{"id":4594,"date":"2022-01-27T11:08:34","date_gmt":"2022-01-27T10:08:34","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=4594"},"modified":"2022-01-27T11:08:36","modified_gmt":"2022-01-27T10:08:36","slug":"ganna-pawliwna-k-freitagsbrief-nr-198","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/ganna-pawliwna-k-freitagsbrief-nr-198\/","title":{"rendered":"Ganna Pawliwna K. \u2013 Freitagsbrief Nr. 198"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Radomyshl, Ukraine<\/strong><br><strong>Dezember 2021<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Krieg gab es in Radomyshl Kolonien, in denen Juden, Polen, Deutsche usw. lebten. In einer deutschen Familie lebten mein Urgro\u00dfvater und meine Urgro\u00dfmutter, die den Nachnamen Mut trugen. Der Sohn Ferdinand dieser Familie war mein Gro\u00dfvater. Mein Gro\u00dfvater Ferdinand heiratete meine Gro\u00dfmutter Eugenia, eine Ukrainerin. Sie hatten eine gro\u00dfe Familie, acht Kinder. Mein Vater war der dritte Sohn und hie\u00df Pavel. Da meine Mutter Ukrainerin war, brachte sie den Kindern die ukrainische Sprache bei. Vater ging nicht zur Schule, er konnte weder Deutsch noch Ukrainisch lesen und schreiben. Der Nachname Mut bedeutete jedoch, dass er deutscher Abstammung war. So heiratete also mein Vater meine Mutter, ebenfalls eine Ukrainerin.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Krieg begann, hatten sie vier Kinder, und meine Mutter war schwanger. Eine Tochter war 9 Jahre alt, eine andere 6 Jahre, die dritte 4 und ich war 1 Jahr. Die Deutschen eroberten Radomyshl, ich wei\u00df nicht genau, in welchem Monat, im Jahr 1943. Wie lange sie in Radomyshl waren, wei\u00df nicht, ich kann niemanden fragen. Mein Vater, meine Mutter, meine \u00e4ltere Schwester, meine dritte Schwester und mein Bruder sind bereits gestorben.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere H\u00fctte lag in der N\u00e4he des Waldes, also stellten die Deutschen das gesamte Kriegsger\u00e4t in unseren Hof. In der N\u00e4he befand sich auch eine H\u00fctte, in der ein Ehepaar lebte, das keine Kinder hatte, und in der alle Deutschen wohnten. Als die Deutschen 1943, im November, auf dem R\u00fcckzug waren, wurden wir alle auf Pferdewagen verladen, und die Erwachsenen gingen zu Fu\u00df. Deutsche Soldaten begleiteten sie auf Pferden am Stra\u00dfenrand und am Ende. Am Himmel flogen Flugzeuge und brummten f\u00fcrchterlich, alle Kinder weinten sehr.<\/p>\n\n\n\n<p>In Zhitomir wurden wir auf einen G\u00fcterzug verladen. In einen Waggon Frauen, Kinder und M\u00e4nner, in einen anderen Waggon M\u00e4nner und Pferde. Unser Vater war auch dabei. Und so wurden wir sehr lange durch die Tschechoslowakei gefahren, in ein Lager, dann in ein anderes &#8211; ihre Namen und die Namen der St\u00e4dte kannte ich nicht. Das dritte Lager befand sich in der Stadt Walkstub. (???). Auf dem Weg nach Waldshut bekam Mutter 1944 ihr Baby, einen Jungen. Meine Mutter arbeitete die ganze Zeit in verschiedenen Berufen, und die \u00e4lteste Tochter k\u00fcmmerte sich um die Kinder. Und w\u00e4hrend der ganzen Zeit, in der wir im Lager Waldstub waren, musste mein Vater f\u00fcr die Besitzer mit den Pferden arbeiten. Wir sahen ihn nicht wieder und wussten nicht, wo er war. Im April 1945 befreiten amerikanische Soldaten die Stadt Walkstub. Die deutschen Soldaten trieben uns alle, die im Lager waren, in einen gro\u00dfen Keller, der wie ein Luftschutzkeller aussah, und schlossen uns ein. Die amerikanischen Soldaten \u00f6ffneten die Schl\u00f6sser und lie\u00dfen uns alle heraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wurden wir wieder in einen G\u00fcterzug gesetzt und schubweise in die Ukraine transportiert. Da meine Mutter f\u00fcnf Kinder hatte, wurden wir als letzte geschickt. Als wir in der Ukraine ankamen, waren die Kirschen reif. Vater war bereits zu Hause. Aber nach ein paar Monaten kamen Leute vom NKWD zu uns nach Hause und sagten, dass wir uns f\u00fcr 10 Jahre Verbannung auf den Weg nach Sibirien machen m\u00fcssten, denn wir seien Volksfeinde, weil wir in Deutschland waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder verluden sie uns in einen G\u00fcterzug, es dauerte lange, und es war sehr kalt. Wir wurden nach Nowosibirsk gebracht, in den Bezirk Kotshenevsky, in das Dorf Barmashovo, das etwa 15-20 km vom Bezirkszentrum entfernt war. Als wir ankamen, waren die Baracken schon voll, wir konnten nirgendwo untergebracht werden, und der Boden war bereits gefroren. Wir wurden bei Leuten untergebracht, die nur einen Sohn hatten. So \u00fcberstanden wir den Frost. Wir sa\u00dfen tags\u00fcber auf unseren Sachen und schliefen nachts auf ihnen auf dem Boden. Sobald der Schnee schmolz, gruben mein Vater und meine Mutter eine 2 mal 3 Meter gro\u00dfe Erdh\u00fctte aus. Sie stellten eine Schlafbank auf, auf der wir alle schliefen, einen Herd, um Essen zu kochen, einen kleinen Tisch, an dem wir a\u00dfen, und einen Eimer mit Wasser. Der Ofen wurde mit Schilf beheizt. Es gab keinen Wald in der N\u00e4he, der Wald war 100 km entfernt. Als der Schnee schmolz, stand das Wasser unter der Schlafbank. Wir sch\u00f6pften das Wasser und trugen es nach drau\u00dfen. Im Winter waren alle Erdh\u00fctten mit Schnee bedeckt, die Nachbarn gruben sich gegenseitig aus. Wir lebten also f\u00fcnf Jahre lang in der Erdh\u00fctte. Das Fenster hatte kein Glas, stattdessen hatte mein Vater eine Rinderblase auf einen Holzrahmen gezogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 1950 wurde im Dorf ein kleines Haus gebaut. Auf der einen Seite befand sich ein Laden, die andere H\u00e4lfte wurde uns zur Verf\u00fcgung gestellt. Wir hatten jetzt einen Boden und Fenster mit Glas, ein Bett und einen Ofen, und es gab eine Wiege, die an der Decke befestigt war \u2013 darin wurden die kleinen Kinder geschaukelt, w\u00e4hrend alle Erwachsenen wieder auf dem Boden schliefen. Er war aber jetzt aus Holz und mit Stroh und mit allerlei alten Sachen bedeckt. In dem Dorf gab es keine einzige Krankenschwester. Und es gab einen Befehl von oben &#8211; Abtreibungen waren nicht erlaubt. Innerhalb von 10 Jahren wurden vier weitere Kinder geboren. Die Familie bestand aus neun Kindern, Mutter und Vater, insgesamt 11 Personen. Der Vater, die Mutter und die \u00e4ltere Schwester arbeiteten an verschiedenen Stellen. F\u00fcr die Kinder wurde ein wenig Geld gezahlt. So haben wir gelebt. Jeden Monat wurden wir vom NKWD \u00fcberpr\u00fcft und Mutter, Vater und die \u00e4ltere Schwester mussten unterschreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Siedlung 10 Jahre alt war, durften wir nach Hause zur\u00fcckkehren, aber keine eigene H\u00fctte verlangen. Am 8. M\u00e4rz 1956 kamen wir in unserer Heimatstadt Radomyshl an. W\u00e4hrend unserer Abwesenheit war unsere H\u00fctte verkauft worden. Wir wohnten einen Monat lang bei der Schwester meines Vaters. Dann begannen wir, aus Holz und Lehm eine provisorische Unterkunft zu bauen. Und wieder schliefen wir auf dem Boden auf Heu und Stroh.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine \u00e4ltere Schwester hatte geheiratet und blieb in Sibirien. In Radomyshl gab es eine Kolchose, in der mein Vater als Hilfsarbeiter besch\u00e4ftigt war. Meine zweite und dritte Schwester gingen als Melkerin und Schweinemagd arbeiten. Ich schloss die Schule mit der siebten Klasse ab und ging auch als Melkerin arbeiten. Ein Jahr sp\u00e4ter heirateten meine Schwestern Mein Bruder ging zur Armee, meine beiden j\u00fcngeren Schwestern und zwei Br\u00fcder gingen zur Schule.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wurden immer verfolgt, weil wir Verr\u00e4ter waren und einen deutschen Nachnamen trugen; es war schwierig, eine gute Arbeit zu bekommen. Aber als wir eine Bescheinigung als Kriegsveteranen erhielten, f\u00fchlten wir uns erleichtert. Und die Leute begannen uns mit Respekt zu behandeln. Jetzt sind wir noch zu zweit von den f\u00fcnf Kindern, die in Deutschland waren: meine zweite Schwester Zina und ich, Anna. Zinaida wurde als Kriegsversehrte anerkannt. Ich habe es nicht mehr geschafft, weil ein neues Gesetz den Titel &#8220;Kriegsversehrter&#8221; abschaffte. Als Kriegsveteranin erhalte ich einen Aufschlag auf das Gehalt. Ich war doch ein Kind!!!?&nbsp; Im Jahr 2020 betrug meine Rente 2700 Griwna.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wurde schwerh\u00f6rig. Ich erhielt einen Brief mit der Adresse der NRO &#8220;Gegenseitiges Verst\u00e4ndnis und Toleranz&#8221;. Ich habe darum gebeten, mir ein H\u00f6rger\u00e4t zu schicken. Im Jahr 2021 habe ich um Binden und ein Blutdruckmessger\u00e4t gebeten. Ich bin sehr, sehr dankbar daf\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>Und meine zweite Schwester Zinaida bekam einen Rollstuhl. Ich wei\u00df nicht, wie ich Ihnen danken soll. Ein gro\u00dfes, gro\u00dfes Dankesch\u00f6n an alle, die Geld spenden und an diesem Programm mitarbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Ukraine gibt es keine Arbeitspl\u00e4tze, unsere Ukrainer gehen dorthin, wo sie einen Job finden. Jetzt arbeiten unsere Neffen als Fahrer, unsere Nichten gehen ins Ausland. Und sie fahren durch ganz Europa: Polen, Deutschland, Schweden, alle L\u00e4nder. Unsere Nichte betreut \u00e4ltere Menschen in Deutschland. Und die Tochter des Bruders, die auf dem Weg nach Deutschland geboren wurde, hat einen Deutschen geheiratet und eine Tochter bekommen. So dreht sich die Erde.<\/p>\n\n\n\n<p>Entschuldigen Sie, dass ich lange nicht geantwortet habe. Der Brief lag lange im Briefkasten. Wir haben ihn im Oktober abgeholt, die Adresse des Absenders war vom Regen verschmiert, also schicke ich\u00a0den Brief an den Stempel auf dem Brief.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir w\u00fcnschen Ihnen allen gute Gesundheit und alles Gute.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Mutter betete zu Gott, dass wir alle lebendig und gesund aus Deutschland und Sibirien zur\u00fcckkommen w\u00fcrden. &#8220;Gott sei Dank.&#8221;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00dcbersetzung Karin Ruppelt und Igor Makarow<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Radomyshl, UkraineDezember 2021 Vor dem Krieg gab es in Radomyshl Kolonien, in denen Juden, Polen, Deutsche usw. lebten. In einer deutschen Familie lebten mein Urgro\u00dfvater und meine Urgro\u00dfmutter, die den Nachnamen Mut trugen. Der Sohn Ferdinand dieser Familie war mein Gro\u00dfvater. Mein Gro\u00dfvater Ferdinand heiratete meine Gro\u00dfmutter Eugenia, eine Ukrainerin. Sie hatten eine gro\u00dfe Familie,&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_coblocks_attr":"","_coblocks_dimensions":"","_coblocks_responsive_height":"","_coblocks_accordion_ie_support":"","_uag_custom_page_level_css":"","footnotes":""},"categories":[28],"tags":[],"class_list":["post-4594","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-briefe-ehemaliger-minderjaehrigen-haeftlinge"],"translation":{"provider":"WPGlobus","version":"3.0.2","language":"ru","enabled_languages":["de","ru"],"languages":{"de":{"title":true,"content":true,"excerpt":false},"ru":{"title":false,"content":false,"excerpt":false}}},"uagb_featured_image_src":{"full":false,"thumbnail":false,"medium":false,"medium_large":false,"large":false,"1536x1536":false,"2048x2048":false,"post-thumbnail":false,"graphy-post-thumbnail-large":false,"graphy-post-thumbnail-medium":false,"graphy-post-thumbnail-small":false,"graphy-page-thumbnail":false},"uagb_author_info":{"display_name":"KS","author_link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/author\/kntktbrln999\/"},"uagb_comment_info":0,"uagb_excerpt":"Radomyshl, UkraineDezember 2021 Vor dem Krieg gab es in Radomyshl Kolonien, in denen Juden, Polen, Deutsche usw. lebten. In einer deutschen Familie lebten mein Urgro\u00dfvater und meine Urgro\u00dfmutter, die den Nachnamen Mut trugen. Der Sohn Ferdinand dieser Familie war mein Gro\u00dfvater. Mein Gro\u00dfvater Ferdinand heiratete meine Gro\u00dfmutter Eugenia, eine Ukrainerin. Sie hatten eine gro\u00dfe Familie,...","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4594","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4594"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4594\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4595,"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4594\/revisions\/4595"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4594"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4594"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4594"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}