{"id":5014,"date":"2023-01-20T14:47:45","date_gmt":"2023-01-20T13:47:45","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=5014"},"modified":"2023-01-27T14:47:53","modified_gmt":"2023-01-27T13:47:53","slug":"galina-stepanovna-tsch-freitagsbrief-nr-222","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/galina-stepanovna-tsch-freitagsbrief-nr-222\/","title":{"rendered":"Galina Stepanovna Tsch. &#8211; Freitagsbrief Nr. 222"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Belarus, Gebiet Mogiljow<\/strong><br>18.11.2022<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr geehrte Bernhard Blankenhorn und Ragna Vogel!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich, Galina Stepanovna Tch., m\u00f6chte Ihnen erz\u00e4hlen, wie wir den Krieg nach dem Abbrennen des Dorfes \u00fcberlebt haben. Ich wurde vor dem Krieg, im Jahr 1936, geboren und lebte mit meinen Eltern und meiner Schwester im Dorf Z., Kreis Klitchewskij, Gemeinde Dubno, Gebiet Mogiljow.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Krieg begann, und mein Vater, Stepan Sergeyevitch K., zog in den Krieg, und nach einiger Zeit, noch im selben Jahr, 1941, kam die Nachricht, dass er vermisst war. Wir versteckten uns im Wald vor den Besatzungssoldaten, und unser Dorf und unsere H\u00e4user wurden niedergebrannt. Wir zogen durch W\u00e4lder, wohnten in Erdh\u00fctten, sammelten Beeren und Pilze, manchmal halfen uns Partisanen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die lang ersehnte Befreiung kam, wussten wir nicht, wie wir leben und wohin wir gehen sollten: Unser Vater war verschwunden, wir hatten kein Zuhause mehr, unsere Tante Marina und unser Onkel Vasil waren gestorben &#8211; sie wurden erschossen, weil sie Kontakt zu den Partisanen hatten. Und unsere Mutter blieb mit zwei kleinen Kindern auf dem Arm zur\u00fcck &#8211; meine Schwester wurde im Fr\u00fchjahr vor dem Krieg geboren. Der Krieg endete, als ich war 9 Jahre alt war, meine Schwester war 4. Es gab keinen Platz zum Leben. Zuerst waren wir in einer Erdh\u00fctte, dann lud uns eine Familie ein und gew\u00e4hrte uns Unterschlupf, bis freundliche Menschen uns halfen, unser eigenes kleines Haus zu bauen. Wir hatten keine Dokumente, alles war weg. Als ich einen Reisepass erhielt, waren die Daten darin die Angaben, die meine Mutter aufgeschrieben hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;Unsere Mutter arbeitete in der Kolchose. Meine Schwester und ich k\u00f6nnen bis heute die K\u00e4lte, den Hunger, die Flucht vor den Besatzern nicht vergessen, wie wir aus Angst um unser Leben sehr weit in den Wald gingen. Wir haben nicht genug gegessen und nicht genug geschlafen, nicht nur w\u00e4hrend des Krieges, sondern auch danach. Es gab immer einen Mangel an Lebensmitteln, die nirgendwo zu bekommen waren. Nur Gott wei\u00df, was es uns gekostet hat, zu \u00fcberleben und weiterzuleben, unsere Tr\u00e4nen hinunterzuschlucken, die Z\u00e4hne zusammenzubei\u00dfen, die F\u00e4uste zu ballen und zu leben, zu studieren und zu arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir, die \u00dcberlebenden dieses Krieges, k\u00f6nnen der heutigen Generation der deutschen B\u00fcrger keine Schuld geben. Ja, sie sch\u00e4men sich f\u00fcr ihre damaligen Wehrmachtssoldaten, die in diesem blutigen Krieg gek\u00e4mpft haben, f\u00fcr all die Gr\u00e4ueltaten, die sie begangen haben, und die bestraft wurden. Aber niemand wei\u00df, was oder wer sie dazu gebracht hat, in den Krieg zu ziehen. Wir, die \u00fcberlebenden Belarussen, wollten und wollen nur Frieden und Gutes f\u00fcr alle Menschen auf dem Planeten. Wir sind gegen Grausamkeit und das B\u00f6se. Wir lehren die junge Generation, ihr Vaterland zu lieben und sich daran zu erinnern, dass unsere V\u00e4ter und Gro\u00dfv\u00e4ter f\u00fcr uns gestorben sind, um den Tag der Freiheit n\u00e4her zu bringen. Das wird nie vergessen. Meine Schwester und ich wissen nicht einmal, wo das Grab unseres Vaters ist, wo wir Blumen hinbringen k\u00f6nnten. Wie k\u00f6nnen wir diesen Schmerz vergessen?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mitglieder Ihres Vereins tun das Richtige, indem sie der heutigen Generation die Schrecken des Krieges erkl\u00e4ren. Als \u00e4ltestes Mitglied unserer Familie erteile ich Ihnen die Erlaubnis, meinen Brief als Geschichts-Dokument, f\u00fcr die Erinnerung zu ver\u00f6ffentlichen. Wir sind Kinder des Krieges, es gibt nur noch sehr wenige von uns, wir bitten euch: Wiederholt nicht die Fehler eurer Vorfahren, w\u00e4hlt einen guten Weg, damit sich auch eure Kinder nicht f\u00fcr euch sch\u00e4men m\u00fcssen. Aber wer entsch\u00e4digt uns nicht nur f\u00fcr die niedergebrannten D\u00f6rfer, sondern auch f\u00fcr die verkr\u00fcppelten Schicksale vieler Kriegskinder?<\/p>\n\n\n\n<p>Hochachtungsvoll,<\/p>\n\n\n\n<p>Galina Stepanovna Tch.,<\/p>\n\n\n\n<p>18.11.2022&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<em>\u00dcbersetzung aus dem Russischen: Karin Ruppelt und Igor Makarov<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Belarus, Gebiet Mogiljow18.11.2022 Sehr geehrte Bernhard Blankenhorn und Ragna Vogel! Ich, Galina Stepanovna Tch., m\u00f6chte Ihnen erz\u00e4hlen, wie wir den Krieg nach dem Abbrennen des Dorfes \u00fcberlebt haben. Ich wurde vor dem Krieg, im Jahr 1936, geboren und lebte mit meinen Eltern und meiner Schwester im Dorf Z., Kreis Klitchewskij, Gemeinde Dubno, Gebiet Mogiljow. 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