{"id":4438,"date":"2021-07-29T14:37:53","date_gmt":"2021-07-29T12:37:53","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=4438"},"modified":"2021-07-29T14:37:56","modified_gmt":"2021-07-29T12:37:56","slug":"dora-janowna-podemska-freitagsbrief-nr-180","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/dora-janowna-podemska-freitagsbrief-nr-180\/","title":{"rendered":"Dora Janowna Podemska \u2013 Freitagsbrief Nr. 180"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Ukraine, Ternopil<\/strong><br><strong>2010<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich, Dora Janowna Podemska, danke Ihnen sehr f\u00fcr die finanzielle Unterst\u00fctzung f\u00fcr die \u00dcberlebenden des Holocaust. Ich danke Gott jeden Tag f\u00fcr Seine gro\u00dfe G\u00fcte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcnsche allen Juden, dass sie so etwas nie mehr erleben m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit freundlichen Gr\u00fc\u00dfen,<\/p>\n\n\n\n<p><em>Unterschrift<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Meine Biografie<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Den Holocaust \u00fcberleben, das ist ein Wunder Gottes, ein gro\u00dfes Gottesgeschenk. Der Holocaust ist die grauenvollste Seite im Geschichtsbuch des j\u00fcdischen Volkes. W\u00e4hrend des Holocausts mussten alle Juden Todes\u00e4ngste ausstehen. Ich habe zweimal, 1941 und 1943, solche Todesangst ausstehen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach meinem Vater hei\u00dfe ich Dora Majerowna Rabinowitsch, mein offizieller Name ist aber Dora Janowna Podemska. Ich wurde in Polen geboren, in Stanislawschtschina. Als der Krieg begann, wurde ich mit meinem Vater und meiner \u00e4lteren Schwester evakuiert. Auf dem Weg kam mein Vater durch einen Bombenangriff ums Leben, meine Schwester Anja wurde verletzt und wurde mit dem Zug abtransportiert. Ich blieb alleine zur\u00fcck, ein siebzehnj\u00e4hriges M\u00e4dchen, das kein Russisch sprach, nur Jiddisch und Polnisch, und ich marschierte zu Fu\u00df bis zur Stadt Wosnesensk im Gebiet Nikolajew, wo mich eine j\u00fcdische Familie aufnahm.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Eltern hatten mir von Klein auf beigebracht, zu Gott zu beten. Und nur meine Gebete halfen mir, wie durch ein Wunder am Leben zu bleiben. 1941 f\u00fchrten die Nazis mich und viele andere Juden zur Erschie\u00dfung. Mit Gottes Hilfe fiel ich bei der Erschie\u00dfung den Bruchteil einer Sekunde vor der Maschinengewehrsalve in die Grube und lag in der Grube zwischen hunderten von Leichen. Nach diesem schrecklichen Erlebnis hielt ich mich lange vor den Menschen versteckt, musste schrecklichen Hunger und K\u00e4lte durchleben und befand mich wegen meines j\u00fcdischen Aussehens immer in Todesangst.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Februar 1942 dachte ich, dass die blutr\u00fcnstigen Polizai sich beruhigt h\u00e4tten und wagte es, mich auf der Stra\u00dfe zu zeigen. Gleich wurde ich aber von den Br\u00fcdern Birst, die bei der Polizei von Wosnesensk arbeiteten, festgenommen und sollte zum zweiten Mal erschossen werden. Im Gef\u00e4ngnis wurde ich von den Nazis auf jede erdenkliche Weise schikaniert, sie zwangen mich zu schwerster Strafarbeit. Jeden Tag zw\u00f6lf Stunden lang, barfu\u00df, mit blutigen F\u00fc\u00dfen, fast ohne Nahrung. Wenn meine Kr\u00e4fte wegen Hunger und Ersch\u00f6pfung nachlie\u00dfen, wurde ich von den Nazis brutal verpr\u00fcgelt, bis ich halbtot war.<\/p>\n\n\n\n<p>Da ich Polnisch sprach, behauptete ich, Polin zu sein. Zur \u00dcberpr\u00fcfung brachten die Nazis einen Polen herbei. Gott schickte mir meinen Retter und Schutzengel, Kasimir Podemski, einen polnischen Partisanen aus Warschau. Er best\u00e4tigte nicht nur, dass ich Polin sei, sondern rettete mich auch vor dem unausweichlichen Tod. Er steckte mir an meinem Arbeitsplatz heimlich Brot und gekochte Kartoffeln zu. Als er erfuhr, dass ich aus dem Gef\u00e4ngnis fliehen wollte, verbot er es mir, da es zu gef\u00e4hrlich sei. Im September 1943 \u201eentf\u00fchrte\u201c Kasimir Podemski mich an meinem Arbeitsplatz und brachte mich nachts mit einem Karren ins Gebiet Kirowograd, ins Dorf Dobrowelitschkowka, wo er mich russischen Partisanen \u00fcbergab. Dann ging er. Ich habe ihn nie wiedergesehen. Auf dem Weg gab Kasimir mir ein Dokument, aus dem hervorging, dass ich seine Schwester sei (falls mich jemand fragen sollte). In der Nacht erz\u00e4hlte er mir, dass er aus Warschau war und hatte fliehen m\u00fcssen, um der Verhaftung zu entgehen. Er musste seine Heimat verlassen, weil er das Warschauer Ghetto mit Waffen und Lebensmitteln versorgt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit den russischen Partisanen r\u00fcckte ich bis Krasnodar vor. Ich hatte nur ein einziges Dokument bei mir, das Papier von Kasimir. Mein Familienname wurde Podemska. Von 1943 an war ich mit den Truppen der Roten Armee in sieben europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, die wir befreiten. Ich habe daf\u00fcr 16 Auszeichnungen bekommen, und der siebzehnte Orden wurde mir von unserem Pr\u00e4sidenten Leonid Kutschma \u00fcberreicht. Nach Kriegsende 1945 wurde ich aus dem Armeedienst entlassen und kehrte nach Wosnesensk zur\u00fcck, an den Ort, an dem ich damals zweimal verhaftet worden war und erschossen werden sollte \u2013 ich wollte die M\u00f6rder, die Br\u00fcder Birst, finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich arbeitete dann in Wosnesensk in einer Konservenfabrik und heiratete einen Juden. 1946 zogen mein Mann und ich nach Ternopol, wo ich bis heute lebe. 1991 ist mein Mann gestorben.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Krieg habe ich versucht, meinen Retter Kasimir Podemski zu finden. Erst nach vielen Jahren des Nachforschens fand ich heraus, dass er am 7.7.1944 in Warschau verhaftet und nach Deutschland ins KZ deportiert worden war. Er war in vier verschiedenen Konzentrationslagern. Erst nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde mir vom J\u00fcdischen Rat der Stiftung f\u00fcr ukrainische NS-Opfer mitgeteilt, dass Kasimir Podemski vom Vorsitzenden des J\u00fcdischen Rates I. M. Lewitas der Titel \u201eGerechter\u201c zugesprochen worden war.<\/p>\n\n\n\n<p>In Ternopol habe ich seit 1946 \u00e4ltere Juden ausfindig gemacht und sie zu mir nach Hause eingeladen, damit sie jedes Jahr heimlich das Kaddisch-Gebet f\u00fcr meine Eltern sprechen. In den 70er Jahren wurde ich die erste j\u00fcdische Aktivisten in der Stadt, ich versammelte die j\u00fcdische Gemeinde bei mir in der Wohnung, wir hielten heimlich den Sabbat ab, begingen die j\u00fcdischen Feiertage und ich erz\u00e4hlte ihnen von den j\u00fcdischen Traditionen. Die russischen Juden h\u00f6rten von mir zum ersten Mal in ihrem Leben j\u00fcdische Lieder.<\/p>\n\n\n\n<p>1998 wurde eine offizielle j\u00fcdische Gemeinde gegr\u00fcndet. Jedes Jahr er\u00f6ffne ich die j\u00fcdischen Feiertage mit dem Gebet in drei Sprachen und mit Musik. Ich bin die einzige J\u00fcdin im Ort, die jeden Freitag die Kerzen anz\u00fcndet, \u00fcber denen ich die Gebete spreche. [&#8230;] Ich habe zweimal in Lwow ein j\u00fcdisches Konzert organisiert, was vor zw\u00f6lf Jahren noch sehr schwierig war. Ich habe damals im Telefonbuch j\u00fcdische Namen herausgesucht, die Leute angerufen und zum Konzert eingeladen. Manche antworteten mir mit wildem Schimpfen&#8230; eben diese Leute leben heute in Israel. [&#8230;]<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin in einer gl\u00e4ubigen j\u00fcdischen Familie gro\u00df geworden. Meine Eltern beteten jeden Tag und das ist mir f\u00fcrs ganze Leben im Ged\u00e4chtnis geblieben. [&#8230;]<\/p>\n\n\n\n<p>Als gl\u00e4ubige J\u00fcdin habe ich au\u00dferdem ein gutes Werk getan und im Dorf Pereginsk, in dem ich geboren wurde, den j\u00fcdischen Friedhof mit einem Eisenzaun umz\u00e4unt. [&#8230;] Ich fahre oft dorthin und beauftrage Leute mit der S\u00e4uberung des Friedhofs und dem Streichen des Zauns. Ich stelle Kerzen auf die Grabtafeln und spreche das Kaddisch. [&#8230;] Ich habe f\u00fcr die Erhaltung des Friedhofs keine finanzielle Unterst\u00fctzung erhalten. Wenn ich sterbe, wird der Friedhof verfallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin jetzt eine alte Frau. Am 22.6.2004 wurde ich 80 Jahre alt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich danke Ihnen f\u00fcr Ihre Aufmerksamkeit. Gott segne Sie und gebe Ihnen Gesundheit und Gl\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Aus dem Russischen von Valerie Engler<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ukraine, Ternopil2010 Ich, Dora Janowna Podemska, danke Ihnen sehr f\u00fcr die finanzielle Unterst\u00fctzung f\u00fcr die \u00dcberlebenden des Holocaust. Ich danke Gott jeden Tag f\u00fcr Seine gro\u00dfe G\u00fcte. Ich w\u00fcnsche allen Juden, dass sie so etwas nie mehr erleben m\u00fcssen. Mit freundlichen Gr\u00fc\u00dfen, Unterschrift Meine Biografie Den Holocaust \u00fcberleben, das ist ein Wunder Gottes, ein gro\u00dfes&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_coblocks_attr":"","_coblocks_dimensions":"","_coblocks_responsive_height":"","_coblocks_accordion_ie_support":"","_uag_custom_page_level_css":"","footnotes":""},"categories":[25],"tags":[],"class_list":["post-4438","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-juedisch-ukrainische-briefe"],"translation":{"provider":"WPGlobus","version":"3.0.2","language":"ru","enabled_languages":["de","ru"],"languages":{"de":{"title":true,"content":true,"excerpt":false},"ru":{"title":false,"content":false,"excerpt":false}}},"uagb_featured_image_src":{"full":false,"thumbnail":false,"medium":false,"medium_large":false,"large":false,"1536x1536":false,"2048x2048":false,"post-thumbnail":false,"graphy-post-thumbnail-large":false,"graphy-post-thumbnail-medium":false,"graphy-post-thumbnail-small":false,"graphy-page-thumbnail":false},"uagb_author_info":{"display_name":"KS","author_link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/author\/kntktbrln999\/"},"uagb_comment_info":0,"uagb_excerpt":"Ukraine, Ternopil2010 Ich, Dora Janowna Podemska, danke Ihnen sehr f\u00fcr die finanzielle Unterst\u00fctzung f\u00fcr die \u00dcberlebenden des Holocaust. Ich danke Gott jeden Tag f\u00fcr Seine gro\u00dfe G\u00fcte. Ich w\u00fcnsche allen Juden, dass sie so etwas nie mehr erleben m\u00fcssen. Mit freundlichen Gr\u00fc\u00dfen, Unterschrift Meine Biografie Den Holocaust \u00fcberleben, das ist ein Wunder Gottes, ein gro\u00dfes...","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4438","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4438"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4438\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4440,"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4438\/revisions\/4440"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4438"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4438"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4438"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}