{"id":4888,"date":"2022-09-01T10:41:00","date_gmt":"2022-09-01T08:41:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=4888"},"modified":"2022-09-05T10:42:14","modified_gmt":"2022-09-05T08:42:14","slug":"k-iwan-fedotowitsch-freitagsbrief-nr-217","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/k-iwan-fedotowitsch-freitagsbrief-nr-217\/","title":{"rendered":"K. Iwan Fedotowitsch \u2013 Freitagsbrief Nr. 217"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Lugansk<\/strong>, <strong>Ukraine<\/strong><br><strong>Juni 2005<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Dieser Brief an KONTAKTE-KOHTAKTbI aus dem Jahr 2005 erinnert an die Intention unseres Projektes &#8220;B\u00fcrger-Engagement f\u00fcr vergessene NS-Opfer&#8221;, die von den Auszahlungen der Stiftung &#8220;Erinnerung, Verantwortung und Zukunft&#8221; ausgeschlossenen ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen. Immer noch unterst\u00fctzen wir rund f\u00fcnfzig Hundertj\u00e4hrige in Armenien, Georgien und der Ukraine.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Sehr geehrte Mitglieder der Gesellschaft \u201eKontakte\u201c!<\/p>\n\n\n\n<p>Ein herzlicher Dank f\u00fcr Ihre humanit\u00e4re finanzielle Hilfe von 300 Euro, die ich im vorigen Jahr erhalten habe. Ich bin auch f\u00fcr Ihren Brief mit den guten W\u00fcnschen sehr dankbar. Ich war tief bewegt, als ich erfuhr, dass dieses Geld die einfachen Bewohner Deutschlands, unter anderem auch ehemalige Wehrmachtsoldaten, gespendet hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie haben offensichtlich recht, dass Sie sich bem\u00fchen, die Schicksale der ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen und Ostarbeitern zu erfahren und m\u00f6glichst vielen Deutschen, vor allem den Jugendlichen, bekannt zu geben. Es ist angenehm zu wissen, dass sich jemand f\u00fcr unsere Lebensgeschichten interessiert. Ich hatte seit langem vor, eine ausf\u00fchrliche Antwort zu schreiben. Leider hat mein Gesundheitszustand nicht zugelassen, das fr\u00fcher zu machen. Auch heute bin ich nicht in der Lage selbst zu schreiben, deshalb mein Sohn die Schreibarbeit erledigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz nach dem Kriegsbeginn wurde ich im Juli 1941 verletzt. Nach der Behandlung im Krankenhaus kehrte ich im September 1941 an die Front zur\u00fcck. Am 10. Oktober 1941 wurde ich im Kampf um Wjasma erneut verletzt. Diesmal geriet ich nicht ins Krankenhaus, sondern direkt in die deutsche Gefangenschaft. Das Lager f\u00fcr Kriegsgefangenen wurde in aller Eile auf dem Gel\u00e4nde der Sojafabrik organisiert. Viele Kriegsgefangene wurden schwer verletzt, deshalb, vermute ich, war die Bewachung nicht so streng. Ich habe diese Gelegenheit genutzt und fl\u00fcchtete aus dem Lager. Ich habe die Zivilkleidung bei der hiesigen Bev\u00f6lkerung beschafft, hatte jedoch keine Papiere. W\u00e4hrend meiner Gefangenschaft hat sich die Frontlinie tief nach Osten bewegt. Ich befand mich auf dem besetzten Gebiet. Ich wollte nach Hause zur\u00fcckkehren. Der Heimweg war lang und sehr gef\u00e4hrlich. Ich ging zu Fu\u00df, von einem Dorf bis zum anderen. Hier haben mir die guten Leute etwas zum Essen gegeben, dort durfte ich \u00fcbernachten. Gelegentlich half ich im Haushalt. Die ganze Zeit musste ich mich verstecken, um nicht wieder ins Lager zu gelangen. Meine Heimkehr war somit qualvoll und enorm langsam. Einmal wurde das Dorf, wo ich \u00fcbernachtete, von den Deutschen und Polizisten [Hier: freiwillige einheimische Helfer, Kollaborateure im deutschen Dienst (\u00dcbersetzer)] umkreist. Ich wurde zusammen mit den jungen Bewohnern des Dorfes als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt. Wir fuhren in G\u00fcterwaggons vom Gebiet Poltawa \u00fcber die ganze Ukraine und Polen nach Deutschland. Wir kamen in die Stadt Jagendorf und wurden in einem Zwangsarbeiterlager untergebracht. Dort hielt ich mich vom Februar 1942 bis Fr\u00fchjahr 1945 auf. Wir lebten in Baracken. Ich arbeitete als Schlosser auf einem Lokomotivenreparaturwerk. Sie k\u00f6nnen sich vielleicht vorstellen, welche Lebensbedingungen dort herrschten, deshalb werde ich sie nicht ausf\u00fchrlich beschreiben. Sie schienen uns unertr\u00e4glich zu sein. Wir haben sie doch ertragen. Wesentlich sp\u00e4ter, also nach dem Krieg, habe ich erfahren, dass andere Lager noch schlimmer waren. Auf jeden Fall kann man unser Lager nicht als eine \u201eTodesfabrik\u201c wie zum Beispiel Buchenwald einstufen. Diejenigen, die noch arbeitsf\u00e4hig waren, wurden nicht get\u00f6tet. Sie erhielten sogar f\u00fcr die Arbeit eine kleine Verg\u00fctung. Im Fr\u00fchjahr 1945 wurden wir nach \u00d6sterreich verschleppt, wo ich in einer Bauernfamilie gelebt und gearbeitet habe. Das dauerte aber nicht lange. Kurz danach haben uns die sowjetischen Truppen befreit. Ich wurde erneut in die Armee einberufen. Nach dem Kriegsende wurde ich entlassen. Ich kehrte zur\u00fcck nach Lugansk, heiratete eine Frau, erzog einen Sohn. Die ganze Zeit lebte ich nicht reich, aber ehrlich. Ich arbeitete auf einem Diesellockbetrieb. Aus eigener Kraft habe ich f\u00fcr meine Familie ein kleines Haus gebaut. Ich habe sogar etwas Geld gespart. Meine Ersparnisse hat aber die Hyperinflation in den 90er Jahren gnadenlos vernichtet [Originalausdruck (\u00dcbersetzer)]. Ich habe mich \u00fcber die Nachricht gefreut, dass die deutsche Regierung die Entsch\u00e4digungen f\u00fcr ehemalige Zwangsarbeiter auszahlen wird. Ich habe einen entsprechenden Antrag bei der Lugansker Gebietsfiliale der Stiftung \u201eVerst\u00e4ndigung und Auss\u00f6hnung\u201c gestellt. Obwohl ich \u00fcber keine Unterlagen verf\u00fcgte, die meinen Aufenthalt in Deutschland best\u00e4tigen, war ich fast sicher, dass solche Unterlagen in den deutschen Archiven zu finden sind. Meine Anfrage ist jedoch sehr lange unbeantwortet geblieben. Ich habe geduldig darauf gewartet. Auf meine Bitte, bei der Beschaffung der Nachweise behilflich zu sein, hat die Stiftung geantwortet, dass die Bearbeitungszeit beendet ist. Auch wenn die Nachweise gefunden worden w\u00e4ren, sollte ich keine Entsch\u00e4digung erhalten. Ehrlich gesagt, hat mich das Ausbleiben der Antwort aus Deutschland und eine solche Antwort von der Stiftung zuleide getan. Es war nat\u00fcrlich zu schade, kein Geld zu erhalten. Wesentlich schmerzhafter habe ich aber eine Gleichg\u00fcltigkeit, eine Abgeneigtheit sich mit dem Fall pr\u00e4zise zu besch\u00e4ftigen, empfunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre Hilfe ist v\u00f6llig unerwartet angekommen. Dank dieser Hilfe habe ich Arzneimittel gekauft. Das ist doch nicht das Wichtigste. Ihre Hilfe war ein Heilmittel f\u00fcr meine Seele. Die Kr\u00e4nkung ist weg. Obwohl die H\u00f6he Ihrer Hilfe etwas niedriger als die meiner Meinung nach zu unrecht nicht gew\u00e4hrte Kompensationsleistung ist, war sie freiwillig, vom vollen Herzen bewilligt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin daf\u00fcr dankbar, dass Sie eine solche Organisation ins Leben gerufen haben, dass Sie den Jugendlichen \u00fcber den Krieg berichten, dass Sie uns nicht vergessen haben. Ich bedanke mich bei allen, die f\u00fcr mich und f\u00fcr meinen Kameraden gespendet haben. Ich h\u00e4tte etwas mehr Kontakte zwischen unseren Menschen, zwischen unseren L\u00e4ndern gew\u00fcnscht. Ich teile Ihre Meinung: \u201eFrieden gedeiht dort, wo die Menschen \u00fcber Grenzen hinweg sich verstehen wollen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Mit besten W\u00fcnschen f\u00fcr alle Deutschen<\/p>\n\n\n\n<p>K. I.F. <em>(Unterschrift)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Notiert von K. A.I. <em>(Unterschrift)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>P.S. Ich bitte um Entschuldigung f\u00fcr einige Korrekturen im Brieftext. Ich habe mich bem\u00fcht, nach M\u00f6glichkeit originalgetreu die Erz\u00e4hlung meines Vaters zu aufzuschreiben. Einige S\u00e4tze habe ich jedoch falsch verstanden und musste einige Zeilen nach dem Kontrolllesen des Briefes nachtr\u00e4glich korrigieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lugansk, UkraineJuni 2005 Dieser Brief an KONTAKTE-KOHTAKTbI aus dem Jahr 2005 erinnert an die Intention unseres Projektes &#8220;B\u00fcrger-Engagement f\u00fcr vergessene NS-Opfer&#8221;, die von den Auszahlungen der Stiftung &#8220;Erinnerung, Verantwortung und Zukunft&#8221; ausgeschlossenen ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen. Immer noch unterst\u00fctzen wir rund f\u00fcnfzig Hundertj\u00e4hrige in Armenien, Georgien und der Ukraine. Sehr geehrte Mitglieder der Gesellschaft \u201eKontakte\u201c! 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