{"id":4447,"date":"2021-08-20T14:28:00","date_gmt":"2021-08-20T12:28:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=4447"},"modified":"2021-09-09T14:34:30","modified_gmt":"2021-09-09T12:34:30","slug":"anna-petrowna-l-freitagsbrief-nr-182","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/anna-petrowna-l-freitagsbrief-nr-182\/","title":{"rendered":"Anna Petrowna L. \u2013 Freitagsbrief Nr. 182"},"content":{"rendered":"\n<p><em>F\u00fcr die Allukrainische Assoziation der j\u00fcdischen KZ- und Ghetto\u00fcberlebenden, f\u00fcr deren Mitglieder wir finanzielle Unterst\u00fctzung vor allem f\u00fcr den medizinischen Bereich sammeln, ist es sehr wichtig, dass die Erinnerungen ihrer Mitglieder an die Zeit der Verfolgung durch die deutsche und rum\u00e4nische Besatzung nicht verloren gehen. Wir&nbsp; ver\u00f6ffentlichen deshalb hier Berichte, die sie uns geschickt haben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ukraine, Tschernigow<\/strong><br><strong>2016<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sehr geehrter Eberhard Radczuweit!<\/p>\n\n\n\n<p>Es schreibt Ihnen L.&nbsp;Anna Petrowna, geboren 1935 in Tschernigow, Ukraine. Ich m\u00f6chte mich ganz herzlich bei Ihnen f\u00fcr die finanzielle Hilfe bedanken. Ich habe sie im Dezember vergangenen Jahres erhalten, als ich gerade im Krankenhaus lag, und sie hat mir geholfen, die n\u00f6tigen Medikamente zu kaufen. Es tut sehr gut, dass Sie verstehen, welch schwierige Zeiten wir w\u00e4hrend der Besatzung im Krieg durchgestanden haben, dass Sie uns nicht vergessen und uns helfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Erlauben Sie mir, meine Erinnerungen an jene ferne Kriegszeit und die Schwierigkeiten, die wir erleiden mussten, in aller K\u00fcrze mit Ihnen zu teilen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Chutor [Vorwerk] Borki in der Samtgemeinde Malejki, Michajlo-Kozubinskij Rajon, Oblast Tschernigow, wurde am 6. September 1941 von den deutschen Truppen besetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lebte mit meiner Familie auf dem Chutor Borki. Mein Vater, R. Pjotr Jakowlewitsch, arbeitete vor dem Krieg als Mechaniker im Torfbetrieb, meine Mutter, R. Tatjana Iwanowna, arbeitete in der Kolchose. Das Sumpfgebiet, auf dem sich der Torfbetrieb befand, verlief am Chutor Borki, an die gegen\u00fcberliegende Seite grenzte der Wald.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bewohner des Chutors wussten, dass wir eine j\u00fcdische Familie waren. Im Januar 1942 nahmen uns die Polizai [Ordnungspolizei in deutschem Dienst], wie allen j\u00fcdischen Familien, unseren ganzen Besitz weg. Sie holten alle Lebensmittel aus dem Haus. Wir blieben ohne Existenzmittel zur\u00fcck, mussten hungern. Einen Monat sp\u00e4ter kamen nochmal zwei Polizai. Sie nahmen meine Mutter, mich und meine Schwester mit und brachten uns zur Polizei im Kreiszentrum. Unser Vater war in dem Moment nicht zu Hause. Als er davon erfuhr, ritt er in Begleitung von Untergrundk\u00e4mpfern los und holte unseren Karren ein, sie erledigten die Polizai und nahmen uns mit. Danach versteckten wir uns an einem schwer zug\u00e4nglichen Ort im Sumpf, in einer provisorisch eingerichteten Erdh\u00fctte. Manchmal gingen wir heimlich durch den Sumpf zu den Eltern meines Vaters in das Dorf Skugary, um etwas zu essen. Einmal, w\u00e4hrend einer der st\u00e4ndigen Razzien, schafften es meine Mutter und ich gerade noch, aus Skugary zu fliehen, wir rannten zum Sumpf und versteckten uns im Schilf, wo wir das Ende der Razzia abwarteten, um uns dann durch den Sumpf zur\u00fcck zur Erdh\u00fctte durchzuschlagen. Ich habe mit meinen Kinderaugen dieses ganze Grauen gesehen, ich habe gesehen, wie man alle, die bei der Razzia gefangen wurden, in eine Scheune gescheucht und diese Scheune angez\u00fcndet hat. Wer versuchte, aus der brennenden Scheune zu fliehen, wurde erschossen. Dann, als wir in die Erdh\u00fctte zur\u00fcckgekehrt waren, erkrankte meine dreij\u00e4hrige Schwester Ljudmila schwer und starb bald darauf. Dann wurde auch ich krank, das war im Fr\u00fchjahr 1943. Mein Vater schickte meine Mutter und mich in das Dorf Plechow im Michajlo-Kozubinskij Rajon, Oblast Tschernigow, zu einem Verwandten des Partisanen Litwinenko Roman, auf dessen Dachboden wir uns bis zur Befreiung der Oblast Tschernigow von den deutsch-faschistischen Besatzern im Herbst 1943 versteckten.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch einmal vielen Dank f\u00fcr Ihre Hilfe!<\/p>\n\n\n\n<p>Hochachtungsvoll<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;Anna PetrownaL.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Aus dem Russischen von Jennie Seitz<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr die Allukrainische Assoziation der j\u00fcdischen KZ- und Ghetto\u00fcberlebenden, f\u00fcr deren Mitglieder wir finanzielle Unterst\u00fctzung vor allem f\u00fcr den medizinischen Bereich sammeln, ist es sehr wichtig, dass die Erinnerungen ihrer Mitglieder an die Zeit der Verfolgung durch die deutsche und rum\u00e4nische Besatzung nicht verloren gehen. 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