{"id":4850,"date":"2022-08-19T18:13:18","date_gmt":"2022-08-19T16:13:18","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=4850"},"modified":"2022-08-19T18:16:23","modified_gmt":"2022-08-19T16:16:23","slug":"valentin-st-freitagsbrief-nr-216","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/valentin-st-freitagsbrief-nr-216\/","title":{"rendered":"Valentin St. \u2013 Freitagsbrief Nr. 216"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Belarus, Gebiet Minsk<br>Juli 2022<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sehr geehrte Bernhard Blankenhorn und Ragna Vogel!<\/p>\n\n\n\n<p>Der Grund, warum ich meine Erinnerungen mit Ihnen teile, ist Ihr Brief, den mir mein Freund I. A. S. [<a href=\"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/iwan-artemjevitsch-s-freitagsbrief-nr-215\/\">215. Neuer Freitagsbrief<\/a>] zeigte, nachdem er eine Beihilfe von 300 Euro erhalten hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch ich bin ein \u00dcberlebender eines von den Nazis niedergebrannten Dorfes, aber nicht im Gebiet Mogiljow, wie er, sondern im Gebiet Minsk. Wir sind noch nicht an der Reihe, aber ich hoffe und warte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wurde 1939 im Dorf Zaden\u2018e im Bezirk Logojsk im Gebiet Minsk geboren und habe wie viele meiner Altersgenossen viel Elend und Leid durch die Faschisten erlebt. Schon zu Beginn des Krieges trafen mich stinkende, rauchende Brandbomben, die eine \u201eRama\u201c [Focke-Wulf 189, FW Uhu; Anm. d. \u00dcbers.] abwarf, und von denen unsere H\u00fctte in Brand gesetzt werden sollte. Ich beobachtete das Flugzeug aus irgendeinem Grund ohne Angst, aber mit Neugier, durch die angelehnte T\u00fcr des Unterstandes, der sich im Garten neben der H\u00fctte befand. Einige Zeit sp\u00e4ter, in der Nacht, vertrieben die Deutschen eine kleine Gruppe von Partisanen aus unserem Dorf, und wir rannten \u00fcber das gefrorene Feld in den n\u00e4chsten Wald. Leuchtspurgeschosse pfiffen hinter uns her, und in unserem R\u00fccken brannte bereits das Dorf, einschlie\u00dflich unserer H\u00fctte. Die war in erster Linie das Ziel, denn manchmal ruhten sich dort Partisanen nach den Eins\u00e4tzen aus. Damals gelang uns die Flucht, und fast den ganzen Krieg \u00fcber versteckten sich meine Eltern, mein j\u00fcngerer Bruder und ich in den W\u00e4ldern, S\u00fcmpfen und abgelegenen D\u00f6rfern. All die schlimmen Erlebnisse und Abenteuer sind schwer zu beschreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas besonders Entsetzliches geschah, als wir, mehrere Familien, Anfang Juni 1944 im Morgengrauen kurz vor der Befreiung von den Deutschen im Wald von deutschen Soldaten umzingelt wurden. Damals habe ich sie zum ersten Mal aus der N\u00e4he gesehen. Trotz der Todesangst und der Ungewissheit erinnert sich mein unsicheres Kindheitsged\u00e4chtnis an das Bild wie an einen Kriegsfilm: Junge M\u00e4nner mit Helmen, in sch\u00f6nen gr\u00fcnen Uniformen und mit umgeh\u00e4ngten Maschinenpistolen f\u00fchrten uns alle schweigend und ohne Sch\u00fcsse auf eine frische, sonnige Wiese hinaus, teilten methodisch und ohne besondere Gewalt die ver\u00e4ngstigten Menschen auf: in eine Gruppe von M\u00e4nnern und eine andere von Frauen, Kindern und Alten. Und hier, w\u00e4hrend der Einteilung, geschah etwas Merkw\u00fcrdiges. Meine Mutter hat es mir erz\u00e4hlt. Mein Cousin (Vasilij Belyj, er war etwa 13-14 Jahre alt) wurde von seiner Mutter zu der Gruppe geschickt, in der sein Vater war, er wollte aber bei seiner Mutter bleiben. Alle dachten, die M\u00e4nner w\u00fcrden nach Deutschland geschickt und die anderen w\u00fcrden verbrannt oder erschossen werden. Und was f\u00fcr eine \u00dcberraschung gab es, als einer der deutschen Soldaten, der \u00e4lter aussah, Vasilij am Kragen packte, ihm mit dem Knie einen Sto\u00df in den Hintern versetzte und ihn von seinem Batka (Vater) zu seiner Mutter schubste. Nach dem Krieg wurde Wassili ein ber\u00fchmter M\u00e4hdrescherfahrer, der in Borovlianyj in der N\u00e4he von Minsk arbeitete, dank jenem \u00e4lteren Deutschen, der ihn mit einem Tritt in den Hintern vor dem Tod bewahrt hatte. Vielleicht helfen uns die deutschen Nachfahren dieses Deutschen aus N\u00e4chstenliebe. Auch damals gab es unterschiedliche Deutsche.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Einteilung wurden die M\u00e4nner irgendwo hingebracht. Ich erinnere mich, dass mein Vater beim Weggehen meiner Mutter zurief: &#8220;Katja, k\u00fcmmere dich um die Kinder, ich laufe weg, ich komme wieder!\u201c Ja, er kam auch zur\u00fcck, nur anders als gedacht. Ein Jahr sp\u00e4ter, etwa im Fr\u00fchjahr 1945, st\u00fcrzte ein Pferd w\u00e4hrend der Aussaat auf dem Feld in der N\u00e4he des Dorfes Zavidnoye, im Gebiet Bezhsova, in eine Grube. Es war ein Massengrab, in dem unter den Erschossenen mein Vater zusammen mit seinem Bruder waren. Insgesamt waren es 15 Personen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wurden alle in das Dorf Ters\u2018tyanka in der Gegend von Borisow gebracht und in den H\u00fctten bei den Einwohnern untergebracht. Hier waren die Deutschen die Herren, und wir \u00fcberlebten bis zur Befreiung.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann, bei der Ankunft der Roten Armee, kehrten wir in unser Dorf zur\u00fcck und sahen die von Unkraut \u00fcberwucherten H\u00f6fe der verbrannten H\u00fctten, aus denen die gemauerten Schornsteine ragten. Am Rande des Dorfes, am nahegelegenen Wald sahen wir mehrere Erdbunker, in die wir uns einquartierten. Mit Lehmb\u00f6den, feuchten, nassen W\u00e4nden, rauchenden \u00d6fen, undichten T\u00fcren, leeren Fenster\u00f6ffnungen und anderen \u201eAnnehmlichkeiten\u201c konnten wir einige Jahre lang leben, bis die Beh\u00f6rden uns halfen, eine H\u00fctte zu bauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in der Nachkriegszeit mussten wir mit gef\u00e4hrlichen, wenn auch nicht absolut t\u00f6dlichen, H\u00e4rten zurechtkommen. Vor allem Hunger, Armut, Krankheiten. Manchmal waren wir in einem halb ohnm\u00e4chtigen Zustand, in dem wir gar nichts mehr wollten: nicht essen, nicht trinken und nirgendwo hingehen. Zu essen hatten wir oft nur Gras (Melde), Wegerich und Sumpfpflanzen. Wir a\u00dfen &#8220;Kavyoriki&#8221;, ein Fladenbrot aus gefrorenen Kartoffeln, die wir unter dem Schnee fanden. Brot gab es nur gelegentlich, und erst ab 1947. Es gab keine Kleidung, keine Schuhe. Bis zur 7. Klasse gingen wir bei jedem Schnee barfu\u00df zur Schule, und im Winter trugen wir selbstgemachte Holzschuhe oder Gummistiefel, von denen uns jetzt die geschundenen F\u00fc\u00dfe schmerzen. All dies sind Folgen des Krieges. Das ist allgemein bekannt. F\u00fcr andere war es noch schlimmer.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielen Dank f\u00fcr die Erinnerung in dieser konkreten, realen Form. &nbsp;Ihre materielle Unterst\u00fctzung hat die Kraft, uns glauben zu machen, dass das Gute \u00fcber das B\u00f6se siegen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Sie es f\u00fcr notwendig und m\u00f6glich halten, etwas aus den Erinnerungen zu ver\u00f6ffentlichen, bin ich einverstanden. Damit die heutige Generation mehr Wissen hat&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Hochachtung Valentin St.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00dcbersetzung aus dem Russischen: Karin Ruppelt und Igor Makarov<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Belarus, Gebiet MinskJuli 2022 Sehr geehrte Bernhard Blankenhorn und Ragna Vogel! 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