{"id":4545,"date":"2021-11-12T10:13:00","date_gmt":"2021-11-12T09:13:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=4545"},"modified":"2021-12-02T19:14:08","modified_gmt":"2021-12-02T18:14:08","slug":"swetlana-wassiljewna-k-freitagsbrief-nr-192","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/swetlana-wassiljewna-k-freitagsbrief-nr-192\/","title":{"rendered":"Swetlana Wassiljewna K. \u2013 Freitagsbrief Nr. 192"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Ukraine, Gebiet Kyjiw<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>An den deutschen wohlt\u00e4tigen Verein \u201eKontakte\u201c Sehr geehrte Damen und Herren,<\/p>\n\n\n\n<p>ich danke Ihnen von ganzem Herzen f\u00fcr die humanit\u00e4re Arbeit, die Sie leisten und m\u00f6chte allen Mitgliedern Ihres Vereins meine Anerkennung und Dankbarkeit ausdr\u00fccken. Ja, wir haben viel durchgemacht und manchmal m\u00f6chte man gar nicht mehr daran denken. Aber es l\u00e4sst sich nicht aus dem Ged\u00e4chtnis tilgen, denn es ist ja unsere Vergangenheit. Und obwohl wir schon nicht mehr ganz jung und gesund sind, so m\u00f6chte man doch noch ein Weilchen leben und nicht zur\u00fcckschauen, sondern nach vorn. Das was Sie tun, die Anerkennung, die Sie uns entgegenbringen und Ihre Hilfe wecken in uns Optimismus und den Glauben an das gegenseitige Einstehen unserer L\u00e4nder f\u00fcr Frieden und Freundschaft, gegen Nationalismus und Antisemitismus.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielen Dank!<\/p>\n\n\n\n<p>Hochachtungsvoll<br>gez. Unterschrift<br>07. Februar 2008<\/p>\n\n\n\n<p>P.S. Ich f\u00fcge Ihnen meine Erinnerungen in Kurzform bei.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kurze autobiografische Erinnerungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich, Swetlana Wassiljewna K. (K.) wurde am 30. Oktober 1941 in der Stadt Kaunas in Litauen geboren. Ich kam in einem Konzentrationslager in Slabadka bei Kaunas zur Welt, wo sich zu der Zeit meine Mutter Frieda Josifowna K. (Fuchs) mit meinem Bruder Wladimir aufhielt, der 1937 geboren war. Meine Mutter kam aus Kiew in der Ukraine Ende 1940 nach Litauen, da mein Vater, Wassilij Iwanowitsch K., ein Offizier der Sowjetarmee, sie zu sich geholt hatte. Hier kam der Krieg \u00fcber sie. Unsere Truppen zogen sich zur\u00fcck und meine Mutter, die mit mir schwanger war, wurde im August 1941 mit meinem damals vierj\u00e4hrigen Bruder in einem Konzentrationslager f\u00fcr Familien von Armeeangeh\u00f6rigen interniert.<\/p>\n\n\n\n<p>Das alles erz\u00e4hle ich nach den Erinnerungen meiner mittlerweile verstorbenen Mutter und meines Bruders, da mir auf Grund meines damaligen Alters aus dieser Zeit praktisch nichts im Ged\u00e4chtnis haften geblieben ist. Wir lebten in kalten Baracken hinter Stacheldraht. Um mich k\u00fcmmerte sich ein altes M\u00fctterchen, da meine Mutter beim Torfstechen arbeitete. Ich erkrankte gleich nach meiner Geburt an einer beidseitigen krupp\u00f6sen Lungenentz\u00fcndung und schwebte lange Zeit zwischen Leben und Tod. Aber das Schicksal hat mir das Leben geschenkt und man kann unm\u00f6glich mit Worten ausdr\u00fccken, was unsere Mutter alles durchmachen musste, um uns zu retten. Sie war von der Nationalit\u00e4t her eine echte J\u00fcdin, was sie nat\u00fcrlich verheimlichen musste. Sie lief immer Gefahr, von den Gefangenen an die Deutschen ausgeliefert zu werden. Mein sowie das Leben meines Bruders und unserer Mutter rettete der Umstand, dass sie ihre Dokumente rechtzeitig versteckt hatte und wie eine echte Russin aussah. In erster Linie haben wir dies jedoch der Menschlichkeit und Anst\u00e4ndigkeit der Leute zu verdanken, die alles wussten und uns nicht verraten haben. Genau drei Jahre, vom August 1941 bis August 1944, lebten wir hinter Stacheldraht. Wie unsere Mutter erfuhr, wurde unser Lager sp\u00e4ter vernichtet. Aber das Schicksal hat uns erneut das Leben geschenkt. Pl\u00f6tzlich kamen unsere Truppen und wir waren gerettet. Unser Vater war in dieser Zeit an der Front, geriet in Gefangenschaft, fl\u00fcchtete und diente dann bis zum Ende des Krieges in einem Strafbataillon.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Krieg kehrten unsere Eltern nach Kiew zur\u00fcck. Hier traf unsere Familie ein nicht weniger schlimmer Schlag. W\u00e4hrend wir im Konzentrationslager sa\u00dfen, waren die Eltern meiner Mutter in Babyn Jar durch die Deutschen erschossen worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wie konnte es anders sein \u2013 all das, was unsere Mutter erleben musste, schlug sich nat\u00fcrlich auf ihre Gesundheit. Sie \u00fcberstand in ihrem Leben drei schwere Operationen, einen Infarkt und w\u00e4hrend der letzten zwei Jahre ihres Lebens war sie durch eine schwere Krankheit an ihr Bett gefesselt. Sie starb 1996 unter gro\u00dfen Qualen.<\/p>\n\n\n\n<p>1946 wurde unser Vater nach Deutschland dienstversetzt, wo wir bis 1949 lebten. Dann wurde der Vater aus der Armee entlassen und wir kehrten 1950 nach Kiew zur\u00fcck. Danach nach Irpen im Gebiet Kiew, wo unsere Eltern ein Grundst\u00fcck erwarben und ein Haus bauten. Hier habe ich 1958 die Mittelschule abgeschlossen und begann zu arbeiten. 1971 habe ich ein Fernstudium am Institut f\u00fcr Volkswirtschaft in Kiew in der Fachrichtung \u00d6konomie abgeschlossen. Ich habe 40 Jahre gearbeitet und bin 1997 in Rente gegangen, weil ich mich keiner allzu guten Gesundheit r\u00fchmen kann. Nach ukrainischem Recht kann ich mich seit 1996 \u201eTeilnehmer an Kampfhandlungen\u201c nennen und bin Mitglied einer Organisation ehemaliger Ghetto- und KZ-Gefangener.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin verheiratet. Mein Mann ist Rentner. Kinder haben wir keine.<\/p>\n\n\n\n<p>Januar 2008 gez. Unterschrift<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00dcbersetzung Anke Pfauter<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ukraine, Gebiet Kyjiw An den deutschen wohlt\u00e4tigen Verein \u201eKontakte\u201c Sehr geehrte Damen und Herren, ich danke Ihnen von ganzem Herzen f\u00fcr die humanit\u00e4re Arbeit, die Sie leisten und m\u00f6chte allen Mitgliedern Ihres Vereins meine Anerkennung und Dankbarkeit ausdr\u00fccken. Ja, wir haben viel durchgemacht und manchmal m\u00f6chte man gar nicht mehr daran denken. 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