{"id":4571,"date":"2022-01-06T15:13:16","date_gmt":"2022-01-06T14:13:16","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=4571"},"modified":"2022-01-13T18:08:13","modified_gmt":"2022-01-13T17:08:13","slug":"soja-konstantinowna-m-freitagsbrief-nr-197","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/soja-konstantinowna-m-freitagsbrief-nr-197\/","title":{"rendered":"Soja Konstantinowna M. \u2013 Freitagsbrief Nr. 197 (Teil 1)"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Mogiljow, Belarus<\/strong><br><strong>November 2021<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Guten Tag, ihr unbekannten, aber geachteten und seelenverwandten Einwohner Deutschlands!<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Hochachtung vor Ihnen, Soja Konstantinowna aus der Stadt Mogiljow.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich freue mich sehr, dass Sie mit uns mitf\u00fchlen und uns verstehen k\u00f6nnen, und ich danke Ihnen daf\u00fcr, dass Sie unseren Schmerz teilen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielen Dank f\u00fcr die finanzielle Unterst\u00fctzung. Ich habe 300 Euro erhalten. Ich bin Ihnen dankbar, aber die Beantwortung der Fragen nimmt einige Zeit in Anspruch. Ich entschuldige mich daf\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nun zu mir und dem, woran ich mich erinnere: vor dem Krieg, w\u00e4hrend des Krieges und nach dem Krieg.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Krieg lebten wir in einem Dorf im Kreis Tschauskyj, Dorf Ostrowy, Siedlung Krasnojarok. Vor dem Krieg bestand unsere Familie aus sechs Personen: Vater, Mutter (1909), Schwester (1931) und zwei Br\u00fcder (1933 und 1937) und ich (1939), und die Gro\u00dfmutter lebte bei uns \u2013 Vaters Mutter. Wir lebten gut: Kuh, Pferd, Schafe, Schweine, verschiedene Gefl\u00fcgelarten, Bienen (Honig), Banja. Meine Mutter hatte f\u00fcnf Br\u00fcder, sie war die J\u00fcngste.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle gingen an die Front: Papa, die Br\u00fcder und vier Neffen &#8211; die S\u00f6hne der Br\u00fcder, sehr jung. Alle sind vermisst. Und auch alle Verwandten, die uns nahestanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Deutschland hat uns heimt\u00fcckisch und unerwartet \u00fcberfallen. Wenige Tage vor dem Krieg hatten Deutschland und die Sowjetunion einen Friedensvertrag geschlossen, dass sie niemals Feinde werden w\u00fcrden, und wir waren nicht darauf vorbereitet, in den Krieg zu ziehen. Aber wir wurden um 4 Uhr morgens (22. Juni) angegriffen, als alle friedlich schliefen. Sie begannen, schlafende St\u00e4dte und Flugpl\u00e4tze zu bombardiere. Alle dachten, es handele sich um eine Art Fehler. Die Kommunikation war zerst\u00f6rt. Unsere Armee schlug erst um 6 Uhr morgens zur\u00fcck. In dieser Zeit waren schon Tausende von unschuldigen Menschen gestorben. Und von uns gingen G\u00fcterz\u00fcge mit Getreide nach Deutschland. Sie brachten Korn nach Deutschland. Aber als unsere Armee zu sich kam und auch die Flugzeuge, die noch abheben konnten, schonten sich die Piloten nicht, wie Rammb\u00f6cke flogen sie in den sicheren Tod, ohne ihr Leben zu schonen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erinnere mich, wie deutsche Motorr\u00e4der in unser Dorf kamen &#8211; es war ein Horror. Zun\u00e4chst t\u00f6ten sie die Bewohner nicht. Ich erinnere mich nur daran, dass sie ins Haus kamen und alle Lebensmittel mitnahmen: Milch, Eier. Unser Haus lag am Stadtrand, in der N\u00e4he gab es eine Wiese. Da liefen viele G\u00e4nse herum, unsere und die der anderen Bewohner. Die Deutschen fingen sie ein, rissen ihnen die K\u00f6pfe ab, ich erinnere mich, wie sie noch ohne Kopf krampfhaft herumflatterten. Die ganze Wiese war voll von G\u00e4nsek\u00f6pfen, wie mit G\u00e4nsebl\u00fcmchen. Das alles steht mir bis heute vor Augen. Dann kamen deutsche Flugzeuge angeflogen. Wir rannten aus dem Haus und versteckten uns, wo immer wir konnten. Alle Dorfbewohner gruben Bunker m\u00f6glichst weit von den H\u00e4usern entfernt und versteckten sich dort. Eines Tages schafften meine Mutter und ich es nicht mehr rechtzeitig in den Bunker, und ein Flugzeug warf eine Bombe in der N\u00e4he unseres Hauses ab. Das Haus war unversehrt und wir wurden nicht getroffen, aber die Kuh, die im Stallverschlag auf dem Hof stand, stellte sich vor Schreck und Angst kerzengerade auf die Hinterbeine und br\u00fcllte wild. Vor Angst hat sie sogar die ganze Wand vollgeschissen. Das alles habe ich in Erinnerung. Das Bombenloch ist immer noch da, aber es wohnt niemand mehr dort.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach gingen wir tags\u00fcber in den Wald und abends nach Hause. Im Wald gruben wir Bunker und versteckten uns dort. Wer konnte, schloss sich den Partisanen an. So lebten wir eine gewisse Zeit; die Deutschen kamen vorbei, aber sie r\u00fchrten uns nicht an. Der Neffe meiner Mutter, der Sohn ihres Bruders, der noch sehr jung war, schloss sich den Partisanen an. Ich erinnere mich, dass nachts die Partisanen zu uns kamen, wie ich jetzt wei\u00df. Ich erinnere mich daran, dass meine Mutter gusseiserne 15- und 10-Liter-Kasserollen holte, das wei\u00df ich noch. Sie buk Brot. Es blieb mir als sehr gef\u00e4hrlich in Erinnerung. Damals hatten wir noch Vieh, die Deutschen haben es uns nicht weggenommen. Ich wei\u00df nicht, welches Jahr das war (43 ?).<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kam mein Vater, Konstantin, nach Hause. Er war gefangengenommen worden. Ich wei\u00df nicht, wie lange er inhaftiert war. Ich habe nie gefragt &#8211; furchtbar. Nur meine Mutter sagte, dass er so d\u00fcnn war, dass sie ihn nicht sofort erkannte. Er war irgendwie aus der Gefangenschaft entkommen. In Gefangenschaft hatten sie Kartoffelkraut gegessen. Seine Speiser\u00f6hre war so ausgetrocknet, dass er kaum einen L\u00f6ffel Br\u00fche hinunterschlucken konnte.&nbsp; Mutter heilte ihn mit gro\u00dfer M\u00fche. Damals wurde im Dorf Kopani im Bezirk Tschauskyj eins unserer Flugzeuge abgeschossen, aber der Pilot \u00fcberlebte, obwohl er v\u00f6llig verbrannt war. Er landete in unserem Wald. Wie mein Vater ihn gefunden hat, wei\u00df ich nicht. Aber er entschloss sich zusammen mit meiner Mutter, Evdokia, so hie\u00df sie, ihn zu retten. Wir konnten ihn nicht mit nach Hause nehmen. Mein Vater zog zwei junge, zuverl\u00e4ssige M\u00e4nner ins Vertrauen, (selbst ihre Eltern wussten es nicht), es war gef\u00e4hrlich. Sie gruben einen Bunker im Wald und deckten ihn mit Baumst\u00e4mmen ab, denn es war f\u00fcr lange Zeit. Der Pilot hatte schwerste Verbrennungen erlitten. Es war ungef\u00e4hr im Jahr 42 oder 43. Ich wei\u00df es nicht genau. Er wurde von meinem Vater und meiner Mutter von Fr\u00fchling bis Herbst gesund gepflegt. Ich wei\u00df nicht, wie viele Monate, meine Mutter versuchte mehrmals, es mir zu erz\u00e4hlen, aber ich habe sie davon abgehalten &#8211; es ist doch schwer, sich daran zu erinnern &#8211; und jetzt bereue ich es. Vater ging jeden zweiten Tag zu ihm in den Wald, brachte ihm Essen und gab ihm Kleidung. Zur Tarnung nahm er einen Strick mit, wie zum Holz holen, und zog weite Kleider an, um alles zu verstecken. Dass das Pferd auf dem Hof blieb, war allerdings verd\u00e4chtig. Er brachte eitrige Verb\u00e4nde nach Hause mit, sagte meine Mutter. Mama wusch sie. Aus Birkenholz, Asche, Lauge machte sie Seife und legte sie zum Sterilisieren in den Ofen. All dies tat sie so, dass niemand, nicht einmal die Kinder, es sehen konnte. Ein Kalb wurde extra geschlachtet, nur f\u00fcr den Piloten. Meine Mutter sagte, dass er Fleisch brauche, aber wir Kinder bekamen kein Fleisch, wir durften es nicht essen, also wussten wir nichts davon. Die Beine und der Kopf wurden vergraben, damit niemand etwas merkte. So gro\u00df war die Angst. Meine Mutter hat es nie jemandem erz\u00e4hlt, auch nicht nach dem Krieg. Sie war nicht einmal der Meinung, dass sie und mein Vater eine Heldentat vollbracht hatten, wie ich das heute sehe. Der Pilot \u00fcberlebte und beschloss, die Frontlinie zu \u00fcberqueren und zu seiner Truppe an die Front zu gehen. Aber dann \u00e4nderte der Pilot seine Meinung und sagte, dass er allein gehen w\u00fcrde, denn als Gruppe war es gef\u00e4hrlich, weil die Jungs, die beim Ausheben des Bunkers geholfen hatten, beschlossen, auch zu gehen. Papa gab ihm seine eigene Kleidung und er ging. Papa und die Jungs machten sich am n\u00e4chsten Tag auf den Weg, aber an diesem Tag gab es eine Razzia in den W\u00e4ldern, &#8211; und sie wurden im Fr\u00fchjahr tot im Wald aufgefunden. Vorher hatte es keine Gelegenheit gegeben, nach ihnen zu suchen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00dcbersetzung Karin Ruppelt und Igor Makarov<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/soja-konstantinowna-m-freitagsbrief-nr-197-teil-2\/\">Teil 2<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mogiljow, BelarusNovember 2021 Guten Tag, ihr unbekannten, aber geachteten und seelenverwandten Einwohner Deutschlands! Mit Hochachtung vor Ihnen, Soja Konstantinowna aus der Stadt Mogiljow. Ich freue mich sehr, dass Sie mit uns mitf\u00fchlen und uns verstehen k\u00f6nnen, und ich danke Ihnen daf\u00fcr, dass Sie unseren Schmerz teilen. Vielen Dank f\u00fcr die finanzielle Unterst\u00fctzung. 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