{"id":4705,"date":"2022-06-16T17:13:00","date_gmt":"2022-06-16T15:13:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=4705"},"modified":"2022-06-21T17:13:49","modified_gmt":"2022-06-21T15:13:49","slug":"aleksandr-isakowitsch-p-freitagsbrief-nr-211","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/aleksandr-isakowitsch-p-freitagsbrief-nr-211\/","title":{"rendered":"Aleksandr Isakowitsch P. \u2013 Freitagsbrief Nr. 211"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Saporischschja, Ukraine<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>2014 (den letzten Brief von Aleksandr Isakowitsch erhielten wir 2021)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin Aleksandr P., das ist meine Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lebte mit meiner Familie in der j\u00fcdischen Siedlung Ostrowskoje im Perwomajskij Kraj, Oblast Krimskaja.<\/p>\n\n\n\n<p>Unser Vater Isaak Mojsejewitsch P. war Kolchose-Vorsitzender. Er wurde am 18. August 1941 in die aktive Armee eingezogen und fiel 1942 bei der Verteidigung Sewastopols.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Mutter blieb mit f\u00fcnf Kindern allein zur\u00fcck. Ich war mit 12 der \u00c4lteste, meine j\u00fcngste Schwester Fanja war ein Jahr alt.<\/p>\n\n\n\n<p>Unmittelbar vor dem Einfall der Deutschen wurde die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung aus unserer Siedlung evakuiert, wir rannten beinahe. Unsere Mutter konnte mit so vielen Kleinkindern nicht zu Fu\u00df bis zur Station Kertsch (\u00fcber 200 km) gehen, von wo aus man die Menschen evakuierte und ins Kuban-Gebiet sowie in den Kaukasus schickte. Die leerstehenden H\u00e4user wurden von Fl\u00fcchtlingen aus der Oblast Cherson besiedelt. Um unsere j\u00fcdische Abstammung zu verbergen, \u00e4nderte unsere Mutter unsere j\u00fcdischen Namen in russische. Fr\u00fcher hie\u00df ich Dawid \u2013 nun war ich Aleksandr, mein Bruder Iosif wurde zu Pjotr. Mein Schwesterchen Fanja wurde von nun an Fenja genannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Deutschen besetzten unser Gebiet im Oktober 1941. Zu Beginn des Winters 1942 kam eine Strafkolonne in unseren Ort und erschoss die verbliebenen Juden. Damals sind wir nicht verraten worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Deutschen errichteten eine neue Herrschaft. Anstatt der Kolchose gab es jetzt eine Gemeinde, in der alle Ortsbewohner f\u00fcr die Deutschen arbeiten mussten, auch [ich] und meine Mutter, unter Todesangst und ohne Lohn f\u00fcr unsere Arbeit. Die allerschlimmste Zeit begann, als es kein Geheimnis mehr war, dass wir Juden waren. Wenn die Deutschen in den Ort kamen, versteckten sich die Kleinen in Schuppen oder dem verlassenen Nachbardorf Kugulni. Mutter und ich arbeiteten und konnten jederzeit verraten werden. Dann kam der Sohn eines ehemaligen Gutsherren, Strjukow, 35 Jahre alt, in den Ort. Eines Tages tauchte Strjukow zusammen mit einem Polizai bei uns zu Hause auf. Sie fingen an, meine Mutter und mich zu misshandeln. Mich schlugen sie heftig vor den Augen meiner Mutter. Wenn ich zu Boden fiel, hoben sie mich mit den F\u00fc\u00dfen wieder hoch. Dann schleiften sie meine Mutter und mich zum Polizeirevier und misshandelten uns noch lange \u2013 schlugen uns beide grausam. Ich war voller Blut. Sie drohten damit, uns am n\u00e4chsten Morgen in die Kreisstadt zu bringen und den Deutschen zur Erschie\u00dfung zu \u00fcberlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein paar Tage sp\u00e4ter, etwa um drei Uhr nachmittags, erschien Strjukow zusammen mit den Kreisvorsitzenden und einem deutschen Soldaten. Die Kinder liefen auseinander beim Anblick der Deutschen. Der Soldat fing alle meine kleinen Br\u00fcder ein, stellte sie in einer Reihe auf und zog ihnen die H\u00f6schen herunter. Aber beschnitten war nur ich \u2013 der \u00c4lteste. Meine Mutter und ich waren zu diesem Zeitpunkt bei der Arbeit, sie fuhren nicht los um mich zu holen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und es gab noch viele Momente der Angst, an die es schwer f\u00e4llt, sich zu erinnern.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Leben unserer Familie hing am seidenen Faden. Anfang Winter 1944 wurde ich zusammen mit anderen M\u00e4nnern w\u00e4hrend einer Razzia gefasst und in ein Konzentrationslager gebracht, das sich in der Ortschaft Woinka befand, im Rajon Krasnoperekopskij der Krim.<\/p>\n\n\n\n<p>Die KZ-H\u00e4ftlinge mussten Panzerabwehrgraben ausheben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir arbeiteten bei jeder Witterung. Zwei Tage vor Ankunft der sowjetischen Truppen wurde das Lager in der Morgend\u00e4mmerung bombardiert. Die Bomben trafen Lagerr\u00e4ume und die R\u00e4ume der Wachen. Die Sicherheitsz\u00e4une waren durchbrochen. Die Gefangenen rannten auseinander.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Morgend\u00e4mmerung des 9. April 1944 kam ich nach Hause. Am 10. April 1944 wurde die Siedlung von den Deutschen befreit.<\/p>\n\n\n\n<p>Zweieinhalb Jahre lang lebten wir in st\u00e4ndiger Todesangst und unter den grausamen Bedingungen von Hunger und K\u00e4lte.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Aus dem Russischen von Jennie Seitz<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Saporischschja, Ukraine 2014 (den letzten Brief von Aleksandr Isakowitsch erhielten wir 2021) Ich bin Aleksandr P., das ist meine Geschichte. Ich lebte mit meiner Familie in der j\u00fcdischen Siedlung Ostrowskoje im Perwomajskij Kraj, Oblast Krimskaja. Unser Vater Isaak Mojsejewitsch P. war Kolchose-Vorsitzender. Er wurde am 18. 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