{"id":4654,"date":"2022-02-17T10:09:14","date_gmt":"2022-02-17T09:09:14","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=4654"},"modified":"2022-03-29T20:18:08","modified_gmt":"2022-03-29T18:18:08","slug":"petro-demyanovich-st-freitagsbrief-nr-202","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/petro-demyanovich-st-freitagsbrief-nr-202\/","title":{"rendered":"Petro Demyanovich St. \u2013 Freitagsbrief Nr. 202"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Ukraine, Gebiet Rivne<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>07.07.2020<\/p>\n\n\n\n<p>Ich, St. Petro Demjanovytsch, wurde am 5. August 1933 im Dorf Samtschysko, Kreis Dubno (Verba), Gebiet Rivne geboren. Ich kann mich noch sehr gut an den Kriegsausbruch erinnern. Es war Sonntag und ein sch\u00f6ner sonniger Tag. Die Menschen liefen ver\u00e4ngstigt umher und aufeinander zu und wussten nicht, was sie nun tun sollten. Sowjetische Soldaten waren in der Defensive und mussten sich in Richtung Kiew [russisch geschrieben im ansonsten ukrainischen Text d.\u00dcbers.] zur\u00fcckziehen (so dachten wir uns zumindest). Und deutsche Soldaten erschienen in unserem Dorf bereits nach zwei Wochen. Seither lebten die Dorfbewohner in Unmut, \u00c4ngsten und Unruhen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frontlinie war weit weg von uns; es kamen nur noch Meldungen, dass sie sich in Richtung Moskau bewegt. Unsere Dorfbewohner wirtschafteten so gut es ihnen m\u00f6glich war. Sie bauten eine Sch\u00e4lm\u00fchle auf und fertigten auch Mahlsteine an, um Getreide zu mahlen, denn alle M\u00fchlen waren bereits lahmgelegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Um diese Zeit erschienen in unserer Umgebung einige Partisanengruppen. Das halbe Dorf wurde verbrannt und im Hof unseres verbrannten Hauses wurde unser Gro\u00dfvater Mykyta get\u00f6tet, weil er nicht von Zuhause weggehen wollte. 1942 bis 1943 nahte sich die Frontlinie dem Westen zu. Ende Februar 1944 wurde uns befohlen, uns auf den Weg nach Deutschland vorzubereiten. Unsere ganze Familie, so wie wir angezogen und beschuht waren, verlie\u00df alles und fl\u00fcchtete sich in den Wald. Dort waren bereits viele von unseren Dorfbewohnern, die noch geschafft hatten wegzulaufen, um sich im Wald zu verstecken. So ging es bis zum 14. Oder 15. M\u00e4rz. Am 16. M\u00e4rz 1944 ging eine gro\u00dfe Gruppe deutscher Soldaten auf den Wald zu, so dass keiner es schaffte zu entfliehen. Alle wurden nach Verba getrieben. Es war bereits abends. Am 17. M\u00e4rz kamen viele Fahrzeuge angefahren, wir wurden darauf verladen und in die Stadt Brody gebracht. Auf dem dortigen Bahnhof standen Waggons bereit und wir wurden damit in die Stadt Przemysl gebracht. In Przemysl trafen wir viele Bekannte und Mitbewohner aus unserem Dorf; es waren diejenigen, denen es nicht gelungen war zu entliehen. Jeder bekam 200 g Brot und eine Sch\u00f6pfkelle einer Br\u00fche, man munkelte, es war Schleimsuppe mit St\u00e4rkemehl. In Przemysl verweilten wir zwei Wochen, danach wurden wir wieder zum Bahnhof gebracht, in Waggons verladen und es ging angeblich in Richtung Krakow los. Am n\u00e4chsten Mittag blieb der Zug stehen. Wir durften nach drau\u00dfen, um unseren Durst zu stillen. Wir sahen einen kleinen Fluss, der von Maschinenpistolensch\u00fctzen umzingelt war. Unsere Menschen dachten, so wenig Wasser reicht doch nicht f\u00fcr alle. Die M\u00e4nner begaben sich zu leeren Waggons, in denen vorher andere Gefangene waren, und fanden dort Hobelsp\u00e4ne. Mit den Hobelsp\u00e4nen wurde dann der Fu\u00dfboden in unseren Waggons bedeckt, damit wir bequemer sitzen und schlafen konnten. Innerhalb von 2 bis 3 Stunden waren die Hobelsp\u00e4ne dann durch L\u00f6cher im Fu\u00dfboden herausgerieselt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen wurden wir in die Stadt Breslau gebracht. Wir sahen einen gro\u00dfen Bereich, der mit einem Drahtzaun und Wacht\u00fcrmen eingeschlossen war. Auf den Wacht\u00fcrmen stand die Bewachung und in dem umz\u00e4unten Bereich liefen Wachhunde herum. Das Lager war in drei Bereiche unterteilt: 1 (Quarant\u00e4ne), 2 (Gesunde Menschen) und 3 (Typhus- und Tuberkulosekranke). Neu eingetroffene Menschen wurden zun\u00e4chst in die Quarant\u00e4ne getrieben. Jeder Gefangene musste seine Kleidung b\u00fcndeln, die B\u00fcndel kamen in die Reinigungskammern zur Reinigung von Dreck und Ungeziefer. Alle, M\u00e4nner wie Frauen, wurden kahlgeschoren und bestimmte K\u00f6rperteile mit irgendeiner Fl\u00fcssigkeiten behandelt. Dann ging es in den Waschraum und dann konnte man seine gereinigte Kleidung abholen. Nach dem Waschen wurden wir sortiert \u2013 schwache Menschen kamen gleich in den Bereich f\u00fcr Typhus- und Tuberkulosekranke, gesunde Menschen kamen in den Bereich f\u00fcr Gesunde und wurden mit speziellen farbigen Kennmarken gekennzeichnet:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\" type=\"1\"><li>Gr\u00fcn stand f\u00fcr Feldarbeiten bei Bauern<\/li><li>Schwarz bedeutete Bergwerksarbeiten<\/li><li>Blau hie\u00df Fabriken und Werke<\/li><li>Unsere Familie bekam braune Kennmarken, die f\u00fcr Arbeiten in einer Ziegelei standen.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Jeden Morgen mussten wir antreten. Auf uns kamen dann die \u201eKunden\u201c zu und w\u00e4hlten f\u00fcr sich geeignete Arbeitskr\u00e4fte aus. Unsere f\u00fcnfk\u00f6pfige Familie landete in einer Ziegelei in der Stadt Strelin [Strehlen Niederschlesien?] Sie befand sich in einer Entfernung von 1 bis 2 km in Richtung des Dorfes Kuschlau.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Lager herrschte folgende Tagesordnung: Zum Fr\u00fchst\u00fcck gab es 100 g Brot und einen Becher Tee ohne Zucker; zum Mittagessen bekam jeder 200 g Brot und eine Sch\u00f6pfkelle Kohlr\u00fcbensuppe ohne Kartoffeln; zum Abendbrot gab es 1 l Kaffee ohne Brot und Zucker. Das Lager hie\u00df \u201eBruckweit\u201c, warum, wei\u00df ich nicht, vielleicht, weil es dort nur diese Suppe aus Kohlr\u00fcben gab [Kohlr\u00fcbe hei\u00dft im Ukrainischen \u201ebrukva\u201c \u2013 d. \u00dcbers.]. Mit Kohl- und Krautr\u00fcben wird in der Ukraine nur noch das Vieh gef\u00fcttert. In diesem Lager blieben wir f\u00fcr 4 (vier) Monate, fast den ganzen Juli. Im August brachte man uns dann zur Ziegelei von Strehlen. An der Ziegelei stand ein kleines Haus. In dem einen Zimmer hat unsere Familie bestehend aus 7 Personen gewohnt, die andere H\u00e4lfte des H\u00e4uschens war von 9 Zwangsarbeitern bewohnt, die ebenfalls in der Ziegelei arbeiteten.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Vater, meine Mutter, meinem Bruder (er war bereits 17) und meinen Schwestern (die j\u00fcngere war 13 und die \u00e4ltere Schwester 15) bekamen Arbeitskleidung. Zwei Wochen lang mussten wir nicht arbeiten, weil wir (zu) kraftlos waren. Mein Vater wog damals 44 kg. Eine \u00e4ltere deutsche Frau kochte f\u00fcr uns zwei Wochen lang ein d\u00fcnnes S\u00fcppchen und brachte es uns in kleineren Portionen 6x t\u00e4glich, damit wir zu Kr\u00e4ften k\u00e4men, weil einer von den 310 Zwangsarbeitern an \u00fcberm\u00e4\u00dfigem Essen angeblich verstorben w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun beschreibe ich kurz, wie es uns arbeitsm\u00e4\u00dfig erging. Sonntag war Ruhetag.<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\" type=\"1\"><li>Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Ziegelwerks war Lipschyb (?), unser Chef und kein schlechter Mensch<\/li><li>Werkmeister war Kinz (Hinz ?), ein sehr guter Mann. Er brachte uns zwei S\u00e4cke Kartoffeln, als wir dort angekommen waren.<\/li><li>Buchhalterin war eine junge Frau, vielleicht 30 J.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Jeden Montag brachte sie von Zuhause Kekse, die so gut schmeckten, f\u00fcr mich und meine j\u00fcngste Schwester.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bete zu Gott, dass er ihnen und ihren Kindern Gesundheit und Gl\u00fcck beschert. Und dass alle Menschen niemals erleben m\u00f6gen, was Unheil und Elend sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit den besten Gr\u00fc\u00dfen an Sie<\/p>\n\n\n\n<p>St.&nbsp; Petro<\/p>\n\n\n\n<p>Bitte entschuldigen Sie und leben Sie wohl.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00dcbersetzung aus dem Ukrainischen: Iryna Berndt<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ukraine, Gebiet Rivne 07.07.2020 Ich, St. Petro Demjanovytsch, wurde am 5. August 1933 im Dorf Samtschysko, Kreis Dubno (Verba), Gebiet Rivne geboren. Ich kann mich noch sehr gut an den Kriegsausbruch erinnern. Es war Sonntag und ein sch\u00f6ner sonniger Tag. 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