{"id":4983,"date":"2022-09-23T15:42:13","date_gmt":"2022-09-23T13:42:13","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=4983"},"modified":"2022-11-21T15:42:39","modified_gmt":"2022-11-21T14:42:39","slug":"d-petr-fedorowitsch-freitagsbrief-nr-218","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/d-petr-fedorowitsch-freitagsbrief-nr-218\/","title":{"rendered":"D. Petr Fedorowitsch \u2013 Freitagsbrief Nr. 218"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Gebiet Wolgograd<\/strong>, <strong>Russland<\/strong><br>16. Februar<em> <\/em>2006<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe von Ihrem Verein einen Begr\u00fc\u00dfungsbrief mit einer Reihe von Fragen erhalten. Sie waren so bewegend, dass sie meine Seele tief ger\u00fchrt haben. Ich will einige Fragen beantworten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es stimmt, ich geriet tats\u00e4chlich w\u00e4hrend des Krieges am 9. Oktober 1941 in deutsche Kriegsgefangenschaft. Bis zum Herbst 1942 befand ich mich in Lagern auf dem Gebiet Russlands. Ich erlebte Hunger, K\u00e4lte und die erniedrigende Behandlung der Menschen. Zum Beispiel wurden aus der Gruppe von Kriegsgefangenen die Juden selektiert. Das erfolgte durch Untersuchung der Geschlechtsorgane. Zahlreiche Leichen von verstorbenen Kriegsgefangenen wurden vom Lagergel\u00e4nde mit einer Karre abtransportiert und in einem Panzergraben begraben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir schippten Schnee. Entkr\u00e4ftete und Bewegungsunf\u00e4hige wurden auf der Stelle erschossen. Wir bauten Stein in einem Steinbruch ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Ende 1942 wurden wir nach Deutschland verschleppt. Zuvor waren wir in einem Lager in Quarant\u00e4ne. Sp\u00e4ter erhielt jeder eine pers\u00f6nliche Nummer. Um den Hals h\u00e4ngte man ein Metallschild. Meine Nummer war 47055. Die Kleidung wurde mit wei\u00dfer Phosphorfarbe bemalt (Buchstaben SU). Wenn die Kolonne der Kriegsgefangenen unterwegs war, leuchteten die Buchstaben.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus diesem Lager brachte man ein paar Personen ins Lager bei der Bahnstation \u201eTiergarten\u201c. Man lieferte uns mit der Bahn zum Kabelwerk von Siemens. Wir arbeiteten in zwei Schichten, je 12 Stunden. Bei der Ankunft im Lager verteilte man uns auf die Betriebe. Jeder Gefangene musste als Hilfskraft bei einem Deutschen arbeiten. Manchmal war der Deutsche gut und gab uns etwas zum Essen. Die Arbeit war schwer. Vor allem qu\u00e4lte uns die unertr\u00e4gliche Hitze. In diesem Werk arbeitete ich mehr als zwei Jahre.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Lager war die Disziplin brutal. Einmal w\u00f6chentlich gab es einen Gesamtappell und die Pr\u00fcfung der Anwesenden nach Nummern. Hier wurden auch \u201eStrafen\u201c vollstreckt. Es wurden diejenigen bestraft, die im Laufe der Woche ein Vergehen begangen hatten. Auf dem Appellplatz stand eine Bank. Der Schuldige musste sich auf die Bank legen. Er wurde festgebunden. Ein [Lager]Polizist schlug ihm direkt auf den nackten K\u00f6rper. Manchmal musste der Schuldige mit Wasser wieder zu sich gebracht werden. Er wurde mit einer Trage in die Baracke zur\u00fcckgebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu dieser Zeit wurde Berlin, unter anderem das Werk, bombardiert. Die Arbeiter gingen in den Luftschutzraum. Die Gefangenen wurden in den Werkhallen eingesperrt. Das ging so bis zum Kriegsende. Ende April 1945, als die sowjetischen Truppen Berlin erreichten, begann die Evakuierung der Kriegsgefangenen aus der Stadt. Sie bewegten sich zu Fu\u00df in kleinen Gruppen. Die Bewachung war streng. Die Geschosse explodierten bereits in der Stadt. Am 27. April 1945 geriet unsere Kolonne in eine Gegend, wo die sowjetischen Panzer Berlin belagerten. Ein Teil der Bewachung fl\u00fcchtete. Die anderen, einschlie\u00dflich eines vorgesetzten Offiziers, ergaben sich. Ich wurde wieder Soldat und diente in der Sowjetarmee noch \u00fcber ein Jahr. Ich diente in Deutschland in Berlin, Weimar und Jena.<\/p>\n\n\n\n<p>Zusammenfassend m\u00f6chte ich betonen, dass diese Erz\u00e4hlung nur ein kleiner Teil der Erlebten ist. Ich habe zum Beispiel nicht gesagt, dass wir w\u00e4hrend der ganzen Zeit der Kriegsgefangenschaft unter L\u00e4usen gelitten haben. Dieses Ungeziefer zerfleischte praktisch den ganzen K\u00f6rper. Am K\u00f6rper gab es zahlreiche Wunden. Die L\u00e4use entfernte man von der Unterw\u00e4sche mit einer B\u00fcrste.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte noch zus\u00e4tzlich sagen, dass ich mich an einen deutschen Soldaten mit Dankbarkeit erinnere. Ich wurde nach einer Sch\u00e4delprellung ohnm\u00e4chtig gefangen genommen. Der Soldat erschoss mich nicht, so wie die anderen erschossen wurden. Ein anderer Soldat erlaubte einem sowjetischen Arzt, mich zu verbinden. Oder noch eine Episode bei der Befreiung aus der Kriegsgefangenschaft. Unsere Kolonne wurde nicht erschossen, wie es bei einem Zusammentreffen SS-M\u00e4nner forderten. Die Wachmannschaft verschwand einfach.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Wehrdienst kehrte ich in meinen Heimatort zur\u00fcck. Ich arbeitete beim Wiederaufbau der im Krieg zerst\u00f6rten Gegend. Ich gr\u00fcndete eine Familie und zog zwei S\u00f6hne, eine Tochter, f\u00fcnf Enkelkinder und drei Urenkel gro\u00df. Der Krieg und vor allem die Kriegsgefangenschaft haben meine Gesundheit stark beeinflusst. Ich ging mit 55 Jahren als Invalide der 2. Gruppe vorzeitig in Rente. Meine Ehefrau und ich sind weit \u00fcber 80 Jahre alt. Wir leben in einem Dorf. Im Garten pflanzen wir Blumen und Weintrauben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir bedanken uns bei Ihrem Verein f\u00fcr die Sorgen um uns Gefangene. In meinem Ged\u00e4chtnis hat sich die Tatsache eingepr\u00e4gt, dass unser Milit\u00e4rkommando in Deutschland einen humanen Umgang mit dem deutschen Volk streng kontrolliert hat. Unsere Soldaten haben bei den Deutschen die in der Soldatenk\u00fcche zubereitete Kascha verteilt. W\u00e4hrend des Wehrdienstes hatte ich Kontakt mit der deutschen Bev\u00f6lkerung. Viele, vor allem die Frauen, erz\u00e4hlten mit nassen Augen, dass ihre S\u00f6hne oder Ehem\u00e4nner in Stalingrad vermisst sind. Wir hatten Mitleid.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss bedanke ich mich bei Ihnen f\u00fcr Ihre Sorgen noch einmal. [&#8230;]<\/p>\n\n\n\n<p>Auf Wiedersehen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gebiet Wolgograd, Russland16. Februar 2006 Ich habe von Ihrem Verein einen Begr\u00fc\u00dfungsbrief mit einer Reihe von Fragen erhalten. Sie waren so bewegend, dass sie meine Seele tief ger\u00fchrt haben. Ich will einige Fragen beantworten. Es stimmt, ich geriet tats\u00e4chlich w\u00e4hrend des Krieges am 9. Oktober 1941 in deutsche Kriegsgefangenschaft. 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