{"id":4707,"date":"2022-06-24T11:26:15","date_gmt":"2022-06-24T09:26:15","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=4707"},"modified":"2022-06-24T11:26:18","modified_gmt":"2022-06-24T09:26:18","slug":"viktor-grigorevich-ch-freitagsbrief-nr-212","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/viktor-grigorevich-ch-freitagsbrief-nr-212\/","title":{"rendered":"Viktor Grigor&#8217;evich Ch. \u2013 Freitagsbrief Nr. 212"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Gebiet Mogiljow, <strong>Belarus<\/strong><\/strong><br>26.01.2022<\/p>\n\n\n\n<p><em>Eine Anmerkung: Viele ehemalige B\u00fcrger der Sowjetunion bezeichnen alle Lager des nationalsozialistischen Deutschlands als Konzentrationslager, auch wenn sie es formal nicht waren.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Liebe Vereinsmitglieder,<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr geehrter Herr Vereinsvorsitzender!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich, Viktor Grigor\u2018evich Ch., habe 300 Euro und Ihren Brief als \u00dcberlebender eines niedergebrannten Dorfes \u00fcber die \u201eStiftung f\u00fcr gegenseitige Verst\u00e4ndigung\u201c in Minsk erhalten. Ich danke Ihnen f\u00fcr Ihr Mitgef\u00fchl.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schreibe Ihnen meine Erinnerungen an den Krieg.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war zweieinhalb Jahre alt, als der Krieg begann, denn ich wurde im Januar 1939 geboren. Daher wei\u00df ich aus den Erz\u00e4hlungen meiner Verwandten, Freunde und Bekannten um die Schrecken des Krieges, die Grausamkeiten und Verbrechen der Nazis, insbesondere der Gestapo, in meinem Heimatland Belarus.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine \u00e4ltere Schwester Nadezhda, die 15 Jahre alt war, wurde in ein Konzentrationslager in Deutschland gebracht, aber sie blieb nicht lange dort; sie \u00fcberlebte, weil eine Bauernfamilie sie zum Arbeiten aufnahm und gut behandelte. Nach dem Krieg kehrte meine Schwester nach Hause zur\u00fcck. Mit meiner zweiten Schwester Lena, meiner Mutter und meinem kranken Vater lebten wir in einem Dorf, als die deutschen Soldaten einmarschierten. Ich war zweieinhalb Jahre alt, meine Schwester war sechs.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Ich selbst erinnere mich an mehrere Ereignisse. Die Deutschen kamen ins Haus: Als sie meinen Vater dort liegen sahen, befahlen sie ihm aufzustehen, und einer von ihnen richtete seine Maschinenpistole auf meinen Vater, um ihn zu erschie\u00dfen. Ich war erschrocken, weinte und rannte zu meinem Vater. Mein Vater nahm mich in die Arme, dr\u00fcckte mich an seine Brust. Der deutsche Soldat schaute uns an, legte seine Maschinenpistole weg und die Soldaten gingen. Bald darauf starb mein Vater, und wir kleinen Kinder blieben mit meiner Mutter zur\u00fcck. Da die deutschen Soldaten uns alle Lebensmittel weggenommen hatten, waren wir sehr hungrig. Wir gingen mit meiner Schwester auf die Felder, auf denen im Sommer Kartoffeln wuchsen, und sammelten die gefrorenen Kartoffeln, Mutter backte Fladenbrot, und wir a\u00dfen diese schwarzen Fladen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Krieg hatten wir ein sehr sch\u00f6nes gro\u00dfes Haus, das mein Vater gebaut hatte, aber die deutschen Offiziere nahmen es sich als Hauptquartier, und wir wurden in die Scheune gejagt, wo es kalt war, und uns war sehr kalt. Aber das war noch nicht das Ende unserer Qualen. Als die Sowjets vorr\u00fcckten, versammelten die deutschen Besatzer alle Dorfbewohner in einer gro\u00dfen Scheune und schlossen sie ab, damit niemand entkommen konnte. Die Kinder schrien und weinten, jeder verstand, dass wir verbrannt werden sollten, aber pl\u00f6tzlich fuhr ein deutscher Offizier vor, sagte etwas, und wir wurden lebendig freigelassen. Wir wissen nicht, was das f\u00fcr eine Entscheidung war, aber wir sind dankbar, dass wir nicht verbrannt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie brannten das gesamte Dorf ab, und die Bewohner wurden nach Mogiljow in ein Durchgangslager und in ein Konzentrationslager geschickt. Meine Schwester und ich erkrankten dort an Typhus, aber Gott war gn\u00e4dig und meine Schwester, meine Mutter und ich \u00fcberlebten, obwohl wir schrecklich unter Hunger, K\u00e4lte und Krankheit litten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Krieg gab es keinen Ort mehr, an den man zur\u00fcckkehren konnte, alle H\u00e4user waren abgebrannt, aber die Menschen kehrten trotzdem auf die Brandst\u00e4tte zur\u00fcck, gruben Erdh\u00fctten und lebten darin, w\u00e4hrend neue H\u00e4user gebaut wurden. Das war meine Kindheit!<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Frau ist j\u00fcnger als ich, sie wurde 1943 geboren. In ihrem Dorf erschossen die Deutschen 10 Menschen und brannten zwei Stra\u00dfenz\u00fcge nieder, nur ein paar H\u00e4user standen noch. Eine Lehrerin mit ihrem Baby im Arm wurde bei lebendigem Leib verbrannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der von Hitler und seinen Schergen entfesselte Krieg brachte den Belarussen viel Kummer und Leid. F\u00fcr ihn und seine Henker gibt es keine Entschuldigung. Aber es gab deutsche Soldaten, die unserem Volk gegen\u00fcber Menschlichkeit und Barmherzigkeit zeigten. Meine \u00e4ltere Schwester, die 15 Jahre alt war, erz\u00e4hlte von einem solchen Fall. Als sie die deutschen Soldaten ins Haus kommen sah, versteckte sie sich im Keller, weil Jugendliche nach Deutschland verschleppt wurden. Meine zuk\u00fcnftige Frau (ein S\u00e4ugling, der in einer Wiege lag) und meine Mutter waren im Haus. Ein Soldat kam ins Haus und verlangte Milch und Eier. Die Mutter hatte Angst, ihr Kind einem deutschen Soldaten zu \u00fcberlassen, denn sie wusste, dass in einem Nachbardorf ein Gestapo-Mann einen S\u00e4ugling get\u00f6tet hatte, indem er ihn an den Beinen packte und mit dem Kopf gegen die Hausecke schlug. Aber sie traut sich nicht, ungehorsam zu sein, und ging los, um Essen zu holen. Im Keller h\u00f6rte meine Schwester das Baby aufwachen und weinen. Der Soldat ging zur Wiege und begann, das Baby zu beruhigen, indem er etwas in seiner Sprache sagte und komische Handbewegungen machte. Als die besorgte Mutter ins Haus lief, sah sie den l\u00e4chelnden Soldaten \u00fcber die Wiege gebeugt und das lachende kleine M\u00e4dchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als meine zuk\u00fcnftige Frau heranwuchs, erz\u00e4hlten meine Schwester und meine Mutter ihr von dem Vorfall. Sie erinnerte sich f\u00fcr den Rest ihres Lebens daran, erz\u00e4hlte es mir und unseren Kindern, Enkeln und Urenkelkindern. Wir verstanden, dass es sich nicht um einen Gestapo-Mann gehandelt hatte, sondern um einen einfachen Soldaten, der vielleicht selbst Kinder hatte und dem menschliche Gef\u00fchle nicht fremd waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir Belarussen erinnern uns an alles: an die Gr\u00e4ueltaten, die Schikanen, die Ermordung von Zivilisten &#8211; Frauen und Kindern -, an verbrannte D\u00f6rfer und D\u00f6rfer, die mitsamt ihren Bewohnern verbrannt wurden, an unsere geraubte Kindheit. Das darf nicht in Vergessenheit geraten, und wir geben die Erinnerung an den Krieg an unsere Kinder, Enkel und Urenkel weiter, damit sie es wissen und sich erinnern, damit sie nicht zulassen, dass es Krieg gibt. Wir erinnern uns aber auch daran, dass nicht alle Deutschen, die in unser Land kamen, Barbaren, M\u00f6rder und Verbrecher waren. Wir erinnern uns an die Menschlichkeit und die Barmherzigkeit der einfachen Soldaten; wir erz\u00e4hlen unseren Kindern, Enkeln und Urenkeln von ihnen, damit auch sie es wissen und sich erinnern.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir, die Kinder des Krieges, die keine Kindheit hatten und einen schrecklichen Krieg erlebt haben, wollen nicht, dass unsere Nachkommen so etwas durchmachen m\u00fcssen, wir wollen, dass sie in Frieden leben, damit niemand mehr in unser leidgepr\u00fcftes Land eindringt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir danken Ihnen f\u00fcr das Geld, das Sie gesammelt und uns geschickt haben. Nat\u00fcrlich wird dadurch weder der materielle noch der moralische Schaden ausgeglichen, aber es ist eine Geste des guten Willens. Und wir freuen uns dar\u00fcber, dass die deutsche Seite die Trag\u00f6die verstanden hat und das Elend, das der Zweite Weltkrieg den anderen V\u00f6lkern gebracht hat, den die Wehrmacht und ihre Helfer angezettelt hatten. Wir hoffen, dass Sie in dieser unruhigen Zeit, wo Faschismus. Rassismus und Nationalismus wieder an verschiedenen Orten ihr Haupt erheben, deren R\u00fcckkehr auf unseren Boden nicht zulassen werden, da es doch in Deutschland Menschen gibt wie die, die diese Stiftung organisiert haben, und die, die Lehren der Vergangenheit gelernt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Hochachtung und den besten W\u00fcnschen<\/p>\n\n\n\n<p>Viktor Grigor\u2019evich Ch.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00dcbersetzung Karin Ruppelt und Igor Makarov<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gebiet Mogiljow, Belarus26.01.2022 Eine Anmerkung: Viele ehemalige B\u00fcrger der Sowjetunion bezeichnen alle Lager des nationalsozialistischen Deutschlands als Konzentrationslager, auch wenn sie es formal nicht waren. Liebe Vereinsmitglieder, Sehr geehrter Herr Vereinsvorsitzender! Ich, Viktor Grigor\u2018evich Ch., habe 300 Euro und Ihren Brief als \u00dcberlebender eines niedergebrannten Dorfes \u00fcber die \u201eStiftung f\u00fcr gegenseitige Verst\u00e4ndigung\u201c in Minsk erhalten&#8230;.<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_coblocks_attr":"","_coblocks_dimensions":"","_coblocks_responsive_height":"","_coblocks_accordion_ie_support":"","_uag_custom_page_level_css":"","footnotes":""},"categories":[23],"tags":[],"class_list":["post-4707","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-briefe-der-ueberlebenden-verbrannter-doerfer-belarus"],"translation":{"provider":"WPGlobus","version":"3.0.2","language":"ru","enabled_languages":["de","ru"],"languages":{"de":{"title":true,"content":true,"excerpt":false},"ru":{"title":false,"content":false,"excerpt":false}}},"uagb_featured_image_src":{"full":false,"thumbnail":false,"medium":false,"medium_large":false,"large":false,"1536x1536":false,"2048x2048":false,"post-thumbnail":false,"graphy-post-thumbnail-large":false,"graphy-post-thumbnail-medium":false,"graphy-post-thumbnail-small":false,"graphy-page-thumbnail":false},"uagb_author_info":{"display_name":"KS","author_link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/author\/kntktbrln999\/"},"uagb_comment_info":0,"uagb_excerpt":"Gebiet Mogiljow, Belarus26.01.2022 Eine Anmerkung: Viele ehemalige B\u00fcrger der Sowjetunion bezeichnen alle Lager des nationalsozialistischen Deutschlands als Konzentrationslager, auch wenn sie es formal nicht waren. 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