{"id":4658,"date":"2022-03-18T09:15:09","date_gmt":"2022-03-18T08:15:09","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=4658"},"modified":"2022-03-29T20:18:49","modified_gmt":"2022-03-29T18:18:49","slug":"ljudmila-isaakowna-zh-freitagsbrief-nr-204-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/ljudmila-isaakowna-zh-freitagsbrief-nr-204-teil-2\/","title":{"rendered":"Ljudmila Isaakowna Zh. \u2013 Freitagsbrief Nr. 204 (Teil 2)"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Ukraine, Cherson<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>2014<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dies ist der zweite Teil des Berichts einer \u00dcberlebenden der Shoah aus der Ukraine, der Bericht \u00fcber die Familie ihres Vaters.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin eine von den \u00dcberlebenden der Schoah, geboren wurde ich im Jahre 1940. Mein Vater war Jude, meine Mutter nicht. Als der Krieg begann, ging mein Vater an die Front, und wir konnten uns nicht mehr in Sicherheit bringen. Als die Deutschen Cherson okkupierten, befanden wir uns in der Stadt. Die Verwandten meines Vaters (Mutter, Schwester, die Frau und die zwei kleinen Kinder seines Bruders \u2013 Marta, geb. 1936 und Ella, geb. 1941) wurden sofort mitgenommen und bald vernichtet. Uns (meine Mutter, meinen Bruder, geb. 1934, und mich) nahmen sie nicht sofort mit, weil meine Mutter Ukrainerin war und ihren eigenen Familiennamen trug. Aber dann fingen sie an, alle Juden mitzunehmen, m\u00fctterlicherseits und v\u00e4terlicherseits, bis zur 4. Generation. Und unsere Mutter begann, uns zu verstecken. Wir gingen von einer Siedlung zur n\u00e4chsten, von den einen Verwandten meiner Mutter zu den n\u00e4chsten. Wir lebten in Kellern.<\/p>\n\n\n\n<p>[\u2026]<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Vater \u2013 K. Isaak (Schija Schika) Moisejewitsch, geb. 1911, stammte aus Golaja Pristan. Wann sie nach Cherson zogen, wei\u00df ich nicht genau, irgendwann Anfang der 20er Jahre. Seine Familie bestand aus Vater, Mutter, zwei Br\u00fcdern und einer Schwester. Der Vater, K. Mosja (mein Gro\u00dfvater) hat, glaube ich, als [*\u0448\u0435\u0439\u043a\u0435\u0440 Sch\u00e4chter?] gearbeitet. Er starb bereits, als sein erster Enkelsohn geboren wurde, 1934. Zu Ehren des Gro\u00dfvaters wurde er Mosja genannt. Mein Vater war der Zweitgeborene.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Vater arbeitete als Schlosser bei der Landtechnikfabrik (Kardanwellen). War Aktivist\u2013 Komsomolze, Freiwilliger. Als ehrenamtliche T\u00e4tigkeit leitete er das Rote Kreuz in der Fabrik. Er besetzte den obersten Rang und wurde ohne medizinische Ausbildung zum Verwaltungsvorsitzenden des medizinischen Zentrums der Binnenschiffervereinigung (das kommt dem Posten eines Gewerkschaftsvorsitzenden nahe) gew\u00e4hlt. Wegen dieser Stelle musste er oft gesch\u00e4ftlich nach Moskau und Kiew zu Konferenzen und Tagungen. Von seinen Dienstreisen brachte er immer Geschenke mit. In der Partei war er nicht, weil er dem Ruf der \u201eF\u00fcnfundzwanzigtausender&#8221;&nbsp; [\u0414\u0432\u0430\u0434\u0446\u0430\u0442\u0438\u043f\u044f\u0442\u0438\u0442\u044b\u0441\u044f\u0447\u043d\u0438\u043a\u0438: Sammelbegriff f\u00fcr Arbeiter&nbsp; mit Organisationserfahrung aus den gro\u00dfen Industriest\u00e4dten, die 1929 von der KPdSU freiwillig aufs Land geschickt wurden, um die Kolchosen zu unterst\u00fctzen. d.\u00dcbers.] nicht gefolgt war (er sagte, er kenne die Ortschaft nicht, in die er h\u00e4tte gehen sollen). Meine Mutter war damals sehr besorgt, hatte Angst, dass man ihn verhaften w\u00fcrde, was nicht geschah, aber in die Partei wurde er nicht aufgenommen, Verwaltungsvorsitzender des medizinischen Zentrums blieb er trotzdem.<\/p>\n\n\n\n<p>Von den ersten Tagen des Krieges an war er an der Front. Gestorben ist er am 10.08.1943 auf dem Gut Swistelnikowo, Kreis Slawjansk der Region Krasnodar. Meine Mutter hatte er bei der Komsomolzenarbeit kennengelernt. Sie wurden Freunde, verliebten sich, heirateten 1933. 1934 wurde ihr Sohn Mosja geboren (er verstarb 2003 in Israel an Krebs). 1937 wurde der zweite Sohn Wilja geboren (er verstarb bereits im Alter von 2 Jahren an einer Lungenentz\u00fcndung). 1940 bekamen sie eine Tochter \u2013 mich. Mein Vater war den Erz\u00e4hlungen meiner Familie nach ein sehr aufmerksamer, liebevoller, f\u00fcrsorglicher Ehemann, Vater und Sohn. Meine Gro\u00dftante m\u00fctterlicherseits, sie war sieben Jahre \u00e4lter als meine Mutter (sie war wie eine Schwester f\u00fcr meine Mutter und [zun\u00e4chst] gegen diese Ehe), hat einmal gesagt, niemand in der Familie habe einen Ehemann und Vater wie Schija gehabt. Wohin auch immer er reiste, von \u00fcberall brachte er Geschenke mit, wenn auch nichts Gro\u00dfes, nie verga\u00df er jemanden. Er liebte seine Frau, seine Kinder, seine Mutter, seine Br\u00fcder und die Schwester sehr. In seinen Briefen erkundigte er sich immer nach ihrer Gesundheit. Er hatte viele Freunde. Ich habe viele Fotografien von Freunden (gr\u00f6\u00dftenteils j\u00fcdische), die sie ihm zur Erinnerung geschenkt hatten. So war mein Vater, ich musste leider ohne ihn aufwachsen. Er liebte seinen Mischutka (den Erstgeborenen) und auch mich, sein \u201ekostbares\u201c T\u00f6chterchen. Wir haben sehr viel verloren, er hat uns sehr geliebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist eine Episode aus der damaligen Zeit (aus Erz\u00e4hlungen). F\u00fcr die Feier am 1. Mai 1941 bekam ich ein neues, festliches Kleid gen\u00e4ht. (Mein Vater hatte den Stoff aus einem Sanatorium mitgebracht, in dem er im Herbst 1940 zur Kur gewesen war.) Meine Gro\u00dfmutter n\u00e4hte ein sch\u00f6nes, festliches Kleid mit R\u00fcschen, aber es war etwas zu lang, und er sagte best\u00fcrzt, warum verunstaltet ihr mein T\u00f6chterchen, sie muss ein kurzes Kleid tragen, so dass man das H\u00f6schen sieht, macht doch kein altes Weib aus ihr.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir waren ein paar Briefe geblieben, die er geschickt hatte \u2013 vor dem Krieg und von der Front (bevor Cherson von den Deutschen besetzt wurde). Zwei habe ich jetzt noch. In einem aus der Vorkriegszeit (August 1940) schreibt er aus dem Sanatorium, in dem er zur Kur war. Gratuliert dem S\u00f6hnchen zum Geburtstag. Schreibt, er soll ein braver Junge sein und dass er ein Geschenk mitbringen w\u00fcrde. Er schreibt, dass er f\u00fcr Njusja (seine Frau) und sein T\u00f6chterchen (nicht mal ein Jahr alt) Stoff f\u00fcr Kleider gekauft hat \u2013 5 Meter, f\u00fcr den Sohn Hemden und Geschenke f\u00fcr die Schwiegermutter und die anderen Verwandten. Schreibt, dass er alle vermisst, Sehnsucht nach Zuhause hat. Der zweite Brief stammt schon von der Front \u2013 er ist kurz, eine halbe Seite lang (er musste sich beeilen, ihn zu schreiben und weiterzugeben). Der Brief ist allgemein gehalten \u2013 adressiert an seine Mutter, sie sollte ihn an seine Frau weitergeben. Er teilt mit, dass er lebt und verspricht, dass er am Leben bleiben und bald alle wiedersehen wird. Erkundigt sich nach der Gesundheit seiner Mamusja, seiner Frau, seinen Kindern, fragt, wie es seiner frischgeborenen Nichte Ellotschka geht (sie kam 1941 zur Welt), seinen anderen Nichten und Neffen, seiner Schwester und den Br\u00fcdern. Aber aus dem Krieg kehrte er nicht zur\u00fcck. Ich besa\u00df noch eine Postkarte, die er an seinen Freund geschickt hatte (und er gab sie an uns weiter) und in der er sich sehr besorgt um seine Familie zeigte, die nun den Deutschen \u00fcberlassen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Vater starb an der Front. Mein Bruder und ich wuchsen ohne v\u00e4terliche Zuneigung, ohne das g\u00fctige L\u00e4cheln der Gro\u00dfmutter auf. Der Gro\u00dfteil der Verwandtschaft ist gestorben (die einen an der Front, die anderen durch die Hand der Nazis). Ich bete jeden Tag zu Gott, dass sich dieser Albtraum niemals wiederholt, dass mein Sohn, meine Enkel und die (zuk\u00fcnftigen) Enkel nie die Schrecken des Krieges und Menschenhass kennenlernen. Ich bete zu Gott, dass er allen V\u00f6lkern Frieden und Wohlergehen zu Teil kommen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00dcbersetzung aus dem Russischen Jennie Seitz<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ukraine, Cherson 2014 Dies ist der zweite Teil des Berichts einer \u00dcberlebenden der Shoah aus der Ukraine, der Bericht \u00fcber die Familie ihres Vaters. Ich bin eine von den \u00dcberlebenden der Schoah, geboren wurde ich im Jahre 1940. Mein Vater war Jude, meine Mutter nicht. 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