{"id":4322,"date":"2021-04-09T10:24:00","date_gmt":"2021-04-09T08:24:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=4322"},"modified":"2021-05-27T10:27:59","modified_gmt":"2021-05-27T08:27:59","slug":"anna-ivanovna-s-freitagsbrief-nr-166","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/anna-ivanovna-s-freitagsbrief-nr-166\/","title":{"rendered":"Anna Ivanovna S. \u2013 Freitagsbrief Nr. 166"},"content":{"rendered":"\n<p>Ukraine, Gebiet Rowno<\/p>\n\n\n\n<p>Guten Tag, sehr geehrte Vertreter des Vereins KONTAKTE-KOHTAKTbI!<\/p>\n\n\n\n<p>Lange Zeit konnte ich mich nicht dazu bewegen, mich hinzusetzten und Ihren Brief zu beantworten. Ich habe ihn mehr als einmal gelesen und ich danke Ihnen f\u00fcr die Aufrichtigkeit, mit der er geschrieben wurde. Und obgleich alles, was ich unten geschrieben habe, mit Erinnerungen verbunden ist, die Aufregung und Angst verursachen, konnte ich Ihren Brief nicht ohne Antwort lassen. In der Tat muss die Erinnerung daran, was w\u00e4hrend dieses schrecklichen und inzwischen schon so fernen Krieges geschah, von einer Generation zur n\u00e4chsten weitergegeben werden, sodass Menschen, die in verschiedenen L\u00e4ndern leben, miteinander kommunizieren. So darf keine Fremdheit oder Hass aufeinander in ihrem Leben sein, das bedeutet, dass es keinen Krieg geben darf, noch nicht einmal Gedanken daran.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war viereinhalb Jahre alt, als meine Mutter \u2013 S. Olga Sergeevna, ich, mein Bruder Viktor und meine Schwestern Sina\u00efda und Olga nach Deutschland verschleppt wurden. Wir lebten damals in der Stadt Djatkowo im Gebietst Brjansk. Zu der Zeit war unser Leben ziemlich komfortabel: Wir hatten zwei H\u00e4user, Gro\u00dfvater und Gro\u00dfmutter lebten mit uns zusammen, mein Vater war im Krieg.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst, als die Deutschen die Stadt erreichten, begann Artilleriebeschuss. Wir bekamen Angst und rannten in den Gem\u00fcsegarten, um uns hinter der Au\u00dfentoilette zu verstecken. Und direkt an der T\u00fcr der Toilette fiel mein Gro\u00dfvater, getroffen von einem Geschoss. Nachdem wir eine Zeit dort geblieben waren, krochen wir nach Hause. Und erst sp\u00e4t am Abend konnte meine Mutter den Nachbarn Bescheid sagen, die uns halfen, unter den Fenstern unseres Hauses ein Loch auszuheben und unseren Gro\u00dfvater dort zu begraben. Es war doch unm\u00f6glich, nach drau\u00dfen zu gehen, weil man Gefahr lief, beschossen zu werden<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df nicht, wieviele Tage vergingen, aber meiner Meinung nach war es morgens. Meine Mutter rief aufgeregt, dass wir schnell etwas zum Anziehen greifen sollten und auf die Stra\u00dfe laufen. \u00dcberall auf der Stra\u00dfe waren bewaffnete Deutsche und trieben uns mit den Rufen: \u201eschnel-schnel\u201c [Original Deutsch mit kyrillischen Buchstaben d.\u00dcbers] in einer Kolonne zum Bahnhof. Wir wurden alle in G\u00fcterwagen ohne Fenster gepfercht. Es war ein Halbdunkel und kalt, meine Mutter legte etwas auf den Wagenboden und wir kauerten uns aneinander und an die Wand, sa\u00dfen stumm und verstanden nicht, was vor sich ging. Dann wurde die T\u00fcr des Waggons mit einem lauten Knall geschlossen und der Zug fuhr ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Anfangs war eine t\u00f6dliche Stille im Waggon. Dann konnte man Fl\u00fcstern h\u00f6ren: Die Insassen des Waggons begannen sich leise gegenseitig zu fragen, wohin sie gebracht w\u00fcrden. Einige \u00e4u\u00dfersten schreckliche Mutma\u00dfungen, von denen wir Kinder ziemlich ver\u00e4ngstigt wurden: Sie sagten, dass wir in Todeslager k\u00e4men. Andere sagten, dass wir zur Zwangsarbeit gebracht w\u00fcrden. Alle blieben im Dunkeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df nicht, wie lange wir fuhren.&nbsp; Aber ich erinnere mich sehr gut daran, wie unser Zug irgendwo schon in Deutschland anhielt. &nbsp;Die T\u00fcr \u00f6ffnete sich und die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne drangen in den Waggon. Wir Kinder eilten sofort zur T\u00fcr und erblickten einige Frauen. Man konnte sehen, dass sie zu unserem Zug liefen. Es waren deutsche Frauen. Nach einigen Minuten sahen wir, dass zwei von ihnen zwei Kinder an der Hand vom Zug wegf\u00fchrten. Im Zug wurde gefl\u00fcstert, dass diese Frauen angerannt waren, um die Kinder zu nehmen und so zu retten. Alle Menschen im Zug fuhren ja in vollkommener Ungewissheit, viele dachten, wir f\u00fchren in den Tod. Deshalb \u00fcbergaben Menschen ihre Kinder diesen Frauen, damit wenigstens ihre Kinder in Sicherheit w\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald startete der Zug wieder und wir fuhren weiter. Wir waren noch sehr jung, wir wollten spielen und wir empfanden nicht den ganzen Schrecken, den meine Mutter empfand. Beim Spiel fingen wir an, laut zu werden, und unsere Mutter konnte uns nur ruhig bekommen mit den Worten, dass sie uns bei der n\u00e4chsten Station auch abgeben w\u00fcrden, wenn wir uns nicht ruhig verhalten w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor wir nach Giengen kamen, wurden wir zu verschiedenen St\u00e4dten gebracht, darunter auch M\u00fcnchen. Einige vollkommen zusammenhangslose Fragmente tauchen in meinen Erinnerungen auf (ein gro\u00dfer Platz mit Menschen aus einem Zug, die Dinge in Stoffb\u00fcndel geknotet tragen; ein zweist\u00f6ckiges Geb\u00e4ude, in dem eine gro\u00dfe Zahl Menschen auf dem Boden schliefen; eine Art Feld und G\u00e4rten mit Lagerfeuern und Erwachsenen kochten Fr\u00fcchte aus einem nahe gelegenen Garten in gusseisernen T\u00f6pfen, um etwas zu Essen zu haben und den Kindern Essen zu geben\u2026).<\/p>\n\n\n\n<p>Dann erinnere ich mich, wie wir zur Stadt Giengen gebracht wurden und in riesigen Baracken untergebracht wurden. Mein Bruder wurde auf der Stelle meiner Mutter weggenommen und zu einem Bauern gebracht, um sich um das Vieh zu k\u00fcmmern. Wie sich sp\u00e4ter herausstellte, musste er mit dem Vieh zusammenleben. Er war vollkommen krank, als meine Mutter ihn nach der Befreiung aus dem KZ fand.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine \u00e4ltere Schwester Sinaida wurde zur Arbeit in einer Fabrik gebracht und meine Mutter auch. Sie mussten irgendwelche Metallteile an Maschinen drehen. Ich und meine \u00e4ltere Schwester Lydia \u2013 sie war damals 6 \u2013 blieben bei den Baracken. Wir spielten mit den anderen Kindern, und wenn wir Wachen mit schwarzen Uniformen mit Armbinden und spiegelblank polierten Stiefeln sahen, verkrochen wir uns unter den Betten und blieben da, bis sie wieder weg waren. Die Etagenbetten waren dreist\u00f6ckig, soweit ich mich erinnere, vielleicht auch zweist\u00f6ckig, das ist jetzt schwer zu erinnern. Jeden Morgen kamen drei W\u00e4chter in die Baracken und pr\u00fcften, ob alles in Ordnung war.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor den Treppenstufen zur Baracke war eine Art Graben. Ich erinnere mich, wie wir eines Tages durch eine Ritze in der T\u00fcr einen komplett nackten jungen Mann, der im Graben stand, sich vorn\u00fcberbeugte und versuchte, seine Bl\u00f6\u00dfe mit den H\u00e4nden zu bedecken. Und rechts vom Graben waren mehrere Wachleute, die kaltes Wasser aus einem Schlauch mit einem Metallteil auf ihn spritzten und lachten. In der N\u00e4he war ein Feuer, auf dem seine Kleidung und sein Bettzeug verbrannt wurden, wie die Erwachsenen sp\u00e4ter erz\u00e4hlten. Ich wei\u00df nicht, was dann mit diesem Mann geschah, weil meine Mutter uns von der Barackent\u00fcr wegzog.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erinnere nicht viel mehr \u00fcber das Leben in den Baracken.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir 1945 befreit worden waren, kamen wir mit dem Zug nachts in Brjansk an und \u00fcbernachteten im Bahnhof. Ich erinnere nicht, wie wir in unsere Heimatstadt zur\u00fcckkamen. Wir kamen zu Hause an und an Stelle unserer beiden H\u00e4user fanden wir Asche. Die Stadt war fast vollst\u00e4ndig abgebrannt, denn zu der Zeit waren die H\u00e4user haupts\u00e4chlich aus Holz. Einige Tage lebten wir auf der Stra\u00dfe bis Bekannte meiner Mutter uns Obdach in ihrer Scheune gaben, wo sie selber auch lebten, weil auch ihr Haus abgebrannt war.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann wurde meine \u00e4lteste Schwester gefunden \u2013 Vera, die zu der Zeit in der Ukraine lebte und in einer Brennerei arbeitete (wir hatten einen gro\u00dfen Altersunterschied, ungef\u00e4hr 15 Jahre, und als wir nach Deutschland verschleppt wurden, war sie nicht bei uns. Soweit ich wei\u00df, studierte sie und war in einer anderen Stadt). Und wir zogen in die Ukraine, wo wir fast unser gesamtes Leben gelebt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>2015 starb mein Ehemann. Und vor zweieinhalb Monaten habe ich meinen Sohn begraben, der erst 54 Jahre alt war. Ich bin die ganze Zeit krank &#8211; ich habe vier Schlaganf\u00e4lle erlitten und bin am Leben Dank der Pflege durch meine Tochter. Ich bin nat\u00fcrlich dankbar f\u00fcr Ihre wiederholte Hilfe in dieser nicht so leichten Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Und qu\u00e4len Sie sich nicht vor Reue wegen der Verbrechen, die Ihre Gro\u00dfv\u00e4ter und Urgro\u00dfv\u00e4ter begangen haben, weil die gegenw\u00e4rtige Generation daf\u00fcr nicht zur Verantwortung gezogen werden kann. Wir m\u00fcssen uns gegenseitig vergeben und alles was m\u00f6glich ist tun, damit niemand jemals wieder die Schrecken des Krieges erleben muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Was mich betrifft, bin ich sehr dankbar f\u00fcr Ihren Brief, f\u00fcr Ihr aufrichtiges Bedauern \u00fcber das, was zwischen unseren Vorfahren im letzten Jahrhundert vor vielen Jahren geschehen ist, f\u00fcr Ihr Erinnern, daf\u00fcr, dass Sie Ihre Kinder lehren, sich dazu menschlich zu verhalten, damit in Zukunft nie mehr so etwas wie zwischen 1941-1945 passiert. Ich bin Ihnen dankbar f\u00fcr die moralische, materielle und einfach menschliche Unterst\u00fctzung, denn es sind so viele Jahre vergangen\u2026.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcnsche Ihnen, Ihren Familien und Ihrem Land Frieden und Wohlstand.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesen Brief hat meine Tochter Svetlana nach meinem Diktat geschrieben, , weil es mir schwer f\u00e4llt, selbst zu schreiben wegen meiner schlechten Gesundheit und Sehsch\u00e4rfe. Und nat\u00fcrlich habe ich nichts gegen die Ver\u00f6ffentlichung meines Erz\u00e4hlung.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Hochachtung<\/p>\n\n\n\n<p>Anna Ivanovna S., geboren 1939<\/p>\n\n\n\n<p>Ukraine, Gebiet Rowno<\/p>\n\n\n\n<p>Februar 2021<br><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00dcbersetzung aus dem Russischen: Sibylle Suchan-Flo\u00df<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ukraine, Gebiet Rowno Guten Tag, sehr geehrte Vertreter des Vereins KONTAKTE-KOHTAKTbI! Lange Zeit konnte ich mich nicht dazu bewegen, mich hinzusetzten und Ihren Brief zu beantworten. 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