{"id":4488,"date":"2021-09-30T16:22:43","date_gmt":"2021-09-30T14:22:43","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=4488"},"modified":"2021-09-30T16:22:45","modified_gmt":"2021-09-30T14:22:45","slug":"swjatoslaw-aristarchowitsch-b-freitagsbrief-nr-188","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/swjatoslaw-aristarchowitsch-b-freitagsbrief-nr-188\/","title":{"rendered":"Swjatoslaw Aristarchowitsch B. \u2013 Freitagsbrief Nr. 188"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Ukraine, Kiew<\/strong><br><strong>15.04.2008<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sehr geehrter Eberhard Radczuweit!<\/p>\n\n\n\n<p>Vielen Dank f\u00fcr Ihre Hilfe an die Opfer der nationalsozialistischen Okkupation. Kurz etwas zu mir.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich, B. Swjatoslaw Aristachowitsch, wurde am 7. April 1940 in Perejaslaw-Chmelnizkij in der Oblast Kiew geboren. Unsere Mutter, geborene E. Kupa Minajewna, nach der Heirat B. Jekaterina Michajlowna, hatte zum Zeitpunkt des Krieges 1941 drei kleine Kinder: mein \u00e4lterer Bruder B. Michail, geb. 1936, sowie ich und meine Schwester, deren Geburtstag am selben Tag und im selben Jahr wie meiner ist, also am 7. April 1940, \u2013 B. Ljudmila. Aus diesem Grund konnte meine Mutter nicht evakuiert werden und blieb im besetzten Gebiet in der Stadt Perejaslaw-Chmelnizkij.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich in den ersten Tagen des Krieges wurden mehr als 600 j\u00fcdische Stadtbewohner erschossen. Unsere Mutter versteckte sich mit uns am Rande der Stadt bei entfernten Verwandten meines Vaters.<\/p>\n\n\n\n<p>Tags\u00fcber hielten wir uns in Erdspalten versteckt, und zum Schlafen gingen wir ins Haus. Als die erste Welle der Massenerschie\u00dfungen vorbei war, wollten wir nach Hause zur\u00fcckkehren, aber in unserem Haus war bereits das Stabsquartier irgendeiner Milit\u00e4reinheit eingerichtet. Wir hausten, wo es nur ging, im Schuppen, im Keller oder im Erdloch im Gem\u00fcsegarten. Als diese Einheit weg war, konnten wir wieder nach Hause zur\u00fcckkehren. Unsere Mutter lie\u00df uns Kinder nicht vom Hof, und auch sie selbst blieb im Haus. Manchmal versteckten wir uns bei einer anderen ukrainischen Familie, der von Ljudtschenko Grigorij Iwanowitsch, dessen Haus gleich gegen\u00fcber stand. Dieses Leben dauerte eine ganze Weile an. Wir ern\u00e4hrten uns von dem, was im Garten wuchs, einschlie\u00dflich Gras und Unkraut.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Beginn der Befreiung der Oblast Kiew linksseitig vom Fluss, wo auch Perejaslaw-Chmelnizkij liegt, flammte die Verfolgung von Menschen j\u00fcdischer Nationalit\u00e4t wieder auf. Im Fr\u00fchling 1943, offenbar auf irgendjemandes Anzeige hin, kamen pl\u00f6tzlich ein Deutscher und ein Polizai zu uns und wollten unsere Mutter mitnehmen. Ich krallte mich an meiner Mutter fest, den Deutschen biss ich in den Finger. Er trat daraufhin mit seinem Stiefel gegen mein rechtes Knie. Als ich zu mir kam, war meine Mutter nicht mehr da. Sie wurde am 14. Mai 1943 erschossen, zusammen mit den anderen sieben Juden, die in der Stadt noch \u00fcbriggeblieben waren. Nach der Verhaftung unserer Mutter nahmen uns bis zur Befreiung der Stadt die Eltern unseres Vaters zu sich, Pension\u00e4re im hohen Alter.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Oma, die Mutter unseres Vaters, wurde mehrmals in die Kommandantur zum Verh\u00f6r geladen, danach weinte sie immer, wollte uns aber nichts erz\u00e4hlen. Nach der Befreiung von Perejaslaw gab es eine Identifizierung der Toten, unter ihnen war auch meine Mutter. 1951 wurde sie in einem Brudergrab beigesetzt. Ich war nach dem Stiefeltritt zehn lange Jahre ans Bett gefesselt, weil meine Wirbels\u00e4ule auch besch\u00e4digt worden war, erst 1953 konnte ich wieder aufstehen und sah erstmals meine Schwester und meinen Bruder wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Vater, B. Aristarch Jakowlewitsch, fiel 1945 in Preu\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit 15 war ich gezwungen zu arbeiten, weil mein Gro\u00dfvater verstorben und meine Gro\u00dfmutter nicht mehr in der Lage war, uns zu ern\u00e4hren. Ich habe am p\u00e4dagogischen Institut in Brjansk studiert, wurde Geschichtslehrer. Jetzt bin ich Pension\u00e4r, aber ich muss etwas dazuverdienen, weil die Rente sehr klein ist \u2013 obwohl ich 50 Jahre lang gearbeitet habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch einmal vielen Dank f\u00fcr die Hilfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Hochachtungsvoll und mit freundschaftlichen Gr\u00fc\u00dfen<\/p>\n\n\n\n<p>Swjatoslaw B.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Aus dem Russischen von Jennie Seitz<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ukraine, Kiew15.04.2008 Sehr geehrter Eberhard Radczuweit! Vielen Dank f\u00fcr Ihre Hilfe an die Opfer der nationalsozialistischen Okkupation. Kurz etwas zu mir. Ich, B. Swjatoslaw Aristachowitsch, wurde am 7. April 1940 in Perejaslaw-Chmelnizkij in der Oblast Kiew geboren. 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