{"id":4436,"date":"2021-07-22T14:24:04","date_gmt":"2021-07-22T12:24:04","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=4436"},"modified":"2021-07-22T14:24:07","modified_gmt":"2021-07-22T12:24:07","slug":"valentina-aleksandrovna-v-freitagsbrief-nr-179","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/valentina-aleksandrovna-v-freitagsbrief-nr-179\/","title":{"rendered":"Valentina Aleksandrovna V. \u2013 Freitagsbrief Nr. 179"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Gebiet Cherkassy, Ukraine<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dies ist der Brief einer Frau, die in Ihrem Land geboren wurde, als meine Mutter Maria im Alter von 18 Jahren nach Deutschland deportiert wurde. Ich bin jetzt 75 Jahre alt. Als ich geboren wurde, verbrachte ich die ersten Tage ein Haus in einer Kiste unter dem Bett meiner Mutter. Das Baby, d.h. ich, wurde versteckt. Eine deutsche Frau brachte eine Flasche Milch im \u00c4rmel mit, mit der sie mich f\u00fctterten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter, als unsere Truppen in Deutschland einmarschierten, nahm der Bauer Franz Bombel meine Mutter mit ihrem \u00a0Kind auf seinem Hof auf, er hatte auch Kinder in meinem Alter (so erz\u00e4hlte es mir meine Mutter). Es waren Jungen und M\u00e4dchen: Elsa, Christi, Sonni, Rudy, Zone \u2013 ich wei\u00df es nicht mehr genau. Elsa war mein Kinderm\u00e4dchen, sie war zu der Zeit 7 &#8211; 8 Jahre alt. Meine Mutter und ihre Freundinnen erinnerten sich daran, wie sie K\u00fche und Milch nach Polen brachten.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Mutter kehrte in die Ukraine zur\u00fcck, als ich 2,3 Jahre alt war. Sie fuhr &#8220;per Anhalter&#8221; mit der Bahn, an der Grenze wurde sie nicht \u00fcberpr\u00fcft. Sie brachte eine Menge Sachen mit: Ich hatte damals schon einen Kinderwagen, ein Kinderbett und viele Kleidungsst\u00fccke, Dinge, die die Dorfkinder nicht hatten. Die Ukraine war damals arm.\u00a0 Ich hatte ein bisschen Gl\u00fcck \u2013 es war wie eine Entsch\u00e4digung f\u00fcr meine Leiden. Meine Mutter ist nicht mehr da, aber ich f\u00fchle mich zu dem Ort hingezogen, &#8220;wo mein Nabel begraben ist&#8221; \u2013 (wie wir sagen). Ich habe versucht hinzufahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Moment bin ich Leiterin der bezirklichen gesellschaftlichen Organisation &#8220;H\u00e4ftlinge\/ Opfer des Nationalsozialismus&#8221;, ich habe gro\u00dfe Autorit\u00e4t. Ich m\u00f6chte eine Freundin oder einen Freund in Deutschland haben, das w\u00e4re toll! Ich denke, mein Brief wird Sie \u00fcberraschen und inspirieren, besonders die j\u00fcngere Generation. Unser Volk hegt keinen Groll gegen Ihre Krieger, denn es sind die Taten eines einzigen Mannes \u2013 Hitlers und seiner Clique. Aber den Menschen wurde viel B\u00f6ses angetan, vor allem den Verschleppten: Alle Pl\u00e4ne gingen zu Bruch, alles wurde auf den Kopf gestellt. Ich habe meinen Vater gefunden, als ich 50 Jahre alt war, das war der Wille meiner Mutter. Ich suchte ihn selbst, ich schrieb nach Arolsen, nach Podolsk, erhielt aber nirgends eine Antwort, und ich fand ihn nach den Erz\u00e4hlungen meiner Mutter. [&#8230;]<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Zeit bewundere ich die G\u00fcte und Aufrichtigkeit der Deutschen, die unsere Opfer bis jetzt entsch\u00e4digen; vielen Dank an alle, die f\u00fcr unsere Opfer spenden. Es sind nicht mehr viele von ihnen am Leben. Ich w\u00fcnschte, es g\u00e4be eine Entsch\u00e4digung f\u00fcr die Kinder und Enkelkinder unserer Opfer.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8230;&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Ver\u00f6ffentlichen Sie zu Hause meine Geschichten, damit die Jugend Ihres Landes und alle Deutschen wissen, was wir ertragen und durchgemacht haben. Schicken Sie mir dann bitte, was Sie schreiben, meine Erz\u00e4hlungen, meine Autobiografie. Ich werde es an meine Zeitung schicken, damit mehr Menschen davon erfahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine tiefe Verbeugung und Hochachtung gegen\u00fcber allen, besonders Gottfried Eberle 31. 3. 2021<\/p>\n\n\n\n<p>Viele, viele Gr\u00fc\u00dfe an die Mitglieder Ihres Vereins!<\/p>\n\n\n\n<p>[&#8230;]<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Mutter, Maria Timofeevna Verbova, wurde am 18. Dezember 1925 in der Ukraine, im Dorf Shulyaki, Bezirk Zhashkovsky (damals Kiewer Gebiet), geboren. Ich wurde 1945 geboren, aber meine Mutter brachte immer die Orte durcheinander: Einmal nannte sie die Stadt Stralsund &#8211; irgendwo in Pommern, aber jetzt ist es nicht mehr Pommern. Nach den Akten bin ich auf der Station Matejdorf geboren wurde. Aber meine Mutter war etwas verwirrt, sie hatte bereits Misophremie \u2013 das ist eine Art Geisteskrankheit. Mein Vater war Milit\u00e4r-Aufkl\u00e4rer, Jude.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war schwer f\u00fcr mich, als meine Mutter mich ins Dorf mitbrachte: Wer konnte schon glauben, dass ich keinen deutschen Vater hatte. Meine Mutter und mein Vater vertrugen sich nicht. Er kehrte an seinen Ort zur\u00fcck, meine Mutter an ihren. Ich habe eine Menge Kr\u00e4nkungs-\u201eTabletten\u201c geschluckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe zwei Hochschulabschl\u00fcsse. Ich bin Lehrerin, au\u00dferdem spiele ich alle Musikinstrumente. Die letzte Zeit habe ich im Sanatorium &#8220;Yunost&#8221; als Animateurin gearbeitet. Ich hatte dort ein Akkordeon &#8220;Wolfmeister&#8221; \u2013 ein f\u00fcnfreihiges, sehr gutes deutsches Akkordeon. Ich bin jetzt 75, ich bin krank und meine F\u00fc\u00dfe schmerzen sehr. Aber man sagt mir, ich h\u00e4tte weniger tanzen sollen, als ich jung war. In der Schule habe ich Deutsch gelernt, aber das habe ich schon wieder vergessen. Ich erinnere mich ein wenig, einige W\u00f6rter und S\u00e4tze \u2013 wie etwas hei\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>[&#8230;]<\/p>\n\n\n\n<p>Noch einmal: Wir sind Ihnen sehr dankbar, dankesch\u00f6n [auf Deutsch geschrieben], \u00a0dass Ihr Programm sehr notwendig und wichtig ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Versuchen Sie, jemanden aus der Familie Franz Bombel zu finden. Vielleicht leben noch Elsa, Christy, Rudy und Soni&#8230;.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf Wiedersehen. [auf Deutsch geschrieben]<\/p>\n\n\n\n<p>Mit herzlichen Gr\u00fc\u00dfen und W\u00fcnschen,<\/p>\n\n\n\n<p>Walentina Alexandrowna.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;04.06.2021<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00dcbersetzung Karin Ruppelt, Vorbereitung Igor Makarow<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gebiet Cherkassy, Ukraine Dies ist der Brief einer Frau, die in Ihrem Land geboren wurde, als meine Mutter Maria im Alter von 18 Jahren nach Deutschland deportiert wurde. Ich bin jetzt 75 Jahre alt. 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