{"id":4007,"date":"2020-11-06T19:02:00","date_gmt":"2020-11-06T18:02:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=4007"},"modified":"2020-11-12T19:03:08","modified_gmt":"2020-11-12T18:03:08","slug":"tschirkow-wladimir-iwanowitsch-freitagsbrief-nr-148","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/tschirkow-wladimir-iwanowitsch-freitagsbrief-nr-148\/","title":{"rendered":"Tschirkow Wladimir Iwanowitsch \u2013 Freitagsbrief Nr. 148"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Ukraine, Gebiet Saparoshje<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>2010<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sehr geehrte Organisatoren der Wohlt\u00e4tigkeitsstiftung \u201eKontakte-\u041a\u043e\u043d\u0442\u0430\u043a\u0442\u044b\u201c,<\/p>\n\n\n\n<p>Ich, Wladimir Iwanowitsch Tschirkow, ehemaliger sowjetischer Soldat, im November 1941 in Gefangenschaft geraten, m\u00f6chte Sie bitten, es mich wissen zu lassen, wenn sie meinen Brief bekommen haben, in dem ich Ihnen von meinem Leben berichtet habe und von der Geschichte Russlands, wo am 7. November 1917 die Bolschewiken an die Macht gekommen sind. Das war eine Trag\u00f6die f\u00fcr das ganze Volk und das ganze Land. Unter Stalin und Lenin haben viele Millionen unschuldiger Menschen ihr Leben verloren.<\/p>\n\n\n\n<p>[&#8230;]<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin am 23.6.1941, ganz jung im Alter von 16 Jahren, in den Krieg gezogen. Meine Schulklasse wurde komplett eingezogen und eine Verweigerung war unm\u00f6glich. So musste ich all die Gr\u00e4uel des Krieges und der Gefangenschaft durchleben. Ich konnte nicht verstehen und h\u00e4tte nie gedacht, wie unf\u00e4hig die sowjetische Armeef\u00fchrung war, die unbewaffnete Soldaten in den Kampf schickte \u2013 der Kommandeur sagte zu uns: \u201eWenn dein Kamerad stirbt, dann nimmst du eben sein Gewehr.\u201c Ein Soldat galt weniger als der Hund, der sich mit uns zusammen versteckt hielt und mitleidig jaulte mit Tr\u00e4nen unterlaufenen Augen. Kilometerlange Kolonnen gefangener sowjetischer Soldaten, die von zwanzig deutschen Soldaten bewacht wurden, die man sofort h\u00e4tte \u00fcberw\u00e4ltigen k\u00f6nnen. Die Soldaten gingen mit gesenkten K\u00f6pfen und erwarteten still den Tod.<\/p>\n\n\n\n<p>[\u2026]<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich im November 1941 in Gefangenschaft geriet, da wusste ich, dass mich der Tod erwartete, und passte einen g\u00fcnstigen Moment f\u00fcr die Flucht ab. Zwei Wachen gingen am Zaun vorbei, sie rauchten und unterhielten sich, dann gingen sie in verschiedene Richtungen auseinander. Ich trug meinen Mantel und darunter eine zerrissene Jacke. Die Kameraden dr\u00fcckten den Stacheldraht zur Seite, ich warf meinen Mantel hinein und schl\u00fcpfte durch die \u00d6ffnung auf die Stra\u00dfe. Dann ging ich ruhig vom Zaun fort. Der Posten hatte L\u00e4rm vom Stacheldraht geh\u00f6rt, drehte sich um und sah mich an, aber er begriff nicht, was los war, denn vor ihm stand jemand in Zivilkleidung. Er beobachtete mich, w\u00e4hrend ich mit der Menge weiterging. Ich bin nicht gerannt, und er ging ruhig an mir vorbei, blickte in die Menge und ging weiter. Wenn ich gerannt w\u00e4re, dann h\u00e4tte er mich get\u00f6tet. Dort waren Kinder, die uns Essbares \u00fcber den Zaun warfen: R\u00fcben, Kartoffeln, ein St\u00fcck Brot.<\/p>\n\n\n\n<p>So bin ich am Leben geblieben. Es gab viele t\u00f6dliche Vorf\u00e4lle. Neben uns heulten die Gesch\u00fctze, Bomben explodierten. Einmal passierte Folgendes: Unsere Kompanie griff an, vor uns die deutsche Abwehr, \u00fcber den K\u00f6pfen sirrten die Granaten, wenn sie in der N\u00e4he einschlugen. Ich ging und blickte zur deutschen Frontlinie hin\u00fcber, alles war ruhig, eine Kugel fliegt 330 m in der Sekunde, und zur deutschen Abwehr waren es 300 m. Pl\u00f6tzlich erstrahlte die ganze Abwehr in hellem Licht, man sah das Feuerkommando. Ich fiel hin und blieb liegen, alle neben mir fielen auch zu Boden, manche waren tot, andere verwundet. Ich kroch auf allen Vieren zur\u00fcck, fand eine Vertiefung im Boden, legte mich hinein und wartete ab, ob die Deutschen angreifen w\u00fcrden \u2013 zu meinem Gl\u00fcck griffen sie nicht an.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Wehrkommissariat sagte ich, meine Einheit sei 1941 zerschlagen worden und ich nach Hause zur\u00fcckgekehrt, wie alle, die \u00fcberlebt hatten. Wir waren bei Rostow von den Deutschen eingekesselt worden. Es war unm\u00f6glich, zu den eigenen Truppen durchzukommen. In diesem Jahr gab es einen fr\u00fchen Winter, am 7. November 1941 hatten wir schon -20 Grad Frost.<\/p>\n\n\n\n<p>Guten Tag, sehr geehrte Mitarbeiter der wohlt\u00e4tigen Organisation \u201eKontakte-\u041a\u043e\u043d\u0442\u0430\u043a\u0442\u044b\u201c, die sich f\u00fcr eine Rehabilitierung der sowjetischen Kriegsgefangenen einsetzt, die gegen ihren Willen in Gefangenschaft geraten sind \u2013 sie wurden von der sowjetischen Armeef\u00fchrung einfach unbewaffnet in den Tod geschickt, an die deutschen Nazitruppen ausgeliefert. In der Gefangenschaft starben sie millionenfach den Leidenstod in Folge von Hunger und K\u00e4lte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich, Waldimir Iwanowitsch Tschirkow, bin Augenzeuge ihres qualvollen Todes. Ich selbst habe auch die Gr\u00e4uel des Todes durchlebt, bin aber am Leben geblieben, weil ich vorher wusste, dass die Gefangenschaft unausweichlich war und mich darauf vorbereitet hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte mir Zivilkleidung und Lebensmittel besorgt, hatte in meinem Armeesack Zwieback und Grie\u00df, was ausreichte, dass ich etwa zwei Wochen keinen Hunger leiden musste. Das hat mich vor dem Tod bewahrt. Nachdem wir in Gefangenschaft geraten waren, trieben sie uns in einer Kolonne von mehr als 1000 Personen Richtung Westen, zu essen bekamen wir verschiedene Tierkadaver. Ich a\u00df das nicht. Unter meinem Mantel versteckt trug ich warme Kleidung. Als wir die Station Wolnowacha erreichten, passte ich einen g\u00fcnstigen Moment ab, warf meinen Mantel hin und rannte durch den noch nicht fertigen Stacheldrahtzaun. So konnte ich mich retten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie haben geschrieben, dass f\u00fcr die sowjetischen Kriegsgefangenen ein Mahnmal aufgestellt werden sollte. Ich m\u00f6chte einen Vorschlag machen, wie es aussehen k\u00f6nnte. Es muss erh\u00f6ht stehen: auf einem Sockel von etwa drei Meter H\u00f6he steht eine etwa zwei Meter gro\u00dfe Skulptur. Zu beiden Seiten des Denkmals stehen Pf\u00e4hle aus Metall, zwischen denen Stacheldraht gespannt wird. In der Mitte ist eine \u00d6ffnung, die der Soldat auseinander biegt, in der rechten Hand h\u00e4lt er eine Feldm\u00fctze mit dem Sowjetstern, seine linke Hand ist leer, blut\u00fcberstr\u00f6mt. Er tr\u00e4gt eine Soldatenuniform, man sieht darunter sein gestreiftes Hemd, an den F\u00fc\u00dfen Soldatenstiefel. Auf der Brust und auf dem R\u00fccken hat er zwei Buchstaben in roter Farbe, \u201eSU\u201c. Am Kopf tr\u00e4gt er einen blutigen Verband. Auf dem Sockel steht in Goldlettern das Wort \u201eAljoscha\u201c. Die Inschrift auf dem Sockel sagt: In ewigem Gedenken an die sowjetischen Soldaten, die in der Nazi-Gefangenschaft gestorben sind. Am Fu\u00dfe des Denkmals brennt ein Ewiges Licht. Neben dem Mahnmal stehen Vitrinen, in denen Fotos und Filme von den sowjetischen Gefangenen gezeigt werden. [&#8230;]<\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcnsche Ihnen allen das Allerbeste,<\/p>\n\n\n\n<p>Wladimir Iwanowitsch Tschirkow<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zeitungsartikel aus dem Jahr 2008<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAls der Krieg begann, ging ich in die neunte Klasse der Mittelschule Nr. 1 in Dneprowsk und hatte gerade meine letzte Pr\u00fcfung in Physik abgelegt\u201c, erinnert sich Wladimir Iwanowitsch Tschirkow. \u201eAm 32.6.1941 begannen die Wehrkommissariate, milit\u00e4rische Einheiten zusammenzustellen. Bei uns in Kamenka wurde ein Jagdkampfbataillon formiert, dem ich zugeteilt wurde. Wir bekamen Karabiner und die Aufgabe, die staatlichen Einrichtungen wie die Bank und die Post zu bewachen. Au\u00dferdem sollten wir den Kampf gegen Spione aufnehmen. Das ging so bis zum 10. August, als die Deutschen fast den Dnjepr erreicht hatten. Da wurden wir in die Armee eingezogen und ich kam zum 742. Sch\u00fctzenregiment in der 164. Sch\u00fctzendivision der 18. Armee.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 17.8. nahmen die Besatzer Nikopol ein und versuchten, den Dnjepr zu \u00fcberqueren. Die Deutschen sprengten den Damm am Dnjepr-Wasserkraftwerk und wir wurden vom Wasser \u00fcberflutet. Ich wei\u00df noch, dass meine Kameraden und ich uns in der Nacht nur mit M\u00fche vor den Fluten retten konnten. Die Deutschen r\u00fcckten schnell vor und wir wichen vor ihnen zur\u00fcck. Beim Dorf Walki Wasilewskij wehrten wir die Deutschen bis zum 25. September ab. Es war ein ungleicher Kampf&#8230; Bald danach wurden wir abberufen, um den Armeestab zu retten, der beim Dorf Popowka stationiert war. Aber der Feind war st\u00e4rker und unseren Truppen an Zahl und Ausr\u00fcstung \u00fcberlegen. Wir mussten wieder den R\u00fcckzug antreten und hatten nun schon keine Waffen oder Verpflegung mehr. Die Kommandoleitung \u00fcberlie\u00df uns uns selbst und jeder versuchte sich vor den Deutschen zu retten wie er konnte. Ich marschierte mit einer Gruppe Kameraden Richtung Osten. Am 14.11. wurden wir beim Dorf Marjewka im Gebiet Rostow von Leuten der Polizai angehalten und an die Deutschen ausgeliefert.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>So geriet Wladimir Iwanowitsch Tschirkow zum ersten Mal in deutsche Kriegsgefangenschaft. Die Kriegsgefangenen mussten Holz hacken, mit dem die H\u00e4user beheizt wurden, in denen die Besatzer lebten, sie selbst hausten in den Pferdest\u00e4llen und bekamen Tierkadaver zu essen. Bald darauf wurde eine Gruppe Kriegsgefangener in ein Lager an der Bahnstation Wolnowacha \u00fcberf\u00fchrt, in dem 1000 Personen untergebracht waren. Dort mussten die Gefangenen Waggons mit Munition entladen. Die Nazis behandelten sie wie Vieh. Die Leichen derer, die nicht durchhielten und starben, wurden in die Panzerabwehrgr\u00e4ben geworfen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAm 25.12. feierten die Deutschen katholisches Weihnachten, und aus diesem Grund wurden die Wachen reduziert. Ich nutzte diese Chance und floh mit Hilfe meiner Kameraden aus dem Lager. Ich mischte mich unter die Zivilbev\u00f6lkerung und suchte nach einer M\u00f6glichkeit, nach Kamensk zur\u00fcckzukehren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einem langen Marsch kehrte Wladimir Iwanowitsch Tschirkow Anfang 1942 nach Hause zur\u00fcck und fand seine Mutter. Am n\u00e4chsten Tag ging er zur Dorfverwaltung und meldete sich. \u201eDort fragten sie mich aus, wo ich gewesen sei und was ich gemacht habe. Ich sagte ihnen, dass ich in den Sch\u00fctzengr\u00e4ben gewesen war und danach in der Gefangenschaft. Dass ich in der Armee gewesen war und gek\u00e4mpft hatte, verschwieg ich ihnen, denn sonst h\u00e4tte ich mir mein eigenes Todesurteil gef\u00e4llt: Alle, die das zugegeben hatten, wurden am 20.2.1942 in Nikopol erschossen (heute steht an dieser Stelle ein Mahnmal)&#8230; Da ich von irgendetwas leben musste, suchte ich mir Arbeit in der Kolchose. Im Mai 1942 begannen die Deutschen damit, junge Leute zur Zwangsarbeit nach Deutschland zu deportieren, und ich geriet in eine Gruppe von 50 Personen, in der junge M\u00e4nner und Frauen waren. Es gab keine M\u00f6glichkeit, der erneuten Sklavenarbeit zu entkommen&#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>So landete Wladimir Iwanowitsch Tschirkow Anfang Juni 1942 in Deutschland. Nach einem Durchgangslager kam Tschirkow mit einer Gruppe von 300 Personen zur Zwangsarbeit in Duisburg am Rhein. Dort gab es auf dem Gel\u00e4nde eines Metallurgischen Werks ein Lager f\u00fcr Gefangene. Wladimir Tschirkow &#8230; wurde einer Brigade zugeteilt, die eine Eisenbahnlinie zum Werk bauen und Waggons entladen musste.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00dcbersetzung aus dem Russischen: Valerie Engler<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ukraine, Gebiet Saparoshje 2010 Sehr geehrte Organisatoren der Wohlt\u00e4tigkeitsstiftung \u201eKontakte-\u041a\u043e\u043d\u0442\u0430\u043a\u0442\u044b\u201c, Ich, Wladimir Iwanowitsch Tschirkow, ehemaliger sowjetischer Soldat, im November 1941 in Gefangenschaft geraten, m\u00f6chte Sie bitten, es mich wissen zu lassen, wenn sie meinen Brief bekommen haben, in dem ich Ihnen von meinem Leben berichtet habe und von der Geschichte Russlands, wo am 7. 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