{"id":4193,"date":"2021-03-19T11:18:48","date_gmt":"2021-03-19T10:18:48","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=4193"},"modified":"2021-03-26T19:31:51","modified_gmt":"2021-03-26T18:31:51","slug":"nina-michaylowna-n-z-freitagsbrief-nr-163","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/nina-michaylowna-n-z-freitagsbrief-nr-163\/","title":{"rendered":"Nina Michaylowna N.-Z. \u2013 Freitagsbrief Nr. 163"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Gebiet Donezk, Ukraine<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Nina Michajlowna N.-Z. hat uns im Februar zusammen mit einem Brief diesen Zeitungsausschnitt (einer russischsprachigen Zeitung) geschickt. Im Bericht erw\u00e4hnt wird, dass im Zuge der so genannten &#8220;Zwangsarbeiterentsch\u00e4digung&#8221; auch minderj\u00e4hrige H\u00e4ftlinge Antr\u00e4ge stellten. Da es f\u00fcr sie eine \u00d6ffnungsklausel im Stiftungsgesetz der Stiftung &#8220;Erinnerung, Verantwortung und Zukunft&#8221; gab, konnte ihnen nach Abschluss der haupts\u00e4chlichen Auszahlungen aus Zinsen der Stiftung ein kleiner Geldbetrag ausgezahlt werden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Ein zu den \u00d6rtlichkeiten befragter \u00f6sterreichischer Historiker hat herausgefunden: &#8220;In passender Entfernung von Bratislava gibt es Untersiebenbrunn im Bezirk G\u00e4nserndorf, das sollte es sein&#8221;.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Abrechnung und Belohnung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Gro\u00dfe Vaterl\u00e4ndische Krieg und die Schicksale der Menschen in dieser Zeit h\u00e4ngen eng zusammen. Die einen zogen am ersten Tag des Krieges in den Kampf, andere wurden zusammen mit ihren Betrieben ins Hinterland verlegt, um dort Stahl und Panzerungen f\u00fcr den zuk\u00fcnftigen Sieg zu schmieden, andere trieben ihr Vieh m\u00f6glichst weit weg von der Front und wer im besetzten Gebiet verblieb, erlebte unvorstellbar schwere Zeiten: Angst um die N\u00e4chsten, Hunger, Verschleppung in deutsche Lager oder zur Arbeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Nina N. erinnert sich bis heute mit Zittern und Beben an die Geschichte ihrer Eltern:<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Krieg begann, lebten meine Eltern im Dorf Poltavka im Bezirk Guljajpol\u2019sk des Gebiets Saporoschje. Meine Mutter hatte gerade die 7. Klasse beendet und war noch nicht 16. Und der Vater war knapp 18. Sie mochten sich. Und alles w\u00e4re f\u00fcr sie ganz anders gekommen, h\u00e4tte es nicht Krieg gegeben. So aber gerieten sie in Gefangenschaft und wurden zur Arbeit nach \u00d6sterreich verschleppt, in das Dorf Unterreinbrunn, Kreis Kansdorf, 18 km entfernt von Bratislava. Ihre Hausherren erwiesen sich als ordentliche und gute Menschen, die Mitgef\u00fchl f\u00fcr die Sowjetmenschen zeigten und ihnen nichts zuleide taten, sondern ihnen halfen, so gut sie konnten. Und das war nicht erstaunlich: Sie hassten diesen Krieg von Herzen, weil ihr Sohn gezwungen wurde, f\u00fcr den F\u00fchrer zu k\u00e4mpfen, und bei Stalingrad gefallen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Mihail und Katja gefielen ihnen. Sie machten widerspruchslos und gut jede Arbeit. Mihail hatten sie liebgewonnen wie ihren eigenen Sohn und hatten nichts dagegen, als er die Erlaubnis erbat, Katja zu heiraten. So wurde im weit entfernten \u00d6sterreich die Familie Z. gegr\u00fcndet. Dort wurde ich am 28. M\u00e4rz 1944 geboren. Die Hausherren meiner Eltern halfen mir zu \u00fcberleben, sie gaben sich M\u00fche, Mama gut zu ern\u00e4hren, damit sie Milch h\u00e4tte, die Hausherrin h\u00fctete mich sogar ein paar Stunden am Tag, damit Mama sich ausruhen konnte! Das zeugt davon, dass die einfachen Leute oft eine gemeinsame Sprache fanden, sich gegenseitig halfen. Sie brauchten den Krieg nicht, er t\u00f6tete nicht das Gute in ihnen ab.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Abreise nach Hause 1945 gaben sie ihnen einen Wagen, Essen und Kleidung mit. Unterwegs wurden sie bombardiert. Das war im April 1945. Meinen Vater und alle M\u00e4nner steckten sie in ein Strafbataillon der Roten Armee und schickten sie sofort in den Kampf. Frauen und Kinder mussten sich zum Bahnhof begeben, wo sie in G\u00fcterwagen Richtung Heimat gepackt wurden. Von meiner Mutter erfuhr ich, dass die Hausherrin bei dem Bombardement verletzt wurde und kurz darauf starb.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie k\u00e4mpften die Strafbataillone? Sie wurden zu Kanonenfutter f\u00fcr die Hitler-Soldaten. Sie hatten keine milit\u00e4rische Ausbildung, viele von ihnen kamen sofort ums Leben oder nach ein paar Stunden. So starb mein Vater einen Monat vor dem Sieg. Es war auch nicht leicht f\u00fcr die, die bis in die Heimat gelangten. Es gab keine Lebensmittel. An den Haltestellen blieben einige Frauen bei den Kinderchen, andere gingen los, um Milch, Brot und alles M\u00f6gliche zu finden. Viele Kinder waren krank und starben.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir durch Moldawien fuhren, bekam ich eine Mundschleimhautentz\u00fcndung. W\u00e4hrend eines l\u00e4ngeren Aufenthalts fand meine Mutter eine \u00c4rztin, aber die sagte, sie w\u00fcrde nur gegen Bezahlung eine Tinktur machen. Mama kam zur\u00fcck, griff etwas von unseren Sachen und machte sich auf den Weg zur rettenden Medizin.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Monate waren wir auf dem Weg in die Ukraine. Nur 9000 Kinder blieben am Leben, darunter ich, und viele wurden sp\u00e4ter krank und starben. Das ging nicht spurlos vor\u00fcber. Im Alter zwischen 3 und 9 Jahren hatte ich Tuberkulose an der Wirbels\u00e4ule. Bis heute erinnere ich mich an die Verb\u00e4nde, Medikamente, Krankenh\u00e4user. Aber Gott sei Dank \u00fcberlebte ich dank der \u00c4rzte, der Naturheilmittel und der Geduld meiner Mutter Ekaterina Fjodorowna.<\/p>\n\n\n\n<p>Mama und ich kehrten in ihre geliebte Heimat zur\u00fcck. Meine Gro\u00dfmutter war oft krank. Mama ging in die Kolchose arbeiten. Als Spitzenarbeiterin wurde sie nach Melitopol in die Landwirtschaftsschule geschickt, danach arbeitete sie als Agronomin.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch etwas: Alle, die in Gefangenschaft waren, und ihre Kinder wurden schief angeguckt. Die M\u00e4nner, die heil geblieben waren, mussten eine Strafe absitzen. Weil sie das wusste, belie\u00df meine Mutter mein Geburtsdatum, nannte aber als Geburtsort ihr Heimatdorf. Das verhalf mir dazu, die Schule und danach die historisch-philologische Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t von Dnepropetrowsk erfolgreich abzuschlie\u00dfen. Meine Mutter und ich sprachen oft \u00fcber den Vater und \u00fcber den Krieg. F\u00fcr viele Jahre erz\u00e4hlte ich niemandem die Wahrheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Als man begann, \u00fcber die Stiftung \u201eVers\u00f6hnung\u201c zu sprechen, zwang mich meine Mutter zum Ausf\u00fcllen der entsprechenden Dokumente. Damit habe ich 3 Jahre zugebracht. Jedes Mal, wenn ich nicht weiterkam, wollte ich aufgeben, machte dann aber doch weiter mit meiner Suche. Ich schickte eine Anfrage nach \u00d6sterreich und erhielt eine Best\u00e4tigung meiner dortigen Geburt. Bei der Milit\u00e4rverwaltung erhielt ich eine Bescheinigung als Teilnehmerin an Kampfhandlungen. Weil unsere Regierung dankenswerter Weise die Schicksale dieser Kriegskinder, wie ich eines bin, richtig behandelt, bekomme ich eine erh\u00f6hte Pension und bin privilegiert bei der Wohnungsmiete, Sanatoriums-Aufenthalten, der kostenlosen Nutzung der \u00f6ffentlichen Verkehrsmittel. Kurz gesagt sp\u00fcre ich, dass man sich um mich sorgt. F\u00fcr mich ist das sehr wichtig, weil mein Mann vor 9 Jahren starb. Fr\u00fcher war er, Wasilij Iwanowitsch N., Mechaniker im Lastkraftbetrieb. Das Leben ist heute nicht leicht, aber die genannten Privilegien retten mich.<\/p>\n\n\n\n<p>P.S. N.M. lebt und arbeitet seit 1972 in unserer Stadt, die f\u00fcr sie zur Heimat wurde. 35 Jahre widmete sie der Erziehung der jungen Generation in der Internats-Schule Nr. 1, und in zwei Spezialschulen, Nr. 7 und Nr. 12. Die umtriebige Frau zog zwei wunderbare T\u00f6chter gro\u00df (Namen und Berufe) und hat 5 Enkel. Bis heute arbeitet sie als Wachperson in einer Apotheke, Ihre Blumenbeete erfreuen die Augen aller hier.<\/p>\n\n\n\n<p>Ljudmila Yu.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00dcbersetzung aus dem Russischen: Karin Ruppelt<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gebiet Donezk, Ukraine Nina Michajlowna N.-Z. hat uns im Februar zusammen mit einem Brief diesen Zeitungsausschnitt (einer russischsprachigen Zeitung) geschickt. Im Bericht erw\u00e4hnt wird, dass im Zuge der so genannten &#8220;Zwangsarbeiterentsch\u00e4digung&#8221; auch minderj\u00e4hrige H\u00e4ftlinge Antr\u00e4ge stellten. 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