{"id":4021,"date":"2020-11-30T14:22:56","date_gmt":"2020-11-30T13:22:56","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=4021"},"modified":"2020-11-30T14:22:58","modified_gmt":"2020-11-30T13:22:58","slug":"grabowskij-anatolij-petrowitsch-freitagsbrief-nr-151","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/grabowskij-anatolij-petrowitsch-freitagsbrief-nr-151\/","title":{"rendered":"Grabowskij Anatolij Petrowitsch \u2013 Freitagsbrief Nr. 151"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Gebiet Lugansk<\/strong>, <strong>Ukraine<\/strong><br><strong>M\u00e4rz 2006<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Guten Tag, sehr geehrte Damen und Herren aus der Bundesrepublik Deutschland,<\/p>\n\n\n\n<p>Guten Tag, Mitarbeiter des Komitees \u201eVerst\u00e4ndigung und Auss\u00f6hnung\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wendet sich an Sie Anatolij Petrowitsch Grabowskij, ehemaliger H\u00e4ftling der deutschen KZ\u2018s [tats\u00e4chlich Stalags \u2013 Kriegsgefangenenstammlager. Die meisten ehemaligen Kriegsgefangenen bezeichnen die Stalags als KZ d. \u00dcbers.] und ukrainischer Einwohner. Ich benachrichtige Sie, dass ich am 06.02. 2006 Ihre humanit\u00e4re Hilfe von 300 Euro erhalten habe. Daf\u00fcr bin ich sehr dankbar. Liebe Herren, diese Summe ist f\u00fcr einen Rentner eine gro\u00dfe Hilfe. Das Geld werde ich ausschlie\u00dflich f\u00fcr Medikamente ausgeben, weil die Medikamente bei uns sehr teuer sind. Meine Rente ist sehr klein und betr\u00e4gt etwa 90-100 USD. Davon muss man Lebensmittel kaufen und Betriebskosten f\u00fcr Wasser, Strom und Heizung begleichen. Eine Tonne Kohle kostet inklusive Lieferung 80 USD. Eine Tonne Kohle verbraucht man bei diesem Wetter (Frost bis -30 Grad C) sehr schnell. So sieht unser Leben aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe zwei S\u00f6hne und zwei T\u00f6chter. Meine T\u00f6chter sind Rentnerinnen. Sie haben Enkelkinder. Alle haben eigene Familien. Die \u00e4ltere Tochter lebt im Kreis Krasnodar, 600 km von uns entfernt. Ein Sohn lebt mit uns zusammen und arbeitet als Nachtw\u00e4chter. Sein Lohn ist miserabel. Zudem wird das Geld unregelm\u00e4\u00dfig ausgezahlt. Meine Ehefrau, die Mutter unserer Kinder, ist Invalide der 2. Stufe. Sie ist Asthma- und TBC-krank. Sie hat lange Krankenhausaufenthalte. Wir haben also keine Gr\u00fcnde zur Freude.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Herren, als ich den ersten Brief bekommen habe, wo Sie versprochen hatten, mir zu helfen, habe ich es meinen Bekannten und Verwandten erz\u00e4hlt. Das war im September 2005. Meine Verwandten und ich meinten, dass ich zum Jahreswechsel eine Hilfe erhalten k\u00f6nnte. Im zweiten Brief stand jedoch, dass es wegen b\u00fcrokratischer Hindernisse zu einer Verz\u00f6gerung bei der Auszahlung der Hilfsleistungen kommt. Man sagte in meinem Bekanntenkreis, dass es nur lose Versprechungen w\u00e4ren und ich am Ende gar keine Hilfe bekommen w\u00fcrde. Ich habe dagegen gesagt, dass die Deutschen die ehrlichste Nation in Europa und sogar weltweit sind. Sie erf\u00fcllen alle Versprechungen. Als Beispiel habe ich folgende historische Tatsache erw\u00e4hnt: Als die Briten und Amerikaner deutsche St\u00e4dte und D\u00f6rfer fl\u00e4chendeckend bombardierten, nahmen sie die ganze Infrastruktur unter Beschuss, auch Eisenbahnlinien und Autobahnen. Deshalb konnte das Brot nicht mehr regelm\u00e4\u00dfig in alle Lager geliefert werden. Wegen der zerst\u00f6rten Stra\u00dfen bekamen wir [nur] 120 g Brot t\u00e4glich. Die Lieferverz\u00f6gerungen dauerten 5-6 Tage. Nach der Wiederaufnahme der Brotlieferung bekamen wir das komplette Brot f\u00fcr alle Tage, bis zum letzten Kr\u00fcmchen. So ist die deutsche Nation. Als ein weiteres Beispiel m\u00f6chte ich das Nachkriegsleben in der Ukraine nennen. Alle Lebensmittel waren damals nur nach Vorlage einer Lebensmittelkarte erh\u00e4ltlich. Die Karten wurden st\u00e4ndig umregistriert und mit neuen Stempel und Unterschriften versehen. Das bedeutete, dass die Regierung gegen die eigene Bev\u00f6lkerung argw\u00f6hnisch war. Die da misstrauisch waren, waren selber Diebe! Wenn du es heute nicht geschafft hast, das Brot mit einer Lebensmittelkarte zu erhalten, hattest du morgen keinen Anspruch darauf. Es gab unglaubliche Warteschlangen. \u00c4ltere Frauen und M\u00e4nner starben in den Gesch\u00e4ften und wurden weggebracht. Diejenigen, die es aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden nicht geschafft haben, an einem bestimmten Tag das Brot zu erhalten, haben versucht, sich dar\u00fcber beim Bezirksexekutivkomitee zu beschweren. Die Antwort lautete: \u201eIhr seid nicht tot. Ihr m\u00fcsst euch dar\u00fcber freuen und weiterleben!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Uns haben Amerikaner befreit. Sie haben uns gut behandelt. Es gab reichlich Essen. Ich bin daf\u00fcr dankbar. Als wir an die russischen Geheimdienste \u00fcbergeben wurden, sprachen uns irgendwelche Geheimagenten an. Sie schlugen uns vor, im Westen zu bleiben und ein beliebiges Land als Wohn- und Arbeitsort auszuw\u00e4hlen. Ich habe dies abgelehnt. Ich wollte meine Mutter wiedersehen. Ich bedaure das mein Leben lang. Das war eine jugendliche Dummheit. \u00c4ltere M\u00e4nner waren kl\u00fcger. Viele sind im Westen geblieben. Ich habe also eine Chance gehabt, als normaler Mensch zu leben, die ich nicht benutzt habe. Das kann ich mir selbst nie verziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Amerikaner haben uns also an die Russen \u00fcbergeben. Was passierte danach, ist Ihnen, glaube ich, bekannt. Verh\u00f6re, Gegen\u00fcberstellungen und unendliche Fragen \u201eWie bist du in Gefangenschaft geraten?\u201c, \u201eWarum passierte das?\u201c, \u201eWer war noch dabei?\u201c&#8230; In der Ukraine wurde ich noch ein ganzes Jahr schikaniert. Es gab wieder Verh\u00f6re. Wenn man w\u00e4hrend einer Vernehmung ein einziges Wort sagt, dass mit der Aussage im Laufe der vorigen Vernehmungen nicht \u00fcbereinstimmt, bist du als Feind attestiert. Als Folge gab es zehn Jahre Haft in Sibirien.<\/p>\n\n\n\n<p>Liebe Herren, ich werde mein Leben in den deutschen Lagern nicht beschreiben. Das war schrecklich. Die russischen Gefangenen hatten kein Recht auf Hilfe von der Seite des Roten Kreuzes, denn Stalin hatte gesagt, dass er keine Kriegsgefangenen, sondern nur Volksfeinde habe. Die Briten, Amerikaner und andere waren dagegen gut versorgt. In Kriegsgefangenschaft habe ich verschiedene Arbeit geleistet, auch landwirtschaftliche Arbeit. Vor allem wurden wir aber f\u00fcr die Tr\u00fcmmerbeseitigung nach den Bombenangriffen eingesetzt. Wir haben auch Panzerschutzgr\u00e4ber in \u00d6sterreich gegraben. Sie waren lang und tief und verliefen von einem H\u00fcgel bis zum anderen. Ich m\u00f6chte folgendes sagen. Es gibt in europ\u00e4ischen St\u00e4dten sehr schlechte Menschen. Das sind die Madjaren, die Ungarn. Als wir \u00fcber eine Donaubr\u00fccke gef\u00fchrt wurden, haben die ungarischen Frauen in unsere Richtung gespuckt. Die Jungen haben uns mit Steinen beworfen. Ich kann nicht verstehen, warum sie uns so stark gehasst haben. Was hat damals Russland in Bezug auf ungarische Bev\u00f6lkerung schlecht gemacht. Es ist unklar.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich eine Bankbenachrichtigung f\u00fcr den Erhalt Ihrer Spende erhalten habe, dachte ich mir, dass in der Bank eine lange Warteschlange stehen m\u00fcsste. Als ich die Bank besuchte, sagte man mir, dass ich mich an den Oberbuchhalter wenden soll. Ich habe eine Frage gestellt, ob bereits alle Alten das Geld erhalten haben, weil die Bankempfangshalle leer steht. Der Buchhalter erkl\u00e4rte, dass ich der zweite Geldempf\u00e4nger in unserer Stadt bin. Der erste Mann mit Jahrgang 1921 sei noch nicht erschienen, obwohl eine Benachrichtigung verschickt w\u00fcrde. Vielleicht ist er schwer krank oder schon tot.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielen Dank f\u00fcr Ihre schwere und zeitaufwendige Arbeit! Vielen Dank den Kindern der ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen, allen B\u00fcrger Deutschlands und Mitarbeitern Ihres Komitees.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcnsche Ihnen beste Gesundheit, viel Gl\u00fcck und ein langes Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Anatolij Petrowitsch Grabowskij<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gebiet Lugansk, UkraineM\u00e4rz 2006 Guten Tag, sehr geehrte Damen und Herren aus der Bundesrepublik Deutschland, Guten Tag, Mitarbeiter des Komitees \u201eVerst\u00e4ndigung und Auss\u00f6hnung\u201c. Es wendet sich an Sie Anatolij Petrowitsch Grabowskij, ehemaliger H\u00e4ftling der deutschen KZ\u2018s [tats\u00e4chlich Stalags \u2013 Kriegsgefangenenstammlager. 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