{"id":4111,"date":"2021-03-12T15:20:24","date_gmt":"2021-03-12T14:20:24","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=4111"},"modified":"2021-03-12T15:20:27","modified_gmt":"2021-03-12T14:20:27","slug":"galina-vasilyevna-n-freitagsbrief-nr-162","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/galina-vasilyevna-n-freitagsbrief-nr-162\/","title":{"rendered":"Galina Vasilyevna N. \u2013 Freitagsbrief Nr. 162"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Ukraine, Gebiet Tscherkassy<br>Februar 2021<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sehr geehrte und sehr liebe Gottfried Eberle und Sybille Suchan-Floss!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe einen Brief von Ihnen erhalten und beschlossen, Ihnen zu schreiben und Ihnen f\u00fcr Ihre Hilfe zu danken und daf\u00fcr, dass wir Ihnen nicht gleichg\u00fcltig sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin sehr dankbar, dass die neue junge Generation in Deutschland uns versteht und uns (Gefangenen) helfen will. Ich begr\u00fc\u00dfe das und danke Ihnen daf\u00fcr und w\u00fcnsche Ihnen und Ihrem ganzen Volk gute Gesundheit und Frieden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, diese Hilfe hilft mir sehr, denn unsere Renten sind klein. Sagen wir, ich habe eine Rente von etwa 100 $. Wir m\u00fcssen Versorgungsrechnungen bezahlen, die jetzt sehr hoch sind, vor allem f\u00fcr Gas, Strom und Wasser. W\u00e4hrend der Heizperiode im Winter sind es etwa 100 $ im Monat, und f\u00fcr Lebensmittel und Medikamente reicht das Geld nicht. So sieht unser Leben aus. Ich kann in meinem Alter und bei meiner Gesundheit kein Geld dazuverdienen. So \u00fcberlebe ich irgendwie. Und dank Ihnen, weil Sie mir mit Medikamenten helfen, habe ich davon genug f\u00fcr 3-4 Monate.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich werde Ihnen kurz von mir erz\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Mutter, Juzefa Iwanowna T., wurde am 24. November 1942 als M\u00e4dchen nach Deutschland verschleppt und blieb dort bis zur Befreiung bis zum Ende des Krieges. Sie arbeitete in irgendeiner Fabrik (ich wei\u00df es nicht), dann war sie im Dienst eines Herrn in Staer [Steyer?] (jetzt hei\u00dft es anders). Ihr Herr war Priester.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erinnere mich, als ich klein war, erz\u00e4hlte sie mir, dass ihr Herr zwei T\u00f6chter hatte, die Kundi und Heidi hie\u00dfen, sie waren damals etwa 3-4 Jahre alt. Vielleicht sind sie noch am Leben. Sie waren sch\u00f6n, gehorsam und freundlich, meine Mutter k\u00fcmmerte sich um sie und versorgte sie. Die Besitzer waren bei der Arbeit und sie war die Hausfrau. Sie haben meine Mutter sehr gut behandelt. Sie kleideten sie, ern\u00e4hrten sie und gaben ihr Geschenke. Und als sie (schon mit mir) nach Hause in die Ukraine kam, brachte sie eine Menge Geschenke und verschiedene Kleidungsst\u00fccke mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Das deutsche Tischtuch habe ich noch, ich behalte es als Reliquie. Es ist sehr alt und sch\u00e4big (\u00fcber 75 Jahre). Ich nehme es oft in die Hand und schaue es an und erinnere mich an meine Mutter, es ist mein einziges Erinnerungsst\u00fcck an sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ungef\u00e4hr 60 Jahre her, dass meine Mutter verstorben ist. Ich hatte eine sehr schwierige Kindheit. Als meine Mutter mich aus Deutschland mitbrachte, hielten alle unsere Nachbarn, Verwandten und sogar die Eltern meiner Mutter sie f\u00fcr eine Verr\u00e4terin und Volksfeindin. Und jeder nannte mich ein &#8220;deutsches H\u00fcndchen&#8221;. Meine Gro\u00dfmutter gab mir nichts zu essen und wollte, dass ich verhungere, weil ich &#8220;rothaarig&#8221; war und nicht wie alle.<\/p>\n\n\n\n<p>Es hat lange gedauert, bis meine Mutter eine Arbeit bekam &#8211; sie wurde nirgends akzeptiert (als Verr\u00e4terin), es herrschte Misstrauen ihr gegen\u00fcber. Als ich heranwuchs, traute ich mich nicht hinaus, alle Gleichaltrigen und sogar Erwachsene h\u00e4nselten mich, wollten nichts mit mir zu tun haben, weil ich &#8220;eine Fremde&#8221; war. Ich wei\u00df bis heute nicht, wer mein Vater ist. In der Geburtsurkunde stehe da ein Strich, und meine Mutter hat sich meinen Vatersnamen selbst ausgedacht. Oft fragten Erwachsene, um mich schmerzlich zu treffen und zu beleidigen, nach meinem Vatersnamen, als ob der ihnen nicht gleichg\u00fcltig w\u00e4re, aber tats\u00e4chlich in der Absicht zu sticheln, und das war sehr schmerzhaft und verletzend f\u00fcr mich. Aber es war nicht die Schuld meiner Mutter, es war damals so. Und ich denke, dass es Frieden auf dem ganzen Planeten geben wird, und dass die Kinder des ganzen Planeten und die Erwachsenen gl\u00fccklich und gesund sein werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war meine Kindheit, ich hatte die ganze Zeit Angst vor jemandem oder etwas. Meine Mutter war sehr krank, sie litt an Epilepsie (von den Nerven her und durch ihr Leid). Sie lag oft, fast die ganze Zeit, im Krankenhaus, und ich war allein zu Hause, es gab nichts zu essen, ich litt und hungerte, hatte nichts zum Anziehen. Als ich in der 5. Klasse war, wurde ich in einem Waisenhaus untergebracht. Dort wurde mein Leben besser, ruhiger und lustiger. Niemand wusste etwas \u00fcber meine Vergangenheit, wo ich geboren wurde und woher ich kam, aber bald starb meine Mutter, mit 40 Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe die Schule und die Berufsschule, dann die Universit\u00e4t abgeschlossen, ich habe eine Hochschul-Ausbildung, und arbeitete \u00fcber 35 Jahren in der Bezirksverwaltung als Leiterin der Personalabteilung, bekomme aber, wie Sie sehen, im Alter nur so ein paar elenden Groschen, dass es nicht zum Leben reicht, und ich bin sehr froh \u00fcber Ihre Hilfe. Was f\u00fcr einen Staat wir haben! Wie er f\u00fcr seine Rentner sorgt!<\/p>\n\n\n\n<p>1987 war ich auf einer Touristenreise in Deutschland (DDR). Zu dieser Zeit diente mein Sohn in der Armee in der Stadt Rosslau, in der N\u00e4he von Magdeburg. Ich habe die Reise gemacht, um ihn zu treffen. Wir hatten ein Treffen und er wurde beurlaubt, um 3 Tage mit unserer Gruppe zu verbringen. Als ich mit ihm durch Berlin spazierte, flatterte mein Herz, es schien, als sei irgendwo etwas mir &#8220;Verwandtes&#8221;, nur wusste ich nicht, in welcher Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und jetzt lebe ich allein als Witwe, mein Mann ist 2001 gestorben. Mein Sohn Alexander ist 2017 an einem Herzinfarkt gestorben. Es ist jetzt sehr, sehr schwer f\u00fcr mich. Ich bin sehr krank seit dem Verlust meines Mannes, und vor allem seit dem Verlust meines lieben Sohnes. Durch den starken Stress habe ich Diabetes, hatte 2 Herzinfarkte, und ich brauche st\u00e4ndig Behandlungen und Medikamente. Ich bin sehr dankbar, dass Ihre j\u00fcngere Generation sehr verst\u00e4ndnisvoll ist und uns hilft. Gesundheit f\u00fcr Sie alle, f\u00fcr die junge Generation und f\u00fcr Ihre ganze Nation.<\/p>\n\n\n\n<p>Und ich w\u00fcrde so gern etwas \u00fcber diese beiden M\u00e4dchen erfahren: Kundi und Heidi , ob sie am Leben sind, in welcher Stadt sie wohnen, ob sie Kinder und Enkel haben. (Damals wohnten sie in der Stadt Schtaer.) Ich m\u00f6chte mit ihnen Kontakt haben, vielleicht erinnern sie sich an meine Mutter und k\u00f6nnten etwas \u00fcber sie erz\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Mutter war die ganze Zeit krank und ich war klein, sie hat mir sehr wenig \u00fcber das Leben in Deutschland erz\u00e4hlt und deshalb habe ich es sehr kurz beschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist alles. Ich bin Ihnen sehr dankbar f\u00fcr Ihre Hilfe. Ich w\u00fcnsche Ihnen allen eine gute Gesundheit, Frieden, ein ruhiges Leben und alles Gute.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Hochachtung vor Ihnen, ich, Galina Vasilyevna N. , 88<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00dcbersetzung aus dem Russischen: Karin Ruppelt<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ukraine, Gebiet TscherkassyFebruar 2021 Sehr geehrte und sehr liebe Gottfried Eberle und Sybille Suchan-Floss! Ich habe einen Brief von Ihnen erhalten und beschlossen, Ihnen zu schreiben und Ihnen f\u00fcr Ihre Hilfe zu danken und daf\u00fcr, dass wir Ihnen nicht gleichg\u00fcltig sind. 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