{"id":4001,"date":"2020-10-23T18:55:00","date_gmt":"2020-10-23T16:55:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=4001"},"modified":"2021-01-29T16:22:42","modified_gmt":"2021-01-29T15:22:42","slug":"nina-michajlowna-g-freitagsbrief-nr-146","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/nina-michajlowna-g-freitagsbrief-nr-146\/","title":{"rendered":"Nina Michajlowna G. \u2013 Freitagsbrief Nr. 146"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Rivne Ukraine<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sehr geehrte [\u2026]<\/p>\n\n\n\n<p>Von ganzem Herzen danke ich Ihnen f\u00fcr Ihren Brief und die Hilfe in Form von Medikamenten, die man in meinem Alter unbedingt ben\u00f6tigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein bisschen \u00fcber mich: Ich bin in eine kinderreiche Dorf-Familie hineingeboren. Meine Eltern hatten sieben Kinder. 1941 \u00fcberfiel Deutschland heimt\u00fcckisch die Sowjetunion. Mein Vater ging sofort zur Verteidigung der Heimat an die Front.<\/p>\n\n\n\n<p>Im September 1943 begann die gewaltsame Evakuierung meiner Familie im Visier von Maschinengewehren: Meine Mutter und die Kinder im Alter von 2 bis 17 Jahren (ich war sieben Jahre alt) wurden nach Deutschland verschleppt. Man kann sich vorstellen, wie entsetzlich das war; wir mussten schlie\u00dflich die gro\u00dfe Wirtschaft verlassen, von der unsere ganze kinderreiche Familie lebte. Wir durften nur genug Essen und Wasser f\u00fcr die Reise nach Deutschland mitnehmen. Wir und einige andere Familien wurden in einen G\u00fcterwagen verfrachtet und der Zug fuhr los[\u2026] Im Wagen gab es ein B\u00fcndel Stroh und einen Toiletteneimer und sonst nichts. Das war entsetzlich und furchtbar. Wir schliefen im Stehen, im Sitzen, in der Hocke, so gut es ging. Bald waren unsere Essens- und Wasservorr\u00e4te zu Ende. Im Wagen stand die Luft, die Kinder weinten, es stank, bis heute erinnere ich mich an diese Schrecknisse.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wurden nach Cottbus gebracht und in ein Arbeitslager gesteckt. Unsere Mutter arbeitete bei einem Bauern in der Landwirtschaft. Der \u00e4lteste, 17-j\u00e4hrige Bruder arbeitete in einer Lokomotiven-Fabrik, meine \u00e4lteste, 15-j\u00e4hrige, Schwester als Putzfrau im Lager. Unsere Mutter und die \u00e4lteren Geschwister arbeiteten sehr hart, 12 \u2013 15 Stunden, unter Androhung von Peitschenhieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die mittleren Kinder, darunter auch ich, k\u00fcmmerten sich um die j\u00fcngsten. Wir bekamen die meiste Zeit Kohlr\u00fcben zu essen und hatten gro\u00dfen Hunger. Meine 9-j\u00e4hrige Schwester und ich gingen manchmal betteln. Manche Leute gaben uns etwas zu essen oder gaben uns ein St\u00fcckchen Brot mit, andere hetzten die Hunde auf uns.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Leben im Lager war sehr schwer. Durch das schlechte Essen erkrankte unser j\u00fcngerer Bruder an Rachitis und konnte nicht mehr laufen. 1944 begann im Lager eine Typhusepidemie. Meine Schwester Tonja und mein Bruder Ljonja erkrankten sehr schwer. Ljonja \u00fcberstand den Typhus nicht \u2013 er starb. Meine Schwester \u00fcberlebte zum Gl\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 21. April 1945 nahm unsere Armee Cottbus ein und befreite uns. Dieses Datum erfuhr ich vor 5, 6 Jahren durch eine Fernseh-Kriegschronik.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt bin ich 84 Jahre alt, von meiner ganzen, gro\u00dfen Familie bin nur ich noch am Leben. Wie ich schon gesagt habe, starb mein Bruder Leonid Mihajlovich Puzanenkov, geboren 1931\/32, &nbsp;in Deutschland an Typhus. Es war Krieg, und er wurde nicht weit vom Lager entfernt an einer Stra\u00dfe begraben. Mein ganzes Leben lang erinnere mich mit Schmerzen an meinen Bruder. Ich w\u00e4re Ihnen sehr dankbar, wenn Sie etwas \u00fcber ihn in Erfahrung bringen k\u00f6nnten. Vielleicht liegt er in einem Massengrab.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wohne jetzt bei meiner Schwiegertochter und dem Enkel \u2013 sein Vater, mein Sohn, starb 2011. Auch mein Mann ist gestorben \u2013 vor 13 Jahren. Ich habe Kinder, Enkel und Urenkel.<\/p>\n\n\n\n<p>Gesundheitlich geht es mir schlecht: ich h\u00f6re schlecht, habe ein H\u00f6rger\u00e4t, Asthma, Enzephalopathie, eine degenerative Erkrankung der Wirbels\u00e4ule, so dass ich nicht stehen und nicht laufen kann: ich gehe nur am Stock.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;Aber ich gebe nicht auf und bem\u00fche mich, aktiv zu leben. Sehr oft erinnere ich mich an die schrecklichen Kriegsjahre und die Heimsuchungen, die meine Generation erleiden musste. Deshalb verstehe ich, dass das Wichtigste der Frieden auf unserem Planeten ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Dankbarkeit f\u00fcr Ihre Arbeit, Ihre Hilfe<\/p>\n\n\n\n<p>Nina Mihajlovna G. &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>17. September 2020, Rovno [sic!], Ukraine<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rivne Ukraine Sehr geehrte [\u2026] Von ganzem Herzen danke ich Ihnen f\u00fcr Ihren Brief und die Hilfe in Form von Medikamenten, die man in meinem Alter unbedingt ben\u00f6tigt. Ein bisschen \u00fcber mich: Ich bin in eine kinderreiche Dorf-Familie hineingeboren. Meine Eltern hatten sieben Kinder. 1941 \u00fcberfiel Deutschland heimt\u00fcckisch die Sowjetunion. 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