{"id":4456,"date":"2021-09-09T14:44:57","date_gmt":"2021-09-09T12:44:57","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=4456"},"modified":"2021-09-09T14:44:59","modified_gmt":"2021-09-09T12:44:59","slug":"isolda-arnoldowna-s-freitagsbrief-nr-185","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/isolda-arnoldowna-s-freitagsbrief-nr-185\/","title":{"rendered":"Isolda Arnoldowna S. \u2013 Freitagsbrief Nr. 185"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Ukraine, Charkow<\/strong><br><strong>2017<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich, S. Isolda Arnoldowna, wurde am\u00a0 1933 in Charkow geboren.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Krieg lebte ich mit meinem Vater M. Arnold Radionowitsch und meiner Mutter Ch. Alexandra Dmitrijewna in der [&#8230;] Stra\u00dfe\u00a0 in Charkow.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 22. Juni 1941 begann der Krieg. Im August 1941 zerst\u00f6rte eine Bombe unser Haus, dabei starb meine Mutter, unsere ganzen Sachen und Dokumente wurden vernichtet. Mein Vater und ich zogen zu meiner Gro\u00dfmutter, M. Etel Issaakowna, in die Puschkinstra\u00dfe. Im Oktober 1941 besetzten die deutschen Truppen Charkow, und am 15. Dezember wurden alle Juden auf das Gel\u00e4nde einer Traktorenfabrik au\u00dferhalb der Stadt gejagt. Dort, hinter Stacheldraht, im Ghetto, befanden sich ungeheizte Baracken ohne Wasser, ohne Betten. Der Winter in jenem Jahr war furchtbar kalt. Ich ging mit meinem Vater und meiner Gro\u00dfmutter in dieser langen, breiten, st\u00f6hnenden Menschenmenge durch die ganze Stadt, und nebenher liefen Deutsche mit Maschinengewehren und Hunden. Wer nicht mehr laufen konnte, fiel hin, und die Deutschen feuerten einen Schuss ab. Vater f\u00fchrte meine schwache Gro\u00dfmutter und zog einen Schlitten, auf dem B\u00fcndel mit Sachen und ein klein wenig zu essen lag. Ich hatte Angst und gro\u00dfen Hunger. Als wir ankamen, richtete Vater f\u00fcr meine Gro\u00dfmutter in einer Ecke ein Lager ein, legte sie hin und deckte sie mit irgendetwas zu. Mir gab er einen Zwieback und ging mit mir nach drau\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es waren viele Menschen dort, die einen suchten sich einen Platz zum Schlafen, andere verabschiedeten sich von ihren Angeh\u00f6rigen. Es gab Mischehen, wo der Mann Jude war und die Frau Russin, oder umgekehrt. Wer kein Jude war, sollte wieder in die Stadt zur\u00fcckgehen, und mein Vater wollte, dass mich irgendwer mitnahm und rettete, mich zu der Schwester meiner Mutter brachte: Ch. Marina Nikititschna. Sie wohnte in der [&#8230;] Stra\u00dfe. Er fragte die Leute hinter dem Stacheldrahtzaun, flehte sie an \u2013 nehmt mein M\u00e4dchen mit, rettet sie. Aber alle hatten Angst, das zu tun, die Deutschen h\u00e4tten auf der Stelle geschossen, wenn sie das mitbekommen h\u00e4tten. Ich weinte, ich hatte Angst, ohne meinen Papa zu gehen, aber er tr\u00f6stete mich, sagte: \u201eK\u00e4tzchen, ich komme in 2-3 Tagen nach, jetzt geht es nicht anders.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ein paar Tage lang wollte ihm das nicht gelingen. Wir schliefen auf dem Boden, wir froren f\u00fcrchterlich. Am Tag kamen immer Menschen aus der Stadt, die ihren Angeh\u00f6rigen zu essen brachten, wir hatten niemanden, der das tun konnte. Ich sah M\u00e4dchen, die im Haus meiner Gro\u00dfmutter wohnten, in der Wohnung Nr.&nbsp;2, sie kamen mit ihrem Vater und brachten ihrer Mutter mittags etwas zu essen. Ihr Vater war Ukrainer, die Mutter war J\u00fcdin. Fr\u00fcher hatte ich mit ihnen gespielt, jetzt waren wir auf verschiedenen Seiten des Stacheldrahtzauns. Ich wei\u00df noch, dass mein Papa mit ihrem Vater schimpfte, weil er seine T\u00f6chter, Inna und Maja, dorthin mitbrachte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach zwei oder drei Tagen fand mein Vater einen Mann, der einwilligte, mich mitzunehmen. Oh, ich hatte solche Angst! Wir wurden von anderen Leuten umringt, mein Vater hob den Stacheldraht etwas an und schubste mich dahinter. Der Mann packte mich sofort an der Hand, sagte, er hie\u00dfe Onkel Kolja, und mein Vater sagte mir, dass ich meinen Namen vergessen sollte, ich hie\u00dfe ab jetzt Soja.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sah zum ersten Mal, wie mein Vater weinte. Wir gingen schnell in Richtung Stadt, damit wir es noch vor der Sperrstunde schafften. Ich wollte zu meinem Papa zur\u00fcck und weinte leise, aber ich hatte Angst, dass Onkel Kolja es mitbekommen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe meinen Vater und meine Gro\u00dfmutter seitdem nie wiedergesehen. Die Deutschen vergasten sie in den Gaswagen, in denen sie 30.000 Juden ermordet haben: Frauen, Kinder und Alte. Ihre Leichen wurden in eine Schlucht geworfen, die heute Drobizki Jar hei\u00dft. Ein Obelisk steht heute dort.<\/p>\n\n\n\n<p>Fast schon im Dunkeln kamen wir bei Tante Marina an. Onkel Kolja gab mich dort ab mit den Worten: \u201eHier, nehmen Sie Ihr kleines Waisenm\u00e4dchen\u201c, und ging schnell weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte einen Lockenkopf. Meine Tante schnitt es mir sofort mit einer Schere ab, damit man mich nicht als J\u00fcdin erkannte. Jeden Tag wurde patrouilliert, geschaut, ob sich auch nirgendwo Partisanen oder Juden versteckten.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen\u00fcber von unserem Haus war ein deutsches Krankenhaus. Die K\u00fcche befand sich im Souterrain. Wir Kinder kamen immer mit leeren Konservenb\u00fcchsen hierher, fragten nach Essensresten, die von den Patienten \u00fcbrig waren. Ich erinnere mich bis heute an den Namen des Kochs, Jusef. Er sch\u00fcttete uns durchs Fenster Suppe ein und gab uns Brotreste. Davon lebten meine Tante und ich. Ab und zu ging ich auch auf dem Markt betteln.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stadt stand unter schwerem Bombenbeschuss, dann kamen unsere Truppen. Dann, sehr schnell, nahmen die Deutschen die Stadt wieder ein. Im August 1943 verjagte man die Deutschen. Tante Marina war verletzt und brachte dringend Hilfe. Unsere Nachbarin kam zu uns her\u00fcber und half, sie riet meiner Tante, mich ins Kinderheim zu geben, denn ich sollte zur Schule. In der Kinderaufnahmestelle wurde ich dem Kinderheim Krasnokutsk im Gebiet Charkow zugeteilt.<\/p>\n\n\n\n<p>1945 wurde ich an der Fabrikschule des Charkower Tauwerks aufgenommen, wo ich danach bis zu meiner Pensionierung arbeitete.<\/p>\n\n\n\n<p>1955 heiratete ich D. Pjotr Nikolajewitsch. Er entpuppte sich als Alkoholiker, pr\u00fcgelte sich oft, und das Schlimmste \u2013 er beschimpfte mich und unseren Sohn als \u201edreckige Juden\u201c. Ich lie\u00df mich von ihm scheiden und lebte dann in einem Wohnheim. Damit mich niemand mehr beleidigte, \u00e4nderte ich meinen Nachnamen &#8230;, sodass niemand mehr meine Kinder als Juden beschimpfen konnte. Das war 1962, und 1965 heiratete ich wieder \u2013 S. Wassilij Jakowlewitsch, wir haben eine Tochter \u2013 Wiktorija. So lebe ich bis heute, habe schon zwei Enkelkinder: Saschenka und Maschenka.<\/p>\n\n\n\n<p>Einmal hat mich in Charkow Tatjana Tschajka besucht und meinen Bericht \u00fcber den Krieg und das Ghetto f\u00fcr den amerikanischen Fonds \u201eSpielberg\u201c auf Tonband aufgezeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wurde ein Buch der Erinnerung von Sokolskij P. P. geschrieben: \u201e<em>Skashi Drobizkoj JAR&#8230;<\/em>\u201c. Darin sind alle Gr\u00e4ueltaten bei der Vernichtung der Juden im Charkower Ghetto beschrieben. Viele Opfer sind in diesem Buch namentlich genannt, er hat die Daten aus dem Archiv bezogen. Auch mein Name ist dort verzeichnet, als Todesopfer im Drobizki Jar.<\/p>\n\n\n\n<p>[Unterschrift]<\/p>\n\n\n\n<p><em>Aus dem Russischen von Jennie Seitz<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ukraine, Charkow2017 Ich, S. Isolda Arnoldowna, wurde am\u00a0 1933 in Charkow geboren. 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