{"id":4697,"date":"2022-05-26T12:02:00","date_gmt":"2022-05-26T10:02:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=4697"},"modified":"2022-06-02T12:02:56","modified_gmt":"2022-06-02T10:02:56","slug":"valentina-nikolayevna-st-freitagsbrief-nr-208","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/valentina-nikolayevna-st-freitagsbrief-nr-208\/","title":{"rendered":"Valentina Nikolayevna St. \u2013 Freitagsbrief Nr. 208"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Mogiljow, <strong>Belarus<\/strong><\/strong><br>11.04.2022<\/p>\n\n\n\n<p>Guten Tag, liebe Mitglieder der Vereinigung!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich entschuldige mich gleich zu Anfang daf\u00fcr, dass ich nicht gut schreiben kann und Analphabetin bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gebe Ihnen eine Antwort auf Ihren Brief. Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie mir davon geschrieben haben. [&#8230;]<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt werde ich Ihnen schreiben, was 1941 geschah. Ich bin 1940 geboren, aber in meinem Pass steht, dass ich 1941 geboren wurde. Als ich meine Geburtsurkunde erhielt, machte ich mich j\u00fcnger, denn 1941 haben die Deutschen die Gemeindeverwaltung abgebrannt, und die Informationen \u00fcber meine Geburt wurden nicht mehr an das Archiv weitergegeben. Alles wurde abgebrannt, und die Gemeindeverwaltung verbrannte mit allen Dokumenten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wohnten im Dorf Pridancy, unsere H\u00fctte lag in der N\u00e4he des Waldes. Am 14. Oktober 1941 kamen f\u00fcnf Partisanen zu uns. Sie sagten, sie w\u00fcrden sich drei Tage lang tags\u00fcber bei uns verstecken, und nachts einen Auftrag erf\u00fcllen. Sie sollten innerhalb von 3 Tagen einen deutschen Anf\u00fchrer fangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber jemand hatte gesehen, dass bei uns Partisanen waren und hat es den Deutschen gesagt. Am 16. Oktober 1941 kamen die Deutschen in zwei Autos, umzingelten das Haus und begannen aus Maschinengewehren zu schie\u00dfen, alle legten sich auf den Boden. Wir waren 5 Kinder und meine Mutter, alle lagen auf dem Boden neben den Fu\u00dfleisten. Ich schlief in der Wiege, die von der Decke hing, und von den Kugeln begann die Wiege zu schaukeln. Ich setzte mich auf und lachte, weil mich jemand schaukelte.<\/p>\n\n\n\n<p>Drei Partisanen befanden sich auf dem Dachboden, wo sie sich versteckten, zwei im Haus. Vom Dachboden sprangen die drei Partisanen in das Kartoffelfeld (hinter der H\u00fctte waren die Kartoffeln nicht ausgegraben worden). Sie wurden sofort erschossen. Dann h\u00f6rten die Sch\u00fcsse auf. Meine Mutter schaute aus dem Fenster und wurde getroffen, sie fiel hin und konnte nicht mehr aufstehen. Dann brachen die Deutschen die Fenster und Rahmen heraus und setzten das Haus in Brand. Jemand sagte ihnen, dass dort kleine Kinder seien, und die Deutschen sagten ihnen, sie sollten die Kinder herausholen. Meine \u00e4ltere Schwester war 13 Jahre alt und ich war 1 Jahr und 1 Monat alt. Meine Schwester sagte meiner Mutter, sie m\u00fcsse aufstehen, aber sie konnte nicht aufstehen. Meine Schwester nahm mich auf den Arm, wir gingen alle f\u00fcnf hinaus, und einer der Partisanen folgte uns. Er wurde auf der Stelle erschossen, und den anderen lie\u00dfen sie mit Mutter im Haus zur\u00fcck. Sie lie\u00dfen nicht zu, dass Mutter aus dem Haus getragen wurde. Einige Leute wollten sie aus dem Haus tragen, aber die Deutschen lie\u00dfen sie nicht hineingehen, sie setzten ihnen das Maschinengewehr auf die Brust: &#8220;Wenn du hineingehst, wirst du erschossen&#8221;, und so wurden Mutter und der eine Partisan bei lebendigem Leib verbrannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir begruben von unserer Mutter nur die verbrannten Knochen. Die Partisanen wurden ohne Sarg begraben, weil sie sie nicht begraben werden durften. Die Deutschen erschossen Menschen, die Partisanen begruben. Und so brannte das ganze Dorf Pridancy nieder. Alles, was wir f\u00fcr den Winter an Lebensmitteln gelagert hatten, brannte ab, und wir blieben\u00a0nackt, barfu\u00df und hungrig zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Kindheit war sehr schlimm. Wir waren alle vom Hunger aufgetrieben, liefen umher und bettelten um Essen, ich will nicht dar\u00fcber schreiben. Ich schreibe Ihnen und weine, dieses Kindheitstrauma hat mich mein ganzes Leben lang begleitet. Die \u00c4lteren sind alle tot. Ich bin allein noch da.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Lieben, wenn ihr mir Geld schickt, bin ich euch sehr dankbar, ich brauche es sehr dringend. Es gibt viele Dinge, die ich Ihnen schreiben k\u00f6nnte. Aber Sie wissen wahrscheinlich alles selbst, noch einmal vielen Dank, dass Sie sich an mich erinnern.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00dcbersetzung Karin Ruppelt und Igor Makarov<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mogiljow, Belarus11.04.2022 Guten Tag, liebe Mitglieder der Vereinigung! 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