{"id":5012,"date":"2023-01-27T13:26:14","date_gmt":"2023-01-27T12:26:14","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=5012"},"modified":"2023-01-27T13:26:16","modified_gmt":"2023-01-27T12:26:16","slug":"antonina-leontevna-m-freitagsbrief-nr-223","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/antonina-leontevna-m-freitagsbrief-nr-223\/","title":{"rendered":"Antonina Leontevna M.\u2013 Freitagsbrief Nr. 223"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Gebiet Lwiw, Ukraine<\/strong><br>November 2022<\/p>\n\n\n\n<p><em>Anmerkung: Wolhynien und das Gebiet um\u00a0Lwiw (oder Lwow oder Lemberg) waren 1922 nach dem Sieg Polens \u00fcber die Sowjetunion von Polen annektiert worden. Es ist nicht sicher, ob die Briefschreiberin tats\u00e4chlich im KZ Mauthausen oder in einem Zwangsarbeiterlager war. Die erw\u00e4hnten Medikamente und Staroperation wurde von unseren Spenden bezahlt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Sehr geehrte Bernhard Blankenhorn und Ragna Vogel,<\/p>\n\n\n\n<p>ich, Antonina M., eine ehemalige minderj\u00e4hrige Gefangene der deutschen Konzentrationslager, behinderte Veteranin des Zweiten Weltkriegs, wurde am 06.03.1943 in Warschau geboren.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 1937 zogen meine Eltern von Lwiw nach Warschau. 1944, w\u00e4hrend des Polen-Aufstands, den die Deutschen niederschlugen, wurde unsere Familie &#8211; mein Vater, meine Mutter, meine Schwester Sophia (8 Jahre alt) und ich, Antonina (ich war damals 1,5 Jahre alt) &#8211; von den Deutschen in einem G\u00fcterwaggon nach \u00d6sterreich ins Konzentrationslager Mauthausen abtransportiert. \u00a0Mein Vater nahm mich kleines M\u00e4dchen an sich und sagte, dass meine Mutter get\u00f6tet worden sei. Und so wurde er zu den Alten und Frauen mit Kindern gesteckt. Dann nahmen sie ihn mit &#8211; sie wuschen ihn und rasierten alle seine K\u00f6rperhaare ab, denn die Deutschen hatten gro\u00dfe Angst vor Typhus, und wir dachten schon, er w\u00fcrde in der Gaskammer umgebracht. Aber er kam in einem gestreiften Hemd mit einer Nummer darauf zur\u00fcck. Sie wollten nur meinen Vater zu einer Arbeitsstelle mitnehmen, aber er sagte, er habe eine Frau und zwei Kinder, aber mit Familie wollte ihn niemand haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir blieben 2 Wochen in Mauthausen, dann wurden wir in das Konzentrationslager Arosmister [?] verlegt, wo wir bis 1945 blieben, als wir von amerikanischen Truppen befreit wurden. Meine Mutter war bei uns, w\u00e4hrend mein Vater beim Bauern Spitz arbeiten ging und nachts ins Lager kam. Wenn er etwas zu essen f\u00fcr uns Kinder bekam, wurde ihm am Tor alles weggenommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein erstes Wort war &#8220;essen&#8221; [Original deutsch, mit kyrillischen Buchstaben]. Wenn das Signal zum Essen erklang, und ich war die Kleinste, nahm ich ein Aluminiumsch\u00fcsselchen und einen L\u00f6ffel, stellte mich vor alle anderen, klopfte und rief &#8220;essen-essen&#8221;. Wir wurden sehr schlecht verpflegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 1945 wurde unser Lager von amerikanischen Truppen befreit, die uns besser behandelten. Aber ab Mai 1945 lebten wir immer noch im Lager und blieben dort f\u00fcr weitere 3 Monate, bis der Krieg mit Japan begann. Im August 1945 wurden wir nach Warschau geschickt, aber dort war alles zerbombt, unser Haus war weg, nur noch Ruinen. Mein Vater beschloss, in seine Heimatstadt Lutsk zur\u00fcckzugehen, wo er geboren wurde. Von Warschau aus wurden wir zur Filtrations-Station in Rawa Ruska und von dort nach Lutsk geschickt. Unsere Filtrationsunterlagen befinden sich im Regionalarchiv in Lutsk f\u00fcr das Jahr 1945, wo man uns bescheinigte, dass wir zur Zwangsarbeit in ein Konzentrationslager abtransportiert worden waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Nachkriegsjahre waren sehr, sehr hart, man konnte nirgendwo wohnen, es gab keine Arbeit. Wir gingen in die umliegenden D\u00f6rfer und bettelten um Essen. Wir hatten vier Fotos mit amerikanischen Soldaten aus dem Konzentrationslager Arosmister, ich erinnere mich noch daran: Ich sitze auf der Schulter eines Soldaten, und meine Schwester steht neben mir, aber mein Vater verbrannte sie, weil er Angst hatte, dass wir wegen der Fotos nach Sibirien verbannt werden k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>1979 hatte ich das Gl\u00fcck, an einer Tour durch Warschau teilzunehmen, bei der mir ein Dokumentarfilm \u00fcber die Bombardierung Warschaus gezeigt wurde, und unser F\u00fchrer, Herr Adam, f\u00fchrte mich zu dem Haus in der Grzybowska-Stra\u00dfe 12, in dem ich 1943 geboren wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 1959 machte ich meinen Abschluss an der Mittelschule Nr. 9 in Lutsk. 1966 schloss ich mein Studium an der Medizinischen Fachhochschule in Lutsk ab. Von 1966 bis 2012 arbeitete ich als Krankenschwester im zentralen Regionalkrankenhaus von Lutsk. Jetzt bin ich Rentnerin und habe zwei S\u00f6hne: Alexander und Yurij, vier Enkelkinder und zwei Urenkel. Mein Mann starb 1993.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin Mitglied des eingetragenen Vereins &#8220;H\u00e4ftlinge &#8211; Opfer des Nationalsozialismus&#8221; in Lutsk. Es sind nur noch wenige von uns \u00fcbrig, aber wir treffen uns noch und machen zusammen Ausfl\u00fcge. \u00a0Die Organisation \u201eGegenseitige Verst\u00e4ndigung und Toleranz\u201c hat mir sehr geholfen mit Medikamenten und mir auch Star-Operationen beider Augen bezahlt, wof\u00fcr ich sehr dankbar bin. Jetzt wird meine Gesundheit mit jedem Jahr schlechter. Jedes Jahr bin ich ein- bis zweimal zur Behandlung in der Kardiologie im Wolynsker Krankenhaus f\u00fcr Kriegsveteranen. Ich habe Probleme mit der Wirbels\u00e4ule und kann schlecht gehen. Ich wohne im eigenen Haus mit meinem \u00e4lteren Sohn. Nicht weit von mir wohnt meine \u00e4ltere Schwester, sie ist schon 86. Ich habe ein Tastentelefon, deshalb kann ich keine Fotografie \u00fcber Viber schicken.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei uns ist jetzt Krieg und nun bedroht uns aus Belarus\u2018. Wir beten alle f\u00fcr den Frieden und das baldige Ende des Krieges, f\u00fcr unseren Sieg.<\/p>\n\n\n\n<p>Hochachtungsvoll<\/p>\n\n\n\n<p>Antonina Leont\u2019ewna M.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00dcbersetzung aus dem Russischen: Karin Ruppelt und Igor Makarov<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gebiet Lwiw, UkraineNovember 2022 Anmerkung: Wolhynien und das Gebiet um\u00a0Lwiw (oder Lwow oder Lemberg) waren 1922 nach dem Sieg Polens \u00fcber die Sowjetunion von Polen annektiert worden. Es ist nicht sicher, ob die Briefschreiberin tats\u00e4chlich im KZ Mauthausen oder in einem Zwangsarbeiterlager war. Die erw\u00e4hnten Medikamente und Staroperation wurde von unseren Spenden bezahlt. 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