{"id":4454,"date":"2021-09-03T14:39:00","date_gmt":"2021-09-03T12:39:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=4454"},"modified":"2021-09-09T14:39:34","modified_gmt":"2021-09-09T12:39:34","slug":"leonid-michajlowitsch-t-freitagsbrief-nr-184","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/leonid-michajlowitsch-t-freitagsbrief-nr-184\/","title":{"rendered":"Leonid Michajlowitsch T. \u2013 Freitagsbrief Nr. 184"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Gebiet Cherson, Ukraine<\/strong><br><strong>Januar 2021<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es schreibt Ihnen\u00a0 Leonid Michajlowitsch T., geboren 1939, der sich w\u00e4hrend des Gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieges (1941-1945) auf der besetzten Krim in der Stadt Feodossija und im Dorf Rosalijewka im Kreis Kirowograd aufhielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem danke ich jedoch dem Verein KONTAKTE-KOHTAKTbI, dass Sie mir Unterst\u00fctzung gew\u00e4hren. Es kam mir sehr gelegen. Gro\u00dfen Dank!<\/p>\n\n\n\n<p>Als der WOW begann, wohnte meine Familie (Gro\u00dfmutter, Mutter, Vater, meine Schwester Zhanna, mein Bruder Jakow und ich) in der Stadt Feodossija, in der Revolutionsgasse 18.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 1. Juli 1941 wurde mein Vater in die Rote Armee eingezogen. Anfang November 1941 erfuhr die Besatzungsmacht nach der Denunziation durch eine Frau von der Nationalit\u00e4t meines Vaters und wir waren gezwungen, uns zu verstecken. Auf der Stelle fuhren wir: ich, meine Schwester und mein Bruder, nachts bei str\u00f6mendem Regen auf einem Fuhrwerk (einem von Pferden gezogenen Wagen) zum Dorf Rosliewka, 18 km entfernt von Feodossija, und blieben im Keller einer verlassenen Dorfschule, wo wir uns versteckten bis zum April 1944. Was kann ich \u00fcber diese schlimme Zeit erz\u00e4hlen? Wir Kleinen konnten das nat\u00fcrlich nicht vollkommen verstehen, aber einige Begebenheiten haben sich f\u00fcr das ganze Leben eingepr\u00e4gt. Zuallererst auf der Fahrt zum Dorf der Regenguss, der grauenhaft kalte Regen, der heftige und durchdringende Wind. Wir waren vollkommen durchn\u00e4sst, bis auf das kleinste F\u00e4dchen, wie man so sagt. Wir klapperten mit den Z\u00e4hnen. Es war in der Tat tiefster Herbst. Der Keller sollte die Rettung sein. Allein, auf uns wartete eine Entt\u00e4uschung &#8211; im Keller war es durch ein undichtes Dach pitschnass, es gab Pf\u00fctzen und Wasser tropften von oben durch die Ritzen im Boden des Raumes, unter dem der Keller lag. Von diesem Keller hat sich mir eingepr\u00e4gt: eine \u00fcberw\u00e4ltigende, dunkle K\u00e4lte und Feuchtigkeit. Eine gro\u00dfe breite h\u00f6lzerne Treppe, eine Luke und Spalten zwischen Brettern, durch die das Licht schimmerte. Das hat mich immer fasziniert.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach den Berichten der Erwachsenen wurden am Tag nach unserer Flucht alle Juden in Feodossija (2000-3000 Menschen) erschossen. Und hier liefen \u00fcberall Ratten quer durch den Keller. Niemals werde ich vergessen, wie ich die ganze Zeit so nach Essen verlangte, dass ich Magenkr\u00e4mpfe bekam. Ganz oft weinte ich. Mit der Schwester k\u00fcmmerte ich mich abwechselnd um unser kleines Br\u00fcderchen und mit Ungeduld warteten wir auf die R\u00fcckkehr unserer Mutter mit Lebensmitteln. Nach zwei oder drei Wochen begann die Bombardierung des Dorfes. Alles dr\u00f6hnte, pfiff, zitterte. Wir dr\u00fcckten uns an unsere Mutter und lie\u00dfen sie nicht los. Es war sehr be\u00e4ngstigend. Im Dorf war vieles zerst\u00f6rt, aber zum Gl\u00fcck wurde die Schule nicht besonders schwer getroffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele grauenhafte und unvorhergesehene Situationen passierten in der Zeit unseres Aufenthalts im Keller, aber an eine darunter erinnere ich mich am deutlichsten: als an einem Sommertag entweder rum\u00e4nische oder deutsche Soldaten begannen, sich in der Schule niederzulassen. L\u00e4rm, Getrappel von F\u00fc\u00dfen, Schreie und das alles \u00fcber unseren K\u00f6pfen. Mein Schwesterchen Zhanna (die \u00c4lteste von uns) beruhigte meinen Bruder und mich die ganze Zeit fl\u00fcsternd und legte den Finger auf die Lippen (wie Mama). Unsere Mutter erkannte zu diesem Zeitpunkt r\u00fcckblickend [mit Besorgnis], dass die Soldaten, die die Schule besetzt hatten, sie fast 24 Stunden nicht verlassen hatten. Aber ein gl\u00fcckliches Schicksal rettete uns. Der eiligen Versammlung und den strengen Befehlen nach zu urteilen, verlie\u00df das Milit\u00e4r schnell die Schule. Wie gro\u00df war die Freude!!! Unvergesslich war der Eindruck, den die Befreiung des Dorfes auf mich machte. Als Erstes wurden wir aus dem Keller herausgef\u00fchrt. Als Zweites sagte unsere Mutter, dass wir nach Feodossija gebracht werden und machte sich auf den Weg. Auf der Stra\u00dfe waren eine Menge Menschen, Fahrzeuge. Alle redeten angeregt \u00fcber irgendetwas und freuten sich. Pl\u00f6tzlich jagten mit gro\u00dfer Geschwindigkeit (oder so schien es mir) Panzer auf der Stra\u00dfe heran und wurden scharf vor der Menge zum Stehen gebracht. Eine Hitzewolke umh\u00fcllte Menschen und Panzer. Und dann begann \u2013 Umarmen, K\u00fcssen, gegenseitiges Hochheben, Werfen von Feldm\u00fctzen, Schie\u00dfen, Pfeifen und Tanzen. Kurz, ein allgemeiner Jubel. Das erinnere ich von der Befreiung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erinnerungen meiner Mutter (sie starb 1976) waren in der Tat nicht zu beschreiben. Sie hatte nicht die Kraft, \u00fcber diese Zeit zu sprechen. Und wenn sie sich erinnerte, begann sie zu weinen und dr\u00fcckte uns (auch als wir schon erwachsen waren) an ihre Brust. Sie erz\u00e4hlte mit gro\u00dfen Unterbrechungen, was f\u00fcr uns nach der Befreiung schmerzhaft war zu sehen. Sie war d\u00fcnn, blass, H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe zart wie St\u00f6ckchen, sah sie mit gerunzelter Stirn auf alles, ging zu niemandem, alle kauerten zu ihren F\u00fc\u00dfen. Meine Mutter sagte ganz offen, dass sie die ganze Zeit Menschen um Almosen bitten musste, um uns zu ern\u00e4hren. Sie verdingte sich bei Menschen f\u00fcr jede beliebige Arbeit f\u00fcr ein St\u00fcck Brot.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt schrecklich und kr\u00e4nkend f\u00fcr uns, ihre Kinder, wenn wir uns zur\u00fcckerinnern an ihre Leiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Entschuldigen Sie, dies ist sehr schwer zu schreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Niemandem auf der Welt w\u00fcnsche ich, dass er so etwas erleben muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Und gebe der HERR, dass sich dieses nicht wiederholt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nochmals Entschuldigung f\u00fcr diesen derart schmerzhaften Brief.<\/p>\n\n\n\n<p>Seien Sie gesund und gl\u00fccklich! Viel Erfolg!<\/p>\n\n\n\n<p>Hochachtungsvoll T. L.M.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00dcbersetzung aus dem Russischen Sibylle Suchan-Flo\u00df<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gebiet Cherson, UkraineJanuar 2021 Es schreibt Ihnen\u00a0 Leonid Michajlowitsch T., geboren 1939, der sich w\u00e4hrend des Gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieges (1941-1945) auf der besetzten Krim in der Stadt Feodossija und im Dorf Rosalijewka im Kreis Kirowograd aufhielt. Vor allem danke ich jedoch dem Verein KONTAKTE-KOHTAKTbI, dass Sie mir Unterst\u00fctzung gew\u00e4hren. Es kam mir sehr gelegen. 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