","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=5046"},"modified":"2023-03-31T12:31:20","modified_gmt":"2023-03-31T10:31:20","slug":"lidija-iwanowna-l-freitagsbrief-nr-228","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/lidija-iwanowna-l-freitagsbrief-nr-228\/","title":{"rendered":"Lidija Iwanowna L. \u2013 Freitagsbrief Nr. 228"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Belarus, Gebiet Mogiljow<\/strong><br>Februar 2023<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich wurde am 11. M\u00e4rz 1937 in dem Dorf Z.\u00a0geboren. Nach dem Krieg wurde mein Alter anhand meines Aussehens bestimmt (wie bei allen, die ihre Dokumente w\u00e4hrend des Krieges verloren hatten), und dementsprechend wurde ein Eintrag in eine neue Geburtsurkunde gemacht; 01.01.1938.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Eltern Iwan Makarowitsch und Feodosija Jakowlewna K., hatten 5 Kinder.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Krieg begann, ging mein Vater, der vor dem Krieg als Vorsitzender des Dorfrates gearbeitet hatte, sofort zu einem Partisanenkommando. Er k\u00e4mpfte f\u00fcr den Schutz seiner Heimat und seiner Familie. Ende 1942 wurde er von den deutschen Besatzern erschossen. Weil wir eine Partisanen- und Kommunisten-Familie waren, misshandelten die Deutschen und die Polizaj&nbsp; <em>[einheimische Kollaborateure\/ <\/em>d. \u00dcbers.] meine Mutter auf jede Weise. Sie zwangen sie, die Toiletten der Deutschen zu putzen und hetzten Hunde auf sie. Nachdem Papa erschossen worden war, nahmen uns der Ortspolizist Wasilij und die Besatzer unsere Kuh und dann die Schweine weg. Meine Mutter flehte sie an, uns wenigstens ein Ferkel zu lassen, sonst w\u00fcrden ihre f\u00fcnf Kinder verhungern. Das hat niemanden ger\u00fchrt. \u201eSagen Sie danke, dass wir Sie nicht alle zusammen mit Ihrem Mann erschossen wurden.\u201c Das war alles.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Deutschen fanden Gefallen an unserem Haus und unserer Scheune. Als der Krieg begann, hob meine Mutter in der Scheune eine Grube aus und versteckte darin eine Kiste mit Kleidung und W\u00e4sche. Die Deutschen vertrieben unsere Familie aus dem Haus und stellten Pferde in die Scheune. Nat\u00fcrlich verfaulte alles in der Truhe. Meine Mutter holte uns aus Zapol\u2018je, heraus, und den ganzen Krieg \u00fcber lebten wir im Dorf Pobeda. Wenn die H\u00e4user niedergebrannt wurden, versteckten wir uns in den W\u00e4ldern. Es gab nichts zu essen. Wir sammelten Klee und buken Fladenbrot, aber das ging nur im Sommer. Und im Winter und im Fr\u00fchling gingen wir nachts auf die Felder. Manchmal fanden wir gefrorene Kartoffeln. Wir waren sehr hungrig und das Leben war schwierig.<\/p>\n\n\n\n<p>Mutter war Verbindungsperson, genauer gesagt gab sie mehrmals Informationen an die Partisanen weiter. Wenn es also Razzien gab und Menschen in Schulen und Scheunen getrieben und verbrannt wurden, brachte Mutter uns in die W\u00e4lder, weil sie gewarnt worden war.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Krieg wurde den Polizisten der Prozess gemacht. Und so wurde auch der Polizist Wasilij zu 25 Jahren Gef\u00e4ngnis verurteilt. Er wurde jedoch aufgrund einer Amnestie fr\u00fcher freigelassen. Er heiratete und kehrte nach Z. zur\u00fcck. Jetzt ist er nicht mehr am Leben, hinterlie\u00df aber zwei S\u00f6hne &#8211; Mihail und Ivan. Sie haben ihren eigenen Kopf und sind sehr respektlos gegen\u00fcber den Menschen. Ich glaube, wenn es jetzt Krieg g\u00e4be, w\u00fcrde Michail nicht hinter seinem Vater, dem Polizei-Kollaborateur, zur\u00fcckstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Rote Armee kam, wurde meine Mutter gefragt, wer ihr w\u00e4hrend des Krieges etwas angetan habe. Aber sie sagte immer, dass sie den ganzen Krieg hindurch zu Gott um ihr eigenes \u00dcberleben und das ihrer Kinder gebetet habe. Sollten sie \u00fcberleben, w\u00fcrden sie sich an niemanden r\u00e4chen.<\/p>\n\n\n\n<p>Tomotschka, meine kleine Schwester, starb nach dem Krieg. Hunger und Armut forderten ihren Tribut. Meine Mutter arbeitete unerm\u00fcdlich auf dem Hof und molk die K\u00fche. Und wir halfen meiner Mutter, so gut wir konnten. Meine \u00e4ltere Schwester Zinaida, geboren 1930, starb 2011. Vor ihr starb 2007 die 1933 geborene Marija. \u00dcbrig blieben meine \u00e4ltere Schwester Anna, geboren 1936, die jetzt in der Stadt K. lebt, und ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit 46 Jahren hatte ich eine Gef\u00e4\u00dfkrise, und 2004 erlitt ich einen Schlaganfall. Meine rechte Seite ist gel\u00e4hmt. Ich bin behindert. Schon nach dem Krieg ging es mir gesundheitlich nicht gut. Ich litt unter st\u00e4ndigen Kopfschmerzen aufgrund des Hungers. Die Folgen der im Krieg erlebten \u00c4ngste, der Unterern\u00e4hrung und der Trauer \u00fcber den Verlust des Vaters machten sich bemerkbar. Ich erinnere mich jetzt noch an ihn und weine immer. Ich erinnere mich, wie er aus dem Finnischen Krieg zur\u00fcckkam. Wie er mich auf den Armen aus der Banja trug. Wie er neben der Scheune sa\u00df, von den Deutschen gefesselt und auf sein Schicksal wartend.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcnschte, alle Menschen w\u00fcrden verstehen, dass keine Reicht\u00fcmer und wertvolle Bodensch\u00e4tze die geliebten Menschen, zur\u00fcckbringen und ersetzen k\u00f6nnen, die im Krieg gestorben sind. Ich m\u00f6chte schreien: &#8220;Leute, kommt zur Vernunft! H\u00f6rt auf zu k\u00e4mpfen, das Leben ist so kurz. Kommt zu Gott&#8221;.<\/p>\n\n\n\n<p>02.02.2023 (Unterschrift) L. I. L.<\/p>\n\n\n\n<p>P.S. In Z. gibt es eine Gedenktafel f\u00fcr die Gefallenen der Partisanengruppe Izoh, darunter auch f\u00fcr meinen Vater, Iwan Makarowitsch K.<\/p>\n\n\n\n<p>In Usakino gibt es einen Ort \u201eZum ewigen Gedenken\u201c an die gefallenen Partisanen, wo auch an meinen Schwiegervater, Leutnant Iwan Jewmenowitsch L., gefallen 1943, erinnert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle Informationen sind im Gedenkbuch des Kreises Klitschewsk und des Dorfes Usakino in der Gedenkst\u00e4tte zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00dcbersetzung Karin Ruppelt und Igor Makarow<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Belarus, Gebiet MogiljowFebruar 2023 Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg Ich wurde am 11. M\u00e4rz 1937 in dem Dorf Z.\u00a0geboren. Nach dem Krieg wurde mein Alter anhand meines Aussehens bestimmt (wie bei allen, die ihre Dokumente w\u00e4hrend des Krieges verloren hatten), und dementsprechend wurde ein Eintrag in eine neue Geburtsurkunde gemacht; 01.01.1938. 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