{"id":4074,"date":"2021-02-11T14:41:22","date_gmt":"2021-02-11T13:41:22","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=4074"},"modified":"2021-02-11T14:45:24","modified_gmt":"2021-02-11T13:45:24","slug":"sinaida-jewdokimowa-s-freitagsbrief-nr-158","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/sinaida-jewdokimowa-s-freitagsbrief-nr-158\/","title":{"rendered":"Sinaida Jewdokimowa S.  \u2013 Freitagsbrief Nr. 158"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Kyjiw<\/strong>, <strong>Ukraine<\/strong><br><strong>3.12. 2020<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Guten Tag!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte Ihrem Verein, der ukrainischen Stiftung \u201eGegenseitige Verst\u00e4ndigung und Toleranz\u201c und allen, die gespendet haben, meine aufrichtige Dankbarkeit f\u00fcr die mir geleistete medizinische Hilfe ausdr\u00fccken. Die Medizin habe ich schon eingenommen und f\u00fchle mich etwas besser. Vielen Dank!<\/p>\n\n\n\n<p>Und jetzt ein wenig \u00fcber mich:<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin am 16. November 1943 in Gefangenschaft geboren. Meine Eltern, Wera Nikitowna Sh. und Ewdokim Afanasjevitsch Sh., geboren 1913, verschleppten die Deutschen aus Lutschin im Gebiet Zhitomir\u00a0(Ukraine) im Zweiten Weltkrieg am 22. Juni 1942 nach Deutschland. Ich schreibe die Erinnerungen auf, wie sie mir meine Mutter erz\u00e4hlt hat. Sie wurden ohne Wasser und ohne Essen in G\u00fcterwaggons transportiert. Bei einem Zwischenhalt wurden alle aus den Waggons gejagt, namentlich aufgerufen und auf H\u00f6fe zum Arbeiten verteilt, meine Eltern auf verschiedene, aber in einem Dorf gelegene. Das Dorf war Janowitz im Kreis R\u00f6merstadt im Sudentengebiet der Tschechoslowakischen Republik, das von den Faschisten besetzt war.\u00a0\u00a0 \u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Mutter \u00fcbernahm ein \u00e4u\u00dferst grausamer Mensch. Nach einem Marsch von 10 Kilometern gab er ihr nichts zu essen und zwang sie, Heu auf den Speicher zu tragen. Von der schweren Arbeit bekam sie Nasenbluten, da fing er auf sie einzupr\u00fcgeln. Sein Sohn, der auf Heimaturlaub war, verteidigte meine Mutter. Sie hatten einen furchtbaren Streit, und am n\u00e4chsten Morgen fuhr der Sohn an die Front in der Sowjetunion in den Krieg. Er [der Bauer] brachte meine Mutter unter in einem Lagerraum mit Zementboden, einem Metallbett ohne Matratze und einem Sack Stroh als Kissen. Zu essen gab es saures Brot und eine tr\u00fcbe Br\u00fche. Die Feldarbeit war sehr schwer. Mein Vater arbeitete auf dem \u201eMeierhof\u201c, der einer Gr\u00e4fin geh\u00f6rte [Anneliese von Ribbentrop geb. Henkell (Sekt)]. Ihr Mann war Au\u00dfenminister. Mein Vater erbat die Erlaubnis, dass meine Mutter bei ihm wohnen k\u00f6nnte. Es gab gro\u00dfe Schwierigkeiten, aber meine Mutter zog zu ihm in die Baracke um. Mein Vater arbeitete in einem S\u00e4gewerk, meine Mutter auf dem Bauernhof, auf dem Feld, im Leinenkombinat im Dorf Neufang. Das Essen war sehr schlecht. Ein Laib Brot auf 20 Personen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Zeit meiner Geburt herankam, wurden meine Mutter und noch einige werdende M\u00fctter mit dem Zug nach Prag gebracht in eine Geburtsbaracke f\u00fcr Ostarbeiter. Hinter der Baracke war eine Grube ausgehoben, in die die Kinder geworfen wurden, und die Frauen brachte man zur\u00fcck zur Arbeit. Der Arbeitgeber meiner Eltern, einer von wenigen, nahm alle M\u00fctter mit ihren Neugeborenen mit nach Hause mit dem Gedanken, dass die Kinder f\u00fcr ihn arbeiten k\u00f6nnten, wenn die Eltern tot w\u00e4ren. Die Deutschen sagten, dass 40 Jahre lang keine Frau arbeiten w\u00fcrde, solange es Ostarbeiter gab.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war die H\u00f6lle! Tag und Nacht war in der Grube Bewegung und Gewinsel. Wenn man so sagen kann, hatten meine Mutter und noch einige andere Frauen Gl\u00fcck. Ich m\u00f6chte den \u2013 inzwischen wahrscheinlich verstorbenen \u2013 deutschen Frauen und M\u00e4nnern danken, die unter Androhung der Erschie\u00dfung meiner Mutter Windeln brachten, Kinderkleidung und Milch, ohne die ich vielleicht nicht am Leben geblieben w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Krieg \u2013 K\u00e4lte, Hunger und schwere Wiederaufbauarbeit. Mein Vater starb nach einem Jahr, 1946, mit 33 Jahren an schwerer Lungenentz\u00fcndung. Meine Mutter musste die letzten 4 Lebensjahre liegen. Am 10. 12. 2006 verstarb sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Schulabschluss ging ich nach Kiew, studierte an der Bau-Hochschule und wurde Betriebstechnologin und Bauingenieurin. Ich heiratete. Ich habe zwei T\u00f6chter, zwei Enkelinnen, die ihre eigenen Familien haben. Mein Mann ist 2004 gestorben.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Pensionierung arbeitete ich aktiv in unserer Organisation als Verantwortliche Sekret\u00e4rin und Hauptbuchhalterin. Wir arbeiteten aktiv mit der Jugend. Wir organisierten Treffen, bei denen wir \u00fcber das Leben in Gefangenschaft erz\u00e4hlten, damit die zuk\u00fcnftige Generation nichts Derartiges zulassen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt bin ich krank, Invalidin der II. Gruppe. Leider ist die Situation in der Ukraine instabil, und dann kriecht noch dieses Covid 19 \u00fcber den ganzen Planeten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die einzige Hoffnung ist Gott.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch einmal danke!!!<\/p>\n\n\n\n<p>Allen eine gute Gesundheit!!!<\/p>\n\n\n\n<p>P.S. ich habe nichts gegen die Ver\u00f6ffentlichung meiner kurzen Erinnerungen., da all das die Wahrheit ist. Ich habe mich verschiedentlich an verschiedene Archive in Deutschland und Tschechien gewandt. Antwort: nicht gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dank des Einwohners von Prag Jerzy Prokop, Mitglied des Komitees des Europ\u00e4ischen Kongresses der Opfer des Faschismus 1920 \u2013 1945, habe ich eine Kopie des Ortes der Registrierung meiner Mutter, die er fand und uns schickte, wof\u00fcr ich ihm sehr dankbar bin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kyjiw, Ukraine3.12. 2020 Guten Tag! Ich m\u00f6chte Ihrem Verein, der ukrainischen Stiftung \u201eGegenseitige Verst\u00e4ndigung und Toleranz\u201c und allen, die gespendet haben, meine aufrichtige Dankbarkeit f\u00fcr die mir geleistete medizinische Hilfe ausdr\u00fccken. Die Medizin habe ich schon eingenommen und f\u00fchle mich etwas besser. Vielen Dank! Und jetzt ein wenig \u00fcber mich: Ich bin am 16. 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