{"id":4846,"date":"2022-08-11T11:19:04","date_gmt":"2022-08-11T09:19:04","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=4846"},"modified":"2022-08-11T11:24:02","modified_gmt":"2022-08-11T09:24:02","slug":"iwan-artemjevitsch-s-freitagsbrief-nr-215","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/iwan-artemjevitsch-s-freitagsbrief-nr-215\/","title":{"rendered":"Iwan Artemjevitsch S. \u2013 Freitagsbrief Nr. 215"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Gebiet Mogiljov, Belarus<br>13.07.2022<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Guten Tag Herr Blankenhorn,<\/p>\n\n\n\n<p>ich habe mit Verst\u00e4ndnis Ihren Brief gelesen, in dem Sie sehr klar und deutlich die Frage des gegenseitigen Verst\u00e4ndnisses zwischen den V\u00f6lkern ansprechen. Ich danke Ihnen f\u00fcr die geleistete Hilfe, die sehr gelegen kam. Ich bin kein reicher Mann, sondern ein pensionierter Maschinenbauingenieur, aber wenn man schon \u00fcber 80 ist, muss man viel f\u00fcr die Erhaltung der Gesundheit ausgeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke oft an den Krieg, als Belarus unter dem Joch des Faschismus war. Im Herbst 1943 befanden sich die deutschen Faschisten durch den Druck der Roten Armee auf dem R\u00fcckzug. Sie brannten D\u00f6rfer nieder, verschleppten die arbeitsf\u00e4hige Bev\u00f6lkerung nach Deutschland, pl\u00fcnderten und t\u00f6teten. Ein solches Schicksal ereilte mein Dorf Tchigrinowka im Gebiet Mogiljow.<\/p>\n\n\n\n<p>An diesem Herbsttag begannen die Bestrafer das Dorf zu umzingeln, Sch\u00fcsse waren zu h\u00f6ren. \u201eLauft weg, die Deutschen kommen\u201c, riefen die Frauen, als sie die Bestrafer auf das Dorf zukommen h\u00f6rten und sahen. Alle Dorfbewohner, von jung bis alt, verlie\u00dfen ihre H\u00fctten und rannten los in den Wald, der einen Kilometer vom Dorf entfernt war. Ich war damals kaum sechs Jahre alt, hielt mich an der Hand meiner Mutter fest und rannte und fiel mit allen Nachbarn. Die Menschen schrien, weinten, st\u00fcrzten, halfen sich gegenseitig auf und rannten, so schnell sie konnten, in den Wald. Die Bestrafer folgten uns nicht in den Wald, sondern blieben im Dorf. Sie t\u00f6teten das Vieh und begannen dann, die H\u00fctten niederzubrennen. Die H\u00fctten waren aus Holz und mit Stroh gedeckt und brannten schnell nieder. Und wir, um die f\u00fcnfzig Einwohner mit Kindern, versteckten uns im Wald. Zu essen gab es nichts, wir a\u00dfen, was wir in der Eile gegriffen hatten. Wir schliefen unter einer Decke von Tannennadeln. Wir hatten Angst, Feuer zu machen, es regnete und es war kalt. Sowjetische Geheimdienstler entdeckten uns dort und forderten uns auf, ihnen im G\u00e4nsemarsch ins Dorf zu folgen, da viele Stra\u00dfen von den Faschisten vermint waren. Direkt neben mir trat unser Nachbar auf eine Mine; er wurde in die Luft gesprengt und starb.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir das Dorf erreichten, erkannten wir den Ort nicht wieder. Verkohlte Schornsteine ragten hoch; alles war verbrannt. In der Luft hingen Rauch und Ru\u00df. Die Frauen weinten und verfluchten die Nazis. Wir begannen Wohnh\u00f6hlen zu graben, um irgendwie am Leben zu bleiben. Die Soldaten der Roten Armee, die uns befreit hatten, halfen uns. Das Leben war schwer, es gab nicht genug zu essen, wir zogen durch die D\u00f6rfer und bettelten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Winter 1943 &#8211; 1944 begann. Wir hausten in den Wohnh\u00f6hlen, die bis zu zwei Meter tief ausgegraben und mit Torf und Erde bedeckt waren. Wir lagen an einer Linie nahe der Front, denn die deutschen Invasoren hatten beim R\u00fcckzug ihre Stellungen am Fluss Pronja befestigt, einem Nebenfluss der Sozha, 7 km von uns entfernt. Die Nazi-Artillerie fing an, regelm\u00e4\u00dfig und gnadenlos zu feuern. Beim Beschuss rannten wir alle, meine Mutter, mein Vater, ich, zwei Schwestern und Nachbarn, in den Schutzraum &#8211; einen Unterstand im Garten in der N\u00e4he der Wohnh\u00f6hle. Er war mit Baumst\u00e4mmen und Erde bedeckt. Als eine Granate daneben explodierte und Sand auf unsere K\u00f6pfe rieselte, beteten die Frauen. Wir hofften, dass die Granate dieses Mal nicht den Unterstand treffen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>So haben wir bis zum Beginn der Bagration-Offensive [Juni 1944 d. \u00dcbers.] gelebt. Nach der Befreiung begannen die Bauern des Dorfes mit dem Bau von H\u00fctten. Es war schwer, es gab keine Pferde, und die Menschen mussten die Baumst\u00e4mme selbst aus den W\u00e4ldern schleppen. Erst nach 5 Jahren bauten die Bauern H\u00fctten f\u00fcr sich selbst, ein friedliches Leben begann.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00dcbersetzung aus dem Russischen: Karin Ruppelt und Igor Makarov<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gebiet Mogiljov, Belarus13.07.2022 Guten Tag Herr Blankenhorn, ich habe mit Verst\u00e4ndnis Ihren Brief gelesen, in dem Sie sehr klar und deutlich die Frage des gegenseitigen Verst\u00e4ndnisses zwischen den V\u00f6lkern ansprechen. Ich danke Ihnen f\u00fcr die geleistete Hilfe, die sehr gelegen kam. 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