{"id":4601,"date":"2022-02-03T15:26:26","date_gmt":"2022-02-03T14:26:26","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=4601"},"modified":"2022-02-03T15:28:56","modified_gmt":"2022-02-03T14:28:56","slug":"elena-grigorjewna-st-freitagsbrief-nr-200","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/elena-grigorjewna-st-freitagsbrief-nr-200\/","title":{"rendered":"Elena Grigorjewna St. \u2013 Freitagsbrief Nr. 200"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Die letzten Zeilen des Briefes beziehen sich auf die humanit\u00e4re Auszahlung durch die deutsche Stiftung &#8220;Erinnerung, Verantwortung und Zukunft&#8221; in den Jahren 2001 bis 2006, die so genannte &#8220;Zwangsarbeiterentsch\u00e4digung&#8221;. Ende der Antragsfrist war im September 2001, das Lager in Minsk wurde als &#8220;andere Haftst\u00e4tte&#8221; anerkannt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Belarus, Gebiet Moiljow<\/strong><br>Januar 2022<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr geehrte Mitarbeiter des Vereins KONTAKTE Gottfried Eberle und Sibylle Suchan-Floss!<\/p>\n\n\n\n<p>Elena Grigorjewna St., geboren 1935, &#8230;, schwerbehindert, schreibt an Sie. Ich antworte auf das Schreiben von KONTAKTE. Ich spreche Ihnen pers\u00f6nlich meine aufrichtige, gro\u00dfe, menschliche DANKBARKEIT aus und w\u00fcnsche IHNEN gute Gesundheit, Ihren Familien &#8211; Erwachsenen und Kindern &#8211; und dem ganzen deutschen Volk &#8211; Gl\u00fcck, Freude, Wohlstand, Frieden und alles Gute! Ihr Geschenk &#8211; 300 Euro habe ich im Dezember erhalten, und Ihr Brief kam am 14.01.22. Ich DANKE Ihnen von ganzer Seele, ganzem Herzen und in meinen Gedanken. Ich w\u00fcnsche mir, dass die Bewohner unserer L\u00e4nder und auch des gesamten Planeten nie Kriege erleben und lange, friedlich und gl\u00fccklich leben werden!<\/p>\n\n\n\n<p>Und nun werde ich kurz ein paar Episoden aus meiner schrecklichen, traurigen Kindheit im Krieg beschreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Deutschen auf neuen Motorr\u00e4dern mit Beiwagen in unserem Dorf B., Gebiet Mogiljow ankamen, jagten sie uns aus dem Haus (dem gro\u00dfen und neuen), nahmen uns die Kuh, den Eber, die H\u00fchner, den Speck, die Eier weg &#8211; alles wurde weggenommen, und wir wurden in den Sumpf hinter dem Garten getrieben. Als mein Vater (ein Kriegsinvalide, dem zwei Rippen herausoperiert worden waren) eine zerrissene Strohmatratze holen wollte, schossen sie auf ihn, aber er brachte uns die Matratze. Und als er sie auf den Boden warf, sahen wir, dass mein Vater grau geworden war. Er starb 1945, meine Mutter und meine Schwester Maria erkrankten an Flecktyphus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erwachsenen wurden gezwungen, Sch\u00fctzengr\u00e4ben auszuheben. Im Garten gab es Kartoffeln, die Erwachsenen gruben sie aus, brieten sie \u00fcber dem Feuer, a\u00dfen sie und tranken Wasser aus der Quelle.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wurden alle Bewohner mit dem Sprachrohr zur Registrierung zusammengerufen und mit Maschinenpistolen und Hunden nach Radutschi, 3,5 km, zu einer gro\u00dfen Holzscheune mit Strohdach getrieben; das Tor wurde aus den Angeln gehoben, Krampen eingeschlagen, unbearbeitete Tannenruten und Benzinkanister herbeigeschafft: Sie wollten am Morgen alle verbrennen. Alle wurden mit Maschinengewehren und Hunden bewacht. Und pl\u00f6tzlich, am Morgen, kommt ein sch\u00f6ner junger Offizier auf einem kr\u00e4ftigen deutschen Pferd, tr\u00e4gt eine Offiziersuniform mit einem Kreuz auf der Brust und sagt mit einem L\u00e4cheln ein Wort: &#8220;Kommando zur\u00fcck!\u201c. Alle (300 Personen) mussten vom Boden aufstehen, und sie wurden mit Maschinenpistolen in das Konzentrationslager in Mogiljow (77 km), in die Versammlungshalle im Erdgeschoss des Bauarbeiterklubs in der Perwomajskaya Stra\u00dfe, getrieben. Es lag Stroh auf dem Boden (<em>die n\u00e4chsten beiden Zeilen sind nicht zu entziffern<\/em>). Die Menschen wurden krank. In der Baracke lagen 600 Menschen auf dem Stroh. Die Erwachsenen wurden an den Dnjepr getrieben, um Sch\u00fctzengr\u00e4ben auszuheben; wir bekamen jeden Tag eine Br\u00fche aus Steckr\u00fcben ohne Salz und ein St\u00fcckchen &#8220;Brot&#8221; mit S\u00e4gesp\u00e4nen, das wir essen mussten; es kratzte im Mund, aber wir schafften es, es im Mund zu behalten und unbemerkt auszuspucken.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kamen acht Autos und sortierten die Leute nicht nach Familien, sondern nach Kategorien. Die ersten, die weggebracht wurden, waren M\u00e4nner, dann Jugendliche, dann Kinder, dann Frauen und schlie\u00dflich die Kranken und Alten. Alle Autos fuhren in unterschiedliche Richtungen (je nach Ziel).<\/p>\n\n\n\n<p>P.S. Wir erkrankten an Flecktyphus und wurden in ein Quarant\u00e4nehaus geschickt. Zwei Tage lang bekamen wir kein Essen und kein Wasser, und am Morgen sollten wir erschossen werden: 2 Maschinengewehrsch\u00fctzen standen auf der Veranda. Es war ein Wunder, dass wir gerettet wurden! Wir sa\u00dfen noch zwei Tage lang hungrig in dem dunklen Keller, und als sie die Wachen abriefen, lie\u00dfen sie uns heraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir waren: meine Mutter, meine Schwester Maria, ich und mein Bruder Wiktor. Meine Mutter ging mit uns zu den Leuten, um wenigstens eine Brotkruste zu erbetteln. Da sie der deutschen Sprache nicht m\u00e4chtig war und die Namensschilder an den Geb\u00e4uden nicht lesen konnte, ging sie in die deutsche Kommandantur und lie\u00df mich in der N\u00e4he eines Pumpbrunnens an einer Eisrutsche zur\u00fcck. Ich kletterte die Eisrutsche hinauf und hielt mich am Brunnenschwengel fest. Meine Mutter bekam dort nichts, und eine sch\u00f6ne gro\u00dfe Frau in einem schwarzen Kleid stie\u00df sie die Treppe hinunter (ungef\u00e4hr 10 Stufen). Mutter rutschte die Treppe hinunter, und die Frau \u00f6ffnete das Fenster und hetzte einen Sch\u00e4ferhund auf mich. Der kam mit ein paar Spr\u00fcngen auf mich zu. Ich lag auf dem R\u00fccken, und auf das Kommando &#8220;Fass!&#8221; fing er an am Knoten meines Kopftuchs zu zerren. Meine Mutter rannte um mich herum, schrie und fuchtelte mit den Armen, aber sie konnte mich nicht wegziehen. Und die Frau kommandierte: &#8220;Fass!&#8221; &#8211; Sie wollte, dass der Hund mich vor den Augen meiner Mutter zerfleischt. Da kam eine Frau mit zwei Eimern an einem Joch angerannt und fing an, den Hund zu schlagen. Meine Mutter schaffte es, mich zu packen und hinter eine Scheune zu fliehen, und die Besitzerin des Hundes schoss auf die Frau, die zu Boden fiel. Ich kenne ihr Schicksal nicht, aber sie hat mir das Leben gerettet!<\/p>\n\n\n\n<p>Und unser erstes Haus wurde w\u00e4hrend des R\u00fcckzugs bis auf die Grundmauern niedergebrannt, wie fast das ganze Dorf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber die Tatsache, dass wir im Konzentrationslager in Mogiljow waren, konnte meine Schwester Kaschitza \/ unleserlich(?) \/ Tsch. Marija Grigojewna, die bei ihrer Tochter Swetlana Trofimowna in Grodno lebte, noch rechtzeitig schreiben (sie hatte ihre Mutter zu sich genommen, weil diese erblindet war), und man schickte ihr 800 Euro. Sie lebt jetzt nicht mehr, aber sie schrieb meinem Bruder Wiktor und mir, wir sollten auch nach Minsk schreiben. Man antwortete uns: &#8220;Die Fakten wurden best\u00e4tigt, aber Sie haben die Frist nicht eingehalten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>[&#8230;]<\/p>\n\n\n\n<p>Eine stabile Gesundheit, Freude, Gl\u00fcck und alles, alles Gute Ihnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bobrujsk, Elena Grigor&#8217;ewna St.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00dcbersetzung: Karin Ruppelt und Igor Makarow<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die letzten Zeilen des Briefes beziehen sich auf die humanit\u00e4re Auszahlung durch die deutsche Stiftung &#8220;Erinnerung, Verantwortung und Zukunft&#8221; in den Jahren 2001 bis 2006, die so genannte &#8220;Zwangsarbeiterentsch\u00e4digung&#8221;. Ende der Antragsfrist war im September 2001, das Lager in Minsk wurde als &#8220;andere Haftst\u00e4tte&#8221; anerkannt. 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