{"id":4554,"date":"2021-12-10T16:40:29","date_gmt":"2021-12-10T15:40:29","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=4554"},"modified":"2021-12-10T16:40:32","modified_gmt":"2021-12-10T15:40:32","slug":"walentina-aleksejewna-r-freitagsbrief-nr-195","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/walentina-aleksejewna-r-freitagsbrief-nr-195\/","title":{"rendered":"Walentina Aleksejewna R. \u2013 Freitagsbrief Nr. 195"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Dieser Brief ist der Bericht der inzwischen verstorbenen \u00e4lteren Schwester von Antonina R. (<a href=\"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/antonina-oleksejiwna-r-teil-1-freitagsbrief-nr-194\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">194. Neuer Freitagsbrief<\/a>), den sie f\u00fcr einen Sammelband der Organisation der minderj\u00e4hrigen Gefangenen des Faschismus verfasste, der aber offensichtlich nie ver\u00f6ffentlicht wurde.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ukraine, Dnipro<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>M\u00f6ge dieser Bericht meiner Schwester, Walentina Aleksejewna R., zum Gedenken daran dienen, wozu der Totalitarismus im fanatischen Streben nach der Weltherrschaft f\u00e4hig ist.<em>\u00a0<\/em><br><em>Antonina R., ehemalige minderj\u00e4hrige Gefangene des Faschismus<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wir haben durchgehalten!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Unsere gro\u00dfe, eintr\u00e4chtige Familie wohnte vor Kriegsbeginn in der Stadt Dnepropetrowsk (jetzt Dnipro) in der Arbeitersiedlung Neu-Klotschko.<\/p>\n\n\n\n<p>Unser Vater, Aleksej Ignat\u2019jewitsch R., arbeitete im Kirow Waggon-Wartungsbetrieb; unsere Mutter, Warwara Stepanowna R., zog die Kinder gro\u00df. Zu Beginn des Krieges waren wir vier. Das sind wir Geschwister: Boris, geb., 1928, Walentina, geb. 1934, Nina, geb. 1937, Anatolij, geb. 1940.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Krieg begann. Unser Vater wurde als Eisenbahner nicht an die Front eingezogen. Vor der Besetzung der Stadt D. wurde der Betrieb evakuiert. Das Geld, das zur Evakuierung der Familie zur Verf\u00fcgung gestellt wurde, h\u00e4tte nur f\u00fcr die Strecke bis zu der eine Stunde Fahrt entfernten Stadt Sinel\u2019nikowo gereicht, deshalb blieb die Familie in der besetzten Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Mai 1943 wurde noch ein Kind geboren \u2013 das M\u00e4dchen Tonya. Das Schicksal unserer Familie war sehr bitter. Es war sehr schwierig, auf dem zeitweise besetzten Gebiet zu \u00fcberleben.<\/p>\n\n\n\n<p>Als im September 1943 unsere Streitkr\u00e4fte den Kampf f\u00fcr die Befreiung unseres Gebiets aufnahmen, w\u00fcteten die Faschisten wie die Berserker. Die ganze m\u00e4nnliche Bev\u00f6lkerung des Dorfes wurde gewaltsam in die Sklaverei verschleppt.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesen Strudel der Ereignisse gerieten unser Vater und mein Bruder Boris als 15-j\u00e4hriger Heranwachsender. Als die Gestapo ins Haus kam, nahmen sie den Vater und Boris mit. Aber unsere Mutter brachte das Unm\u00f6gliche fertig \u2013 unseren Bruder den Faschisten zu entrei\u00dfen. Er war d\u00fcnn und klein, deshalb gab der Faschist der Bitte unserer verzweifelten Mutter nach und kickte Boris mit einem Fu\u00dftritt in den Hintern aus der Kolonne der Zwangsarbeiter hinaus. An diese Szene erinnerte er sich oft.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Vater wurde zuerst ins Gef\u00e4ngnis geworfen und dann zusammen mit anderen Dorfbewohnern nach Deutschland verschleppt. Er befand sich in einem der Berliner Lager und arbeitete bei der Eisenbahn. Seine Arbeit war schwer. Essen gab es einmal am Tag, morgens Tee, und um 6 Uhr abends Kohlr\u00fcbensuppe und 200 Gramm sogenanntes Brot. Nach der Befreiung durch die Rote Armee am 25. April 1945 nahm er an den Kampfhandlungen teil und wurde ausgezeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sich im September 1943 die Frontlinie der Stadt D. n\u00e4herte, brannten die Faschisten die H\u00e4user in der Siedlung nieder und jagten die Menschen fort, benutzten sie als lebende Schilde und verschleppten sie in die Sklaverei. In diese f\u00fcrchterliche Kette von Ereignissen geriet auch unsere Familie.<\/p>\n\n\n\n<p>Stellen Sie sich dieses Bild vor: Ein Handkarren mit ein paar Sachen \u2013 die Faschisten hatten keine Zeit gelassen, um etwas zu packen, weil sie die H\u00e4user abbrannten. Unsere Mutter, Warwara Stepanowna, hatte die viermonatige Tonya auf dem Arm, und der dreij\u00e4hrige Tolik wurde mit Fu\u00dflappen an den Wagen angebunden, damit er in seiner Panik nicht weglaufen konnte. Die sechsj\u00e4hrige Nina trug ein B\u00fcndel, ich, die achtj\u00e4hrige Walya auch, und der f\u00fcnfzehnj\u00e4hrige Boris war als \u00c4ltester der Familie Mutters St\u00fctze. Sie zogen den Wagen gemeinsam.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kolonne der Elenden begleitete ein Reiterkonvoi. So bewacht liefen wir 3 Tage bis zur Kriworozhsker Landstra\u00dfe. Wer fliehen wollte, wurde auf der Stelle erschossen. Wir \u00fcbernachteten in der Steppe in Heuhaufen.&nbsp; In den N\u00e4chten fror es Ende September schon leicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Episode hat sich f\u00fcr das ganze Leben ins Ged\u00e4chtnis eingebrannt. Einem Geleitposten fiel die kinderreiche Familie auf, und er \u201ekonfiszierte\u201c f\u00fcr uns auf einem der H\u00f6fe warmes Schmalz mit Fleischst\u00fcckchen. Diese Handlung des Begleitpostens half uns, den Weg zu \u00fcberstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wurden wir in einen G\u00fcterwagen verladen und auf den gef\u00e4hrlichen Weg ins Ungewisse geschickt. Unterwegs passierte alles M\u00f6gliche. Der Kanonenofen setzte den Waggon in Brand und konnte kaum gel\u00f6scht werden mit dem Sand, den wir w\u00e4hrend der Fahrt hereinschaufelten. Es gab keine Toiletten. Stattdessen wurde ein Loch in die Mitte des Waggons gemacht, das als Toilette diente.<\/p>\n\n\n\n<p>An den Haltestellen bem\u00fchten sich Mama und Boris, etwas Essbares herbeizuschaffen, weil die Verpflegung der Sklaven niemanden interessierte. Sie schlichen sich durch die verlassenen Gem\u00fcseg\u00e4rten entlang der Strecke und w\u00e4ren einmal fast zu sp\u00e4t zum Zug gekommen. In der letzten Minute erwischten sie die Stufe des letzten Waggons\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Frau, die die M\u00fchen meiner Mutter beobachtete, sagte zu ihr: \u201eWas schleppst Du ein St\u00fcck Fleisch herum, schmei\u00df es weg!\u201c&nbsp; Sie sprach von der viermonatigen Tonya, die ganz von Skrofelpusteln bedeckt war, weil es keine M\u00f6glichkeit f\u00fcr die richtige Pflege von Babys gab.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Ankunft in \u00d6sterreich wurden wir in einem Lager untergebracht, alle mussten sich ausziehen. So standen wir nackt drei Stunden herum, und dann wurden wir ohne weitere Erkl\u00e4rung in ein Lager bei der Eisenbahn gebracht, in die Stadt Neumarkt nicht weit von Linz. Das Lager war international. Dort befanden sich Zwangsarbeiter aus Russland, der Ukraine, Polen, Italien.<\/p>\n\n\n\n<p>Mama und Boris kamen in das Arbeitskommando bei der Eisenbahn. Sie wechselten Geleise aus, Schwellen, Schienenn\u00e4gel, schleppten schwere Montagewinden: sie arbeiteten extrem hart, bis zum Umfallen.&nbsp; Sie mussten Schotter aus Waggons ausladen und einladen, Schienenn\u00e4gel mit der Spitzhacke einschlagen. Sie wurden gezwungen, auch w\u00e4hrend der Bombenangriffe zu arbeiten. Sie mussten Gleise und Schwellen reparieren, Tr\u00fcmmer wegr\u00e4umen, Bombentrichter zusch\u00fctten. All das leisteten die halbverhungerten Menschen. Sie hatten keine normalen Schuhe und liefen bei jedem Wetter in Holzkl\u00f6tzen herum. Sp\u00e4ter arbeitete Mama im Lager als Putzfrau.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wohnten in Holzbaracken zusammen mit Heerscharen von Ratten und Wanzen. Morgens streiften Mama und Tonja die vollgesogenen Wanzen ab. Statt Betten gab es zweist\u00f6ckige Pritschen. Das Territorium, auf dem die Baracken standen, war von Stacheldraht umz\u00e4unt und wurde von Wachleuten mit Hunden bewacht.&nbsp; F\u00fcr \u00dcbertretungen gab es Einzelhaft. Boris sa\u00df einige Male dort ein, weil er sich bem\u00fchte, seine Arbeit bei der Bahn \u201eschlecht\u201c zu machen \u2013 in der Gefahr, in das nahegelegene Todeslager Mauthausen zu geraten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Essen im Lager war furchtbar, und die kleine Tonya ern\u00e4hrte sich von einem in einen Lappen gewickelten St\u00fcckchen \u201eBrot\u201c oder etwas anderem Essbaren. Und die \u00e4lteren Kinder hungerten. Kann man den Hunger mit einer fettfreien Wassersuppe stillen?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erinnere mich, dass die K\u00fcchenhilfe im sogenannten Speisesaal w\u00e4hrend des Essens f\u00fcr die Kinder jedem mit \u201ceins\u201c Suppe in die Schale goss und mit \u201ezwei\u201c den L\u00f6ffel auf den Kopf schlug.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der langersehnten Befreiung Anfang Mai durch die sowjetische Armee gerieten wir gleich in ein \u201eFiltrationslager\u201c, wo ein strenger milit\u00e4rischer Drill herrschte bei den Befragungen durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD: Wer? Was? Wann? Warum hier? Der Weg nach Hause war auch lang und gef\u00e4hrlich. Der Milit\u00e4rtransport wurde mehrmals beschossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Familie \u00fcberstand alle Schrecken und Albtr\u00e4ume des Lagerlebens in der Unfreiheit, aber zu Hause war es auch nicht leicht.<\/p>\n\n\n\n<p>1946 wurde noch ein Kind in unserer Familie geboren, unser Bruder Wowik. Und weniger als ein Jahr sp\u00e4ter, im Mai 1947, starb ganz pl\u00f6tzlich unser Vater an einer krupp\u00f6sen Lungenentz\u00fcndung. Das waren die Auswirkungen der Sklaverei und des Hungers. Die Mutter blieb allein mit 6 Kindern. Die frostigen Mauern der schlecht geheizten Notunterkunft, das Hungerjahr.<\/p>\n\n\n\n<p>Leider erhielt in dieser Zeit unsere Mutter nach dem Verlust des Ern\u00e4hrers kein Kindergeld, weil der Vater nur kurz in der Stadt gearbeitet hatte. Mutter schlug man vor, die Kinder ins Waisenhaus zu geben. Aber das tat sie nicht. Mama und der \u00e4ltere Bruder Boris nahmen die Sorge f\u00fcr die J\u00fcngeren auf sich. Sie hatte keinen Beruf gelernt. Sie nahm eine Stelle im Karl-Liebknecht-H\u00fcttenbetrieb als Hilfsmaurerin an. Aber Borya erhielt schon eine Berufsausbildung in der Fachschule der Eisenbahn Nr. 2 und arbeitete in der Waggon-Werkstatt. Er bem\u00fchte sich, nirgends \u00fcber seine Vergangenheit zu sprechen. Erst in der Zeit der Perestrojka wurde es m\u00f6glich, laut \u00fcber unsere Vergangenheit zu sprechen.\u00a0 Wir damaligen Kinder sind zu ehrenhaften Menschen herangewachsen. Wir verneigen uns mit\u00a0 ehrendem Gedenken vor unserer Mutter, Warwara Stepanowna, einer mutigen Frau, einer MUTTER \u2013 gro\u00dfgeschrieben, die in unerh\u00f6rt schwierigen Umst\u00e4nden alle Kinder rettete und erhielt, die ihr ganzes arbeitsreiches Leben lang mit\u00a0 aller Kraft arbeitete im Namen des Lebens und der Rettung ihrer Kinder.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir erinnern uns mit W\u00e4rme an ihre Mutterh\u00e4nde.<\/p>\n\n\n\n<p>Walentina R.<br><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00dcbersetzung aus dem Russischen: Karin&nbsp; Ruppelt<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Brief ist der Bericht der inzwischen verstorbenen \u00e4lteren Schwester von Antonina R. (194. Neuer Freitagsbrief), den sie f\u00fcr einen Sammelband der Organisation der minderj\u00e4hrigen Gefangenen des Faschismus verfasste, der aber offensichtlich nie ver\u00f6ffentlicht wurde. 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